Börsenrückblick 2018 Alles andere als kalter Kaffee

Ein global aufregendes Jahr in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft geht zu Ende: fondsmagazin zeigt eine Auswahl wichtiger Ereignisse, erklärt, was sie für die Kapitalmärkte und Anleger bedeuteten – und oft auch noch 2019 bedeuten werden.


TEXT: Peter Weißenberg

Januar

Das ist geschehen: Das Feuerwerk vom Jahreswechsel ist kaum verklungen, da zündet die Börse schon das nächste. Dow und Dax erreichen Höchststände, gute Konjunkturnachrichten und Hoffnung auf eine noch bessere Entwicklung aufgrund der großen Steuerreform in den USA feuern die Märkte an.

Das bedeutet es: Nach einer alten Börsenregel soll die Entwicklung in der ersten Handelswoche richtungsweisend für das ganze Jahr sein – im Prinzip. Deka-Chefvolkswirt Ulrich Kater mahnt aber schon zu Jahresbeginn: „Diese Regel teilt das Schicksal aller Börsenweisheiten: Sie stimmt nur in der Hälfte aller Fälle.”

Februar

Das ist geschehen: Die letzte Sitzung von Janet Yellen an der Spitze der US-amerikanischen Notenbank setzt noch einmal anhaltend Zeichen – die Fed bleibt auf ihrem Kurs der Zinsanhebung in zunächst vier Schritten. Nachfolger Jerome Powell bleibt auf diesem Kurs. Die Börsen zeigen sich aber noch unbeeindruckt. Dank der Anhebung vieler Gewinnerwartungen aufgrund der US-Steuerreform bleiben dämpfende Leitzins-Effekte noch aus.

Das bedeutet es: Die 10-jährigen Renditen der Staatsanleihen jenseits und diesseits des Atlantiks reagieren auf die Fed-Ankündigungen bereits mit einem deutlichen Anstieg. Der Wind dreht noch nicht, aber er weht bereits ungleichmäßiger.

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März

Das ist geschehen: Es ist vollbracht: Nach der längsten Amtszeit einer geschäftsführenden Regierung steht endlich die neue schwarz-rote Koalition. Dass es überhaupt so lange gedauert hat, liegt daran, dass auch Deutschland nicht mehr über die festgefügte Parteienlandschaft der vergangenen Jahrzehnte verfügt. Ein Megatrend, der auch wirtschafts- und finanzpolitisch zumindest indirekt Folgen hat.

Das bedeutet es: Herausforderungen des 21. Jahrhunderts verlangen grundlegend neue Antworten. Dazu braucht es Stärke und Standvermögen. „Parteien tun sich schwer mit großen Entwürfen für die Welt von morgen – und fahren eher weiter auf Sicht”, kritisiert Ulrich Kater. Gerade in Hinsicht auf den digitalen Wandel sind aber in den kommenden Monaten strategische Entscheidungen gefragt.
 

April

Das ist geschehen: Der Handelsstreit zwischen den USA und China bringt den Aktienmärkten einen weiteren Looping in der Kurs-Achterbahn. Ob die Europäer in diesem Konflikt eine ausgleichende Rolle einnehmen können, ist fraglich. Zusätzlich sorgt wachsende Kritik an der gesellschaftlichen Verträglichkeit der Geschäftsmodelle großer Internetfirmen für Unsicherheit.

Das bedeutet es: „Alles deutet darauf hin, dass sich die Märkte noch für eine Weile wie Wackelpudding verhalten werden”, ist sich der Deka-Chefvolkswirt bereits in dieser frühen Phase des Jahres sicher – er soll recht behalten.

Mai

Das ist geschehen: Nach Zugewinnen in Wochen zuvor schlägt der Dax jetzt wieder die Gegenrichtung ein. Ein Grund: die politische Entwicklung in Italien, wo sich eine Regierung aus Rechts- und Linkspopulisten abzeichnet. „Da deren Vorhaben nur über erhebliche weitere Schuldenaufnahme umsetzbar sind, ist Streit mit den Euro-Partnerländern programmiert”, warnt Kater.

Das bedeutet es: Der drohende Stress mit der neuen italienischen Regierung in Verbindung mit dem schwelenden Handelsstreit mit den USA lässt die Erwartung aufkommen, dass sich die Europäische Zentralbank mit ihrem geldpolitischen Rückzug nun noch mehr Zeit lassen könnte.

Juni

Das ist geschehen: Halbzeit im Kapitalanlagejahr 2018. „Der Ausblick auf ein Ende der ultralockeren Geldpolitik in Europa und auf fortgesetzte Zinssteigerungen in den USA musste von den Aktienmärkten erst einmal verarbeitet werden. Dieser Prozess dauert an”, so Ulrich Kater. Mit rund 12.700 Punkten liegt der Dax Anfang Juni in etwa dort, wo ihn die Deka-Experten zur Jahresmitte erwartet hatten (12.600) – einschließlich des Italieneffekts. Die Konjunktur hat gehalten, „was wir uns von ihr versprochen haben: Deutschland und der Euroraum wachsen in diesem Jahr mit einer Rate von etwa 2 Prozent.”

Das bedeutet es: Die Fahrt durch die erste Jahreshälfte ist gelungen. Doch jetzt droht größeres Ungemach: „Einschränkungen des Außenhandels durch Zollrunden oder eine Lähmung der europäischen Kapitalmärkte aus Angst vor unsoliden Staatsfinanzen können im Extremfall die Konjunktur negativ beeinflussen”, warnt Kater schon.

Juli

Das ist geschehen: Das ifo-Geschäftsklima wird kaum verändert gemeldet, bei den Brexit-Verhandlungen reagiert die EU-Seite fast frostig auf die britischen Vorschläge, die EZB-Sitzung bringt keine neuen Impulse, und die Einigung von EU-Chef Jean-Claude Juncker und Donald Trump auf das Aufschieben weiterer Zollanhebungen „sollte euphoriebefreit kommentiert werden”, sagt Ulrich Kater. Schließlich ist der US-Präsident für seine Wankelmütigkeit bekannt – und Aufgeschoben ist nicht aufgehoben.

Das bedeutet es: Es bleibe abzuwarten, ob dieser konstruktive Kurswechsel des US-Präsidenten nachhaltig ist, sagt der Deka-Experte. Kritisch zu sehen sei es aber, wenn durch den „Waffenstillstand“ zwischen den USA und der EU der Druck der Vereinigten Staaten auf China wachse. „Dort könnte sich dann als Folge die Eskalationsspirale im Handelsstreit weiter drehen”, sieht Kater bereits voraus.

August

Das ist geschehen: Ein neuer Krisenherd: Die eingeleiteten Stabilisierungsmaßnahmen in der Türkei werden an den Märkten als nicht nachhaltig angesehen. Die Lira geht in freien Fall über, die Börsenkurse in Istanbul leiden mit.

Das bedeutet es: Ulrich Kater erklärt: „Die erneute Stärke des US-Dollars setzt die Finanzsysteme vieler Schwellenländer unter Druck; umso mehr, je höher deren Verschuldung in harter Währung ist und je mehr ein Land mit eigenen Zinserhöhungen gegensteuern muss.” Auch Länder wie Argentinien müssen darum nun verstärkt kämpfen.


September

Das ist geschehen: Die amerikanische Notenbank Fed macht den nächsten Zinsschritt und hebt die Zinssätze um einen Viertelprozentpunkt auf 2,25 Prozent. In Europa belasten zudem die Finanzpläne der neuen italienischen Regierung, ein klar über 2 Prozent liegendes Haushaltsdefizit anzustreben, und das für die nächsten Jahre.

Das bedeutet es: Auf die Verteuerung von Krediten müssen sich die Akteure erst noch einstellen. „Viele waren trotz der Signale der Fed von dauerhaft niedrigen Zinsen ausgegangen”, sagt Ulrich Kater. Die italienischen Pläne lassen zudem Befürchtungen vor neuen Querelen an den europäischen Finanzmärkten aufkommen.

Oktober

Das ist geschehen: In der zweiten Oktoberwoche geht es ohne erkennbaren direkten Anlass deutlich abwärts an den internationalen Aktienmärkten.

Das bedeutet es: „Insgesamt ist die fundamentale Lage nicht so schlecht, wie es die Stimmung nahelegt”, sagt Ulrich Kater. Ob es ein freundliches Jahresende an den Märkten gibt, hänge auch vom Ausblick der Unternehmen in der Quartalsberichterstattung an, die gerade beginnt. Bis auf die Autoindustrie haben sich die Konzerne allerdings gut gehalten – und die Autobranche sieht nach den Belastungen durch die WLTP-Umstellung in den anschließenden Monaten auch wieder Aufholpotenzial. Kater warnt aber: „Schließlich werden auch die politischen Themen, wie der Haushaltsstreit in Italien oder die Handelskonfrontation mit China immer wieder Schlagzeilen liefern, die ihre Spuren in den Kursverläufen zeigen.” Unsicherheit an breiter Front also ...

November

Das ist geschehen: Der angestrebte Brexit-Deal zwischen der britischen Regierung und der EU-Kommission bestimmt die Schlagzeilen und den Kurs des Britischen Pfundes. „Die Ereignisse rund um den Ausstieg Großbritanniens aus der Europäischen Union zeigen, wie schwierig es für einen kleineren Partner ist, wirtschaftliche Interessen gegenüber einem mehrfach größeren Markt durchzusetzen”, sagt Ulrich Kater – nicht nur mit Blick auf den Brexit. Auch global gesehen werden solche Konflikte häufiger.

Das bedeutet es: „Wirtschaftliche Offenheit schränkt die eigene Souveränität ein, und zwar unabhängig von der Mitgliedschaft in einer Union – das ist die Lehre des bisherigen Brexit-Projekts”, so Kater. Neben der Abwertung des Pfundes tragen die unsicheren Perspektiven wegen des Brexits nicht gerade zur Risikobereitschaft bei – und diese Aussichten klaren sich auch zum Jahresende nicht auf. Zusammen mit dem ebenfalls unsicheren Konjunkturausblick führt das zu weiteren Kursrückgängen bei europäischen Aktien und vor allem Unternehmensanleihen. „Darin spiegeln sich insbesondere die drohenden Belastungen für das europäische Bankensystem wider”, so Kater.

Dezember

Das ist geschehen: Mit der Verhaftung der Finanzchefin des chinesischen Telekomausrüsters Huawei in Kanada auf Geheiß der USA, heben die Vereinigten Staaten den Konflikt mit China auf eine neue Ebene. Der Ölpreis gerät wieder unter Druck. Die Briten können sich zudem nicht auf die Annahme des Brexit-Deals einigen. Das Parlament soll nun erst im Januar abstimmen, die Regierung May ist weiter geschwächt.

Das bedeutet es: Es sind die Sorgen vor einer Eskalation des Handels-Konflikts, die die Nervosität an den Märkten hoch halten. Ende November sind die Amerikaner zudem zum ersten Mal seit 70 Jahren zu einem Öl-Nettoexporteur geworden, was den Ölpreis zusätzlich belastet.

„Im Kapitalmarktjahr 2018 war der Wurm drin.“Dr. Ulrich Kater, Chefvolkswirt der DekaBank

Fazit 2018

„Im Kapitalmarktjahr 2018 war der Wurm drin”, resümiert Ulrich Kater. Aktien, Staatsanleihen, Unternehmensanleihen, Rohstoffe … in keiner der klassischen Anlageklassen war eine nennenswerte positive Rendite zu erzielen. Eine solche Konstellation hat es noch nicht gegeben. „Hierfür sind nicht die politischen Themen des Jahres – Handelspolitik, Brexit, Italien – verantwortlich, sondern eine ebenfalls einzigartige makroökonomische Konstellation”, so der Chefvolkswirt der Deka.

Fast zehn Jahre lang seit der Finanzkrise haben die Notenbanken mit historisch nie dagewesenen Expansionsmaßnahmen Wirtschaft und Finanzmärkte gestützt. Mit zunehmendem Abstand von der Krise und mit zunehmender Normalisierung des Wirtschaftsgeschehens ist diese extreme Geldpolitik nicht mehr notwendig. Diese geldpolitische Wende ist es, die Irritationen und Trendwechsel an den Kapitalmärkten hervorruft, so Kater. Die Konjunktur müsse jetzt erst beweisen, dass sie „nach vielen Jahren des Aufschwungs ohne geldpolitisches Doping leistungsfähig bleibt.”

Ausblick 2019 - gute Chancen auf eine weiche Landung:

Die Finanzmärkte legen eine Ertragspause ein, so die Deka-Experten. Das bedeutet aber keine Pause für aktive Anleger – im Gegenteil: „Da wir mit einem weiterhin stabilen weltweiten wirtschaftlichen Fundament für die Kapitalmärkte rechnen, erwarten wir an Aktien- und Anleihemärkten 2019 und danach wieder gute Aussichten auf positive Renditen”, so Ulrich Kater.

Die Experten prognostizieren eine Verlangsamung des weltweiten Wachstums. Und wie so oft in der Spätphase eines Aufschwungs werde es im kommenden Jahr eine Debatte geben: Weiche Landung – also eine bloße Abschwächung der Wachstumsraten – versus harte Landung – die Rezession. Die Voraussetzungen für eine weiche Landung sind aber so gut wie lange nicht. So probt die Geldpolitik nur einen ganz sanften Ausstieg – und die Notenbanken sind bereit, um wieder gegenzusteuern.

„Wer die Nerven behält, sollte in den kommenden Jahren belohnt werden.“Dr. Ulrich Kater, Chefvolkswirt der DekaBank

Anleger müssen auf hohe unterjährige Schwankungen vorbereitet sein. Kater: „Mit einer Klärung der Konjunkturperspektiven im Jahresverlauf sollte eine Erholung einsetzen, die den Dax Ende des Jahres wieder über 12000 Punkte steigen lässt. Trotz des verhaltenen Ausblicks sollten Anleger daher dem Kapitalmarkt nicht den Rücken zukehren. Wer die Nerven behält, sollte in den kommenden Jahren dafür belohnt werden.”

Stand: 19.12.2018