10 Jahre Niedrigzins Als die Blase platzte

Vor zehn Jahren ging die US-Investmentbank Lehman Brothers pleite. Damit begann eine Ära niedriger Zinsen – die voraussichtlich noch lange andauern wird.


TEXT: Daniel Evensen

Am 15. September 2008 gingen Lehman Brothers unter der Last fauler Kredite in die Knie. Als in der Folge weitere Banken insgesamt geschätzte drei Billionen US-Dollar an verliehenem Geld abschreiben mussten, drohten die internationalen Finanzströme zu erliegen zu kommen und die Weltwirtschaft stand kurz vor dem Zusammenbruch. Doch mit beispiellosen Rettungsaktionen eilten Regierungen rund um den Globus zur Hilfe. Sie schnürten gigantische Konjunkturpakete und versorgten die Finanzbranche mit frischer Liquidität. Auch die Notenbanken warfen so gut wie alles an verfügbaren Instrumenten in die Waagschale. Zuerst in den USA, später auch in Europa starteten sie Kaufprogramme für Anleihen und senkten die Leitzinsen in schnellen Schritten bis auf null.

Mario Draghi sorgt sich

Die dramatischen Zeiten der Finanzmarktkrise sind lange vorbei – doch die Europäische Zentralbank hat an ihrer Nullzinspolitik bis heute nichts geändert. „Während die amerikanische Fed bereits die siebte Anhebung der Leitzinsen umgesetzt hat, beginnt die EZB gerade erst, ihre Wertpapierkäufe zurückzufahren“, sagt Ulrich Kater, Chefvolkswirt der DekaBank. Ein Grund für die Zurückhaltung ist die Inflation, die sich nur langsam in die gewünschte Richtung bewegt. EZB-Chef Mario Draghi sorgt sich aber auch, dass die Wirtschaftserholung in Europa ein jähes Ende haben könnte, wenn er die geldpolitische Unterstützung zu früh entzieht.

Diese Sorge Draghis kommt Zinssparer in Deutschland teuer zu stehen. Allein von 2010 bis 2017 sind ihnen rund 344 Milliarden Euro an Guthabenzinsen entgangen, hat die DZ Bank errechnet. Und seither ist die Lage für Menschen, die auf Zinsen warten, sogar noch misslicher geworden. Sie stecken nämlich wegen der langsam steigenden Inflation tief in der sogenannten Realzinsfalle fest. Das heißt: Erstens bekommen sie keine Verzinsung für ihr Guthaben und zweitens nagt die Inflation an der Kaufkraft ihres Vermögens. Der Zins steht bei null, die Inflation bei 2 Prozent, das ergibt zusammen ein klares Minus.

Tagesgeld macht minus

Bald 15 Jahre Niedrigzins

Aus der Falle gibt es auf Sicht auch kein Entkommen. „Von EZB-Präsident Mario Draghi wissen wir, dass unsere Notenbank frühestens in einem Jahr damit beginnen wird, die Zinsen vorsichtig anzuheben“, erklärt Chefvolkswirt Kater. „Wir rechnen damit, dass Bundesanleihen mit zehnjähriger Laufzeit aber erst 2023 wieder die Marke von 2,0 Prozent erreichen werden. Der Sparzins wird dann immer noch deutlich darunter liegen, zwischen 0 und 1 Prozent.“ Es ist demnach davon auszugehen, dass die Niedrigzinsära auch noch ihren 15. Jahrestag erleben wird.

Einige Wirtschaftsexperten beklagen angesichts dieser Perspektiven eine gigantische Vermögensvernichtung, doch das ist nur die eine Seite der Medaille. Fakt ist, dass nicht zuletzt wegen der niedrigen Zinsen auf die Finanzmarktkrise eine kräftige Wirtschaftserholung folgte. Bis heute beflügelt die lockere Geldpolitik die Konjunktur und die Börsen. Beispiel Dax: Ende September 2008 notierte der Deutsche Aktienindex bei 5.800 Punkten, heute steht er bei gut 12.000 Zählern. Wer vor zehn Jahren Geld an den Aktienmärkten investierte, hat daher keinen Anlass zur Klage. Rentenfonds und Offene Immobilienfonds lagen mit ihren Erträgen ebenfalls deutlich über der Inflationsrate.

Strategie für die nächsten Jahre

Unterm Strich verlief das vergangene Jahrzehnt für Anleger, die ihr Vermögen breit über verschiedene Anlageklassen streuen, sehr erfreulich. Aktien erfüllten ihre Aufgabe, langfristig überdurchschnittliche Erträge zu erzielen. Und wenn sie wie in den Jahren 2011, 2015 und 2018 vorübergehend zur Schwäche neigten, stabilisierten Anleihen, Immobilien und liquide Anlagen das Gesamtdepot.

Die Anlagestrategie für die kommenden Jahre zeichnet sich damit klar ab. „Wer sein gesamtes Geld auf Konten parkt oder es in sichere festverzinsliche Anleihen steckt, wird weiterhin Vermögensverluste erleiden“, betont Ulrich Kater. Er rät Anlegern, mit Teilen ihres Kapitals näher an die Wirtschaft zu rücken und für eine höhere Renditechance die Risiken von Wertpapieren in Kauf zu nehmen. „Die meisten internationalen Unternehmen dürften in den kommenden Jahren gute Chancen haben, steigende Umsätze und Gewinne auszuweisen. Anleger können daran langfristig in Form von Dividenden und Kursgewinnen partizipieren.“

Stand: 05.09.2018