Gapminder Alle Macht den Fakten

Think-Tanks kennt man, aber was bitte ist ein Fact-Tank? Die schwedische Gapminder-Stiftung präsentiert uns Fakten in einer völlig neuen Form – und widerlegt damit viele Vorurteile und Stereotype. Mit Co-Gründerin Anna Rosling Rönnlund sprach fondsmagazin über die Macht des Wissens.


TEXT: Yorca Schmidt-Junker

Statistiken waren lange Zeit Expertensache und für die breite Öffentlichkeit oftmals nur schwer verständlich. Was macht Gapminder anders?
Wir wollen Statistiken in einem neuen Kontext präsentieren. Nicht mehr kompliziert und langweilig, sondern global und sozioökonomisch relevant, verständlich und optisch ansprechend. Also haben wir eine Animationssoftware mit Blasendiagrammen entwickelt, die Statistiken sehr eingängig und plastisch abbildet.

Ihr aktuelles Projekt heißt Dollar Street und ordnet 328 Familien aus 64 Ländern nach ihrem Monatseinkommen auf einer virtuellen Straße an. Worum geht es bei diesem Projekt genau?
Wir wollen fotodokumentarisch belegen, wer die Menschen hinter diesen Zahlen sind – und wie sie leben und ihren Alltag bestreiten. Nehmen wir Malawi: Wir ­haben anhand uns vorliegender Daten eruiert, wie hoch das monatliche Einkommen der ärmsten 20 Prozent im Land ist. Und dann haben wir geschaut, wie genau diese Menschen leben, und das fotografisch dokumentiert. Meist sind das dann Behausungen in dörflicher Umgebung ohne Strom, mit blankem Lehmboden, einer externen Feuerstelle und einer mehr oder minder nah gelegenen Wasserquelle. Mit steigendem Einkommen können wir dann sehen, wie sich die Lebensumstände der Menschen ändern und verbessern – in Malawi, aber auch in allen anderen am Projekt beteiligten Ländern. Und da gibt es erstaunliche Überschneidungen.

Inwiefern?
Wir haben festgestellt, dass unabhängig von der geografischen Lage, der Kultur und Ethnie, der Hautfarbe und der Religion alle Familien auf einem ähnlichen Einkommenslevel nahezu gleich leben. Das ließ sich plastisch an einer so einfachen wie überraschenden Tatsache festmachen: Als ich das Fotomaterial sichtete, fiel mir auf, dass in nahezu ­allen Haushalten – egal ob in China, ­Kamerun oder den USA – eine Form von Wandschmuck zu finden ist. Selbst in den einfachsten Hütten. Das Bedürfnis, sein Zuhause – in welcher Form auch immer – zu verschönern, scheint demnach allen Menschen eigen.

Somit widerlegt Dollar Street auch Vorurteile und Stereotype, die wir über Länder und Kulturen sowie Armut und Reichtum haben?
Das Projekt beweist, dass uns viel mehr eint als trennt. Und ich denke, dass diese Erkenntnis für die Lösung unserer globalen Probleme essenziell ist. Wenn es uns gelingt, unsere Vorurteile und unser Nichtwissen zu überwinden, dann wäre das ein gewaltiger Schritt für uns alle.

Gapminder nennt die Bekämpfung der von Ihnen soeben erwähnten Ignoranz als eines seiner wichtigsten Ziele. Können Sie das näher erklären?
Wir haben auf unserer Website einen Test konzipiert, der den User mit scheinbar einfachen Fragen zum Weltwissen konfrontiert. Zum Beispiel über die Geburtenrate in Entwicklungsländern oder das weltweit durchschnittliche Lebensalter. Tatsächlich liegen 89 Prozent der Befragten in diesem Multiple-Choice-Test komplett daneben. Die Statistiken zur Entwicklung der Welt, die wir auf Gapminder präsentieren, widerlegen viele der vorgefertigten Annahmen, die wir als vermeintliche Fakten verinnerlicht haben.

Woran liegt es, dass wir trotz zunehmender Transparenz und omnipräsenter Informationsflut in vielen Bereichen immer noch so falsch liegen?
Durch die Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern und den daraus resultierenden Gapminder-Tests haben wir herausgefunden, dass der Mensch zum Drama neigt. Wir sind darauf konditioniert, dramatische Vorgänge eher zu verinnerlichen und nachhaltiger abzuspeichern als vergleichsweise nüchterne Tatsachen. Das führt zu einer verzerrten Wahrnehmung und einer pessimistischen Weltsicht.

Welche Folgen hat das?
Haben wir erst einmal eine negative Sicht auf die Dinge entwickelt, verursacht das zunächst Stress, dann Lähmung. Das Risiko, auf Basis von Ignoranz und ­Pessimismus falsche oder überhaupt keine Entscheidungen zu treffen, steigt. Konstruktive Ideen und die Suche nach ­kreativen Lösungsansätzen rücken somit in weite Ferne.

Soeben ist Ihr Buch „Factfulness“ erschienen. Auch hier geht es um die Diskrepanz zwischen Wahrnehmung und Faktenlage.
Die Keymessage des Buches ist, einen entspannteren Umgang mit dem Wissen über uns selbst und die Welt zu ent­wickeln. Ich glaube, die seriösen Medien tun ihr ­Bestes, um die Weltlage korrekt wieder­zugeben, aber dennoch kommt vieles falsch bei den ­Menschen an. ­Deshalb sollten wir ­unser Konsum­verhalten – auch und gerade im Bezug auf Medien – ­ändern, indem wir genauer hinschauen, verstärkt selektieren und uns mehr auf Hintergründe und solide Fakten fokussieren.

Bill Gates nennt Ihr Buch eines der wichtigsten, die er je gelesen hat.
Das ist doch mal ein Kompliment! (lacht). Und dann hoffe ich mal, dass sich andere Leser diesem Urteil anschließen.