28.3.2019 | MARKTAUSBLICK „Aktiv zu sein ist wichtiger denn je”

Das Börsenjahr 2019 hat positiv begonnen. Stefan Keitel, Chefanlagestratege der Deka, erwartet aber Rückschläge auf dem Weg nach oben. Um gute Erträge zu erwirtschaften, müssen Anleger alle Register ziehen.


TEXT: Daniel Evensen

Herr Keitel, auf ein rabenschwarzes Ende des Börsenjahrgangs 2018 folgte ein glanzvoller Start ins Börsenjahr 2019. Wie erklären Sie sich diesen abrupten Trendwechsel?
Bis Dezember hatte die US-Notenbank Fed in schöner Regelmäßigkeit die Leitzinsen erhöht. Fed-Präsident Jerome Powell sprach sogar von einem Zinsanhebungskurs auf Autopilot. Mit Blick auf die ohnehin großen Fragezeichen zur konjunkturellen Entwicklung jagte er damit den Marktteilnehmern einen gehörigen Schrecken ein. Denn der Fed wird nachgesagt, dass sie mit zu schnellen oder starken Zinsanhebungen in der Vergangenheit schon häufig Rezessionen in den USA ausgelöst hat. Anfang Januar hat Jerome Powell dann etwas überraschend den Autopiloten wieder abgeschaltet. Die Erleichterung war groß.

Jetzt fährt die Fed auf Sicht?
So ungefähr. Powell verspricht eine geduldigere Geldpolitik, die den zuletzt schwächeren Wirtschaftsindikatoren stärker Rechnung tragen soll. Er will abwarten, wie sich die Dinge entwickeln.

Also kein Grund zur Sorge mehr?
So weit würde ich nicht gehen. Die Weltwirtschaft befindet sich praktisch seit dem Ende der Finanzmarktkrise 2009 in einem Aufschwung. Wenn in einer solchen reifen Phase des Konjunkturzyklus wiederholt schlechte Zahlen aus der Wirtschaft publik werden, wirft das Fragen auf: Ist das eine vorübergehende Schwächeperiode? Oder droht eine harte Landung?

DEKA-CHEFSTRATEGE STEFAN KEITEL

Bild: DekaBank; Frank Reinhold

Welche Antwort gibt die Deka?
Wir gehen zwar Stand heute nur von einer Delle beim Wachstum aus, aber die Nervosität der Investoren wird sich nicht so schnell legen. Denn die schwächelnde Konjunktur geht mit Gewinnwarnungen von Unternehmen und ungelösten Problemen wie dem Brexit oder internationalen Handelskonflikten einher. Bei dieser Gemengelage sind Rückschläge an den Aktienmärkten jederzeit möglich. Wenn sich in den kommenden Monaten aber abzeichnet, dass die Angst vor einer Rezession übertrieben ist, sollten wir am Jahresende höhere Kurse sehen als heute.

Was wird die Anleger dazu bewegen, auf Aktien zu setzen?
Da im letzten Jahr die Kurse stärker gefallen sind als die Gewinne der Unternehmen, sind Aktien günstiger geworden. Hinzu kommen die Dividenden. Man kann davon ausgehen, dass die Leitzinsen in den USA nicht mehr wesentlich steigen und in Europa bei Null bleiben. Unter dieser Voraussetzung gewinnen Dividenden im Vergleich an Attraktivität.

Aber ich könnte als Anleger doch vorerst auf Nummer Sicher gehen und warten bis die Konjunkturflaute vorüber ist, oder?
Nein, das sollten Sie nicht tun. Sparpläne sollten Sie einfach weiterlaufen lassen. Einzelinvestments können Sie in eine Handvoll kleinere Portionen aufteilen, um einen ungünstigen Einstiegszeitpunkt zu vermeiden. Aber Sie sollten sie nicht auf die lange Bank schieben. Denn an der Börse wird die Zukunft gehandelt. Wer wartet, bis die Konjunktur wieder Fahrt aufnimmt, der würde einen guten Teil möglicher Kursgewinne verpassen. Das wäre in Zeiten wie diesen besonders ärgerlich.

Was meinen Sie mit „Zeiten wie diesen“?
Das Ertragspotenzial von Wertpapieren ist gut, aber nicht mehr so üppig wie in den letzten Jahren. Statt 10 Prozent sind bei Aktien künftig im Schnitt eher 5 Prozent jährlich erreichbar, bei Anleihen spürbar weniger. Zugleich bleiben die Kursschwankungen beträchtlich. Also müssen Anleger etwas höhere Risiken für eine attraktive Rendite eingehen. Und Fondsgesellschaften sind gefordert, mit Strategie und Taktik mehr für die Anleger herauszuholen. Aktives Fondsmanagement ist wichtiger denn je.

Die Deka beweist dabei ein gutes Gespür. 2017 und 2018 gab es fünf Sterne beim Capital Fonds-Kompass sowie viele weitere Auszeichnungen. Wie haben Sie das hinbekommen?
Als ich Anfang 2016 zur Deka gekommen bin, habe ich mit meinen Teams weiter den Investmentprozess methodisch optimiert. Wir haben mit dem Investment- und dem Anlage-Komitee zentrale Gremien, die das Wissen unserer Volkswirte, Investmentstrategen und Fondsmanager aufnehmen und zusammenbringen. Hier wird in zwei Stufen – zunächst strategisch, dann taktisch – die Grundausrichtung unserer Fonds definiert. Weil wir die Fondsmanager bei dieser Aufgabe entlasten, können sie sich darauf konzentrieren, nach chancenreichen Sektoren und Titeln für ihre Portfolios Ausschau zu halten. Diese Arbeitsteilung bewährt sich gerade im aktuellen Marktumfeld, in dem kurzfristigere Investmententscheidungen hohe Bedeutung haben. Früher trug die grundlegende Strategie etwa 75 Prozent zur Performance bei und die Taktik 25 Prozent, inzwischen hält es sich eher die Waage.

Haben Sie ein Beispiel dafür, wie sich das Konzept auszahlt?
Ja, das rabenschwarze Jahresende 2018, das die meisten – auch uns – überraschte. Während viele Investoren verschreckt ihre Aktien prozyklisch verkauften, hielten wir uns konsequent an unseren Investmentprozess. In unserem Anlagekomitee legen wir dezidiert Einschätzungen nebeneinander, gewichten sie nach einer festen Methodik und ermitteln Investmentquoten für eine Vielzahl verschiedener Anlageklassen. Bei Aktien hielten wir zu Jahresbeginn an den vergleichsweise hohen Gewichtungen fest. Die Fondsmanager setzten dies in den Portfolios um und konnten am hervorragenden Börsenstart 2019 gut partizipieren.

Welche Faktoren spielen bei der Entscheidungsfindung im Komitee eine Rolle?
Das reicht von fundamentalen und volkswirtschaftlichen Kennzahlen bis zur technischen und sentimentsbezogenen Chartanalyse. Alle aufzulisten würde zu weit führen, einen Faktor möchte ich aber anfügen: Nachhaltigkeit spielt zunehmend eine Rolle bei der Entscheidung, ob wir in einem Segment engagiert sein wollen oder nicht. Nachhaltiges Investieren hat für uns als Wertpapierhaus der Sparkassen von jeher eine große Bedeutung und sie wird weiter wachsen. Wir nehmen uns auch diesbezüglich viel vor.

Stand: 28.3.2019