Gesundheit Achtung: Männerschnupfen

Oft ernten Männer, die unter Erkältungen leiden, reichlich Spott für ihre angebliche Wehleidigkeit. Dabei sind die Geschlechter tatsächlich unterschiedlich empfänglich für bestimmte Krankheiten.


TEXT: Christian Heinrich

Der Countdown läuft. Mit dem Beginn der Winterzeit werden die ­Erkältungswellen in Deutschland wieder Hunderttausende plagen – und die Männer erwischt es dabei besonders hart. So scheint es. Die Medien haben das Phänomen „Männergrippe“ getauft. Und jeden Winter geht die Diskussion aufs Neue los: Sind Männer tatsächlich empfindlicher gegenüber Viren und Bakterien? Oder beschweren sie sich nur lauter?

Einige Forscher spekulieren, das männ­liche Abwehrsystem könnte tatsächlich anfälliger sein, weil das Hormon Testosteron bestimmte Gene aktiviert, die Immun­reaktionen unterdrücken. Überhaupt spielen die Hormone anscheinend eine umfassendere Rolle als bisher angenommen: „Geschlechtshormone wirken vom ersten bis zum letzten Atemzug ständig im ganzen Körper“, sagt Vera Regitz-Zagrosek von der Charité Berlin. Womöglich ist zum Beispiel das Hormon Östrogen dafür verantwortlich, dass Frauen effektiver Antikörper bilden.

Neue Forschungsresultate

Immer mehr Forschungsergebnisse weisen so darauf hin, dass es abseits der Geschlechtsorgane stärkere körperliche Unterschiede zwischen Frau und Mann gibt, als man bislang dachte. Und zwar so viele, dass es für die Medizin relevant wird. Längst bekannt ist, dass die Wahrscheinlichkeit, bestimmte Krankheiten zu bekommen, auch mit dem Geschlecht zu tun hat. So treffen laut Statistik viele Infektionskrankheiten wie Lungenentzün­dung und Malaria häufiger Männer als Frauen – und führen auch öfter zu Komplikationen. Andererseits leiden Frauen achtmal häufiger an der Schilddrüsen­erkrankung Morbus Basedow.

Wer diese Unterschiede kennt, kann besser heilen. „Eine geschlechtsspezifischere Diagnostik kann die Qualität der ärztlichen Versorgung spürbar verbessern“, sagt Vera Regitz-Zagrosek, die ­einen der ersten Lehrstühle in Deutschland für Gendermedizin innehat. Bei Diabetes mellitus etwa unterscheiden sich neben den Krankheitshäufigkeiten zudem auch die Symptome. Die Zuckerspiegel sind bei Frauen in der Anfangsphase oft anders als bei Männern – ein Hausarzt, der das weiß, kann Diabetes besser diagnostizieren und das Risiko irreversibler Gefäßschäden minimieren.

Unternehmen Gesundheit

Nicht nur die körperlichen Unterschiede, auch die gesellschaftlichen Rollen haben Einfluss auf die Gesundheit. „Frauen­ betrachten ihren Körper meist alsTeil ihres Ichs, Männer sehen ihn eher als Werkzeug. Und das ist ihr Nachteil“, sagt Theodor Klotz, Chefarzt am Klinikum Weiden und Vorstand der Stiftung Männergesundheit. Der Körper habe einfach zu funktionieren, weshalb sich manche ihm gegenüber rücksichtslos verhielten. Dies erkläre auch, warum Männer nachweislich weniger zu Vorsorgeuntersuchungen gehen, vor allem in jungen Jahren mehr Risiken eingehen und auch in mehr Unfälle verwickelt sind.

Je mehr die Erkenntnisse über die unterschiedliche Physiologie der Geschlechter zunehmen, desto genauer und differenzierter werden die Entscheidungen über die passende Therapie. So ist zum Beispiel bei Männern auf dem Gebiet der Herz­gesundheit eine Bypassoperation statistisch aussichtsreicher, während bei Frauen die Resynchronisationstherapie größere Erfolgschancen hat. Bei dieser Behandlung sorgt ein spezieller Schrittmacher dafür, dass sich die Herzkammerwände wieder synchron zueinander bewegen. So können sich die Patienten nach der Operation häufig wieder besser belasten.

In den meisten Praxen und ­Kliniken werden solche Erkenntnisse allerdings noch kaum berücksichtigt. Dabei zeigt sich auch bei immer mehr Medikamenten, dass für die richtige Dosierung das Geschlecht wichtig ist. Frauen bauen wegen ihrer andersartigen Enzymausstattung in Leber und Niere viele Antidepressiva langsamer ab, ähnlich verhält es sich bei dem harntreibenden Blutdrucksenker Torasemid. In einigen Fällen stellte sich sogar heraus, dass Medikamente dem einen Geschlecht helfen, während sie dem ­anderen schaden – obwohl es nicht
um ge­­schlechtsspezifische Organsysteme geht. Das Herz­medikament Digoxin etwa verhilft Männern zu einer höheren Lebensqualität, während es bei Frauen die Sterblichkeit leicht erhöht.

Herz-Kreislauf-Erkrankungen: bei Frauen oft zu spät erkannt

Wissen wie dieses verdichtet sich in der noch jungen Disziplin der Gendermedizin. Der Fachbereich erlebt einen Boom, befeuert durch wissenschaftliche Erkenntnisse. Doch noch ist ein weiter Weg zurückzulegen: Die Grundannahme, dass die Körper von Männern und Frauen in den meisten Bereichen weitgehend gleich funktionieren, prägt die ­Medizin bis ­heute. Und manchmal sind die dahinterliegenden Gründe ganz schlichter Natur: Weil Männer keine ­Periode haben, sind sie in Versuchen einfacher zu handhaben. In klinischen Studien gibt es deshalb weit mehr männliche Probanden. Die Folge: Männer sind medizinisch die Norm.

Die Gendermedizin könnte hier zu Veränderungen führen. Auch der Männerschnupfen kann dazu seinen Beitrag leisten. Statistisch ist er zwar nicht nachzuweisen, denn die Krankheitszeiten von Männern und Frauen unterscheiden sich bei Grippe kaum. Die Diskussion um den Männerschnupfen kann allerdings das Bewusstsein dafür schärfen, dass die Unterschiede der Geschlechter medizinisch sehr wohl eine Rolle spielen können. Ob es sich nun um Wehleidigkeit handelt oder nicht.

Stand: 13.11.2018