Hauptversammlungen „Alte Probleme sind noch aktuell"

In dieser Hauptversammlungs-Saison haben Deka-Experten unter anderem den deutschen Autoriesen klare Botschaften in die Agenda geschrieben.


Konstruktive Kritik macht Deutschlands Autoindustrie besser und bringt sie auf den richtigen Weg – denn ein Umsteuern ist angezeigt

Lesen Sie hier im Detail nach, welche Kritik die Deka-Experten in den Hauptversammlungen angemeldet haben und wo es aus ihrer Sicht konkreten Verbesserungsbedarf in Sachen Strategie, Nachhaltigkeit oder Corporate Governance gibt:

Ingo Speich auf der Volkswagen-HV

Zur Geschäftslage: Das letzte Jahr war kein Glanzjahr für die leidgeprüften VW-Aktionäre. Wieder einmal hat Volkswagen eher über die aktuellen Entwicklungen in den zahlreichen offenen Rechtsverfahren Schlagzeilen generiert als durch Neuerungen in der Produktpalette. Der Aktienkurs tritt auf der Stelle. Volkswagen befindet sich nun im Jahr vier nach Bekanntwerden des Dieselskandals – ein Ende ist nicht in Sicht.”

Zur Strategie: „Kern der neuen Unternehmensstrategie soll vor allem die Elektromobilität sein. Der Marktanteil von Hybrid- und Elektrofahrzeugen soll 2030 bei rund 35 Prozent und 2040 bei rund 60 Prozent liegen. VW hatte diese wichtige Entwicklung verschlafen und tritt nun die Flucht nach vorne an: Um verlorenen Boden wett zu machen, investiert VW wie kein anderer Autokonzern. 30 Milliarden Euro bis 2022 sind ein Wort. Die breite Verankerung der Elektromobilität erscheint bei der Größe von Volkswagen sinnvoll. Nur so können Skaleneffekte realisiert und die neuen Modelle im Massenmarkt attraktiv gepreist werden.

Die vorgelegte Elektrostrategie mag visionär und ambitioniert anmuten, die Realität sieht derzeit leider anders aus. Der ID Neo liegt bereits jetzt ein halbes Jahr hinter dem Zeitplan. Damit verschieben sich also alle anderen Nachfolgemodelle. Kooperationen lassen auf sich warten, die Kosten explodieren – das riecht nicht nach Aufbruch.

(...) Bisher waren alles nur Versprechungen, die Aktionäre wurden jedes Mal enttäuscht. Mit dieser Vorgehensweise werden Sie Volkswagen nie auf den Börsenolymp mit einer Marktkapitalisierung von 200 Milliarden Euro hieven. Enttäuschung macht sich auch bei der LKW-Sparte breit. Der Börsengang von Traton ist jetzt schon eine unendliche Geschichte. Der angekündigte Börsengang ist zu begrüßen, da die Komplexität des Konzerns reduziert wird.“

Zur Nachhaltigkeit: Für Automobilhersteller hat der Klimaschutz eine besondere Relevanz, da ist auch VW keine Ausnahme. Die CO2-Regulierung hat das Kartenhaus VW im Jahr 2015 zum Einsturz gebracht. Letztlich konnte Volkswagen die Emissionsgrenzen der Klimawandelregulierung nicht erfüllen. Und genau das bahnt sich nun wieder an. Daher mahnen wir zu erhöhter Vorsicht – denn die CO2-Bilanz der VW-Neuwagenflotte ist eine einzige Katastrophe. Die CO2-Emissionen liegen mit 123g CO2 pro gefahrenem Kilometer extrem hoch und sogar über dem Stand von 2014.

Neben ökologischen Aspekten sind menschenrechtliche Sorgfaltspflichten von zentraler Bedeutung – sowohl in den eigenen Werken, von Deutschland bis in den Nordosten Chinas, als auch in der Zuliefererkette. Als besondere Herausforderung gestaltet sich die Beschaffung von Kobalt. Bis zu zehn Kilo Kobalt sind in einem Elektroauto verarbeitet, der Rohstoff wird aber häufig zu menschenunwürdigen Bedingungen abgebaut.”

Zur Corporate Governance:Volkswagen ist in Sachen Corporate Governance das traurige Schlusslicht im Dax. (...) Wie in den Vorjahren kritisieren wir, dass der Aufsichtsratsvorsitzende enormen Interessenkonflikten unterliegt. Herr Pötsch, bis Oktober 2015 waren Sie selbst Mitglied des Vorstands der Volkswagen AG, und sind damit Teil des alten Systems. Auch wenn für Sie weiter die Unschuldsvermutung gilt, so können Sie als Aufsichtsratsvorsitzender die Aufklärung der Dieselthematik nicht glaubwürdig vorantreiben. (...) Treten Sie so schnell wie möglich von Ihrem Amt als Aufsichtsratsvorsitzender zurück, um Schaden vom Unternehmen abzuwenden.”

Winfried Mathes auf der HV von BMW

Zur Geschäftslage: Der Autohimmel ist für BMW nicht mehr ganz bayrisch weiß-blau. Zwar hören sich achter Absatzrekord in Folge, zweitbestes Ergebnis und zweithöchste Dividende der Unternehmensgeschichte für das Geschäftsjahr 2018 gut an. Aber eine EBIT-Marge im Segment Automobile von 7,2 Prozent nach 9,2 Prozent im Vorjahr sprechen eine andere Sprache.”

Zur Strategie: „Bestandteil der BMW-Unternehmensstrategie „NUMBER ONE > NEXT“ ist vor allem die Elektromobilität und das automatisierte Fahren. Für BMW als Automobilhersteller hat Klimaschutz besondere Relevanz. Allerdings lag trotz der E-Fahrzeuge und Plug-in-Hybriden im Jahr 2018 die CO2-Emission der in der EU neu zugelassenen PKW von BMW im Durchschnitt bei 128 Gramm CO2 pro Kilometer – und damit noch sehr deutlich über dem für das Jahr 2021 vorgeschriebene Grenzwert von 95 Gramm CO2 pro Kilometer. Auch in den Folgejahren müssen die CO2-Emissionen weiter sinken, bis 2030 dann auf 59,4 Gramm CO2 pro Kilometer. Bei Nichteinhaltung drohen Strafzahlungen.“

Während das automatisierte Fahren in greifbarer Nähe rückt, ist für das selbstfahrende Auto noch Entwicklungsarbeit notwendig. Auch dürfte das autonome Fahren zunächst eher kommerzielle Anwendung finden. Dafür sind drei Partner wichtig: der Autohersteller, der IT-Systementwickler und der Mobilitätsdienstleister, der die Kunden hat. Auf dem Feld der Mobilitätsdienstleistungen arbeitet BMW jetzt mit Daimler zusammen. Trotzdem fragen wir uns: Wie stark ist die Position von BMW im Dreiecksverhältnis Autohersteller, IT-System-entwickler und Mobilitätsdienstleister?”

Zur Nachhaltigkeit: „BMW will uns in diesem Jahr seine aktualisierte Nachhaltigkeitsstrategie vorstellen, mit Nachhaltigkeitszielen bis zum Jahr 2030. Grundsätzlich ist das lobenswert, aber bislang nur etwas für Fachleute. Um diese Inhalte einer breiteren Anlegerschicht zu vermitteln, sollte BMW darstellen, wie sich bestimmte nichtfinanzielle Kennzahlen monetär auf das Betriebsergebnis auswirken. Damit lassen sich die Wirkungszusammenhänge von gesellschaftlicher, ökologischer und wirtschaftlicher Leistung am besten erklären.

Für die Batteriefertigung wird auch Kobalt benötigt, das dafür sorgt, dass Batterien nicht überhitzen und Feuer fangen. BMW hat angekündigt, Kobalt ab dem Jahr 2020/21 nicht mehr aus den umstrittenen Minen im Kongo zu beziehen. Wir wollen wissen: Wie stellt BMW derzeit sicher, das Sozial- und Umweltstandards in der Kobaltlieferkette eingehalten werden?“

Zur Corporate Governance: „Bei der Besetzung des Aufsichtsrats und der Ausschüsse ist darauf zu achten, dass dort eine unabhängige Mehrheit unter den Mitgliedern besteht. Bei der Aufsichtsratsvergütung wird neben der festen Vergütung immer noch eine erfolgsorientierte Vergütung gezahlt. Eine reine Festvergütung ist jedoch deutlich zielführender. Denn Aufsichtsräte haben eine Kontrollfunktion zu erfüllen, die einer erfolgsabhängigen Vergütung widerspricht. Im Zusammenhang mit dem Vergütungsbericht erwarten wir zukünftig, dass die Leistungskriterien der Vorstandsmitglieder und deren Erreichungsgrad zumindest in der Nachschau für das vergangene Jahr veröffentlicht werden.” 

Ingo Speich auf der Daimler-HV

Zur Geschäftslage: „Die Autokonzerne sind auf der Suche nach einer tragfähigen Überlebensstrategie und ihre Aktien historisch niedrig bewertet. Auch Daimler kämpft an allen Fronten. Die Profitabilität ist massiv unter Druck; die operative Wunschmarge für Mercedes von zehn Prozent ist in ganz weite Ferne gerückt. Um bei neuen Technologien und der Elektromobilität mithalten zu können, wurden die Entwicklungsaufwendungen in den vergangenen vier Jahren notgedrungen um 60 Prozent erhöht. Gleichzeitig drücken die Konjunktur und die Schwäche in China auf die Profitabilität. Und in dieser Gemengelage steht nun bei Daimler auch noch ein Generationenwechsel im Vorstand an. Herr Zetsche, (...) Das Wichtigste aus Sicht eines Aktionärs haben Sie leider nicht geschafft, nämlich dem Kurs der Aktie zu neuer Höhe zu verhelfen. Seit Ihrem Amtsantritt läuft die Daimler-Aktie dem europäischen Automobilindex Stoxx 600 deutlich hinterher.”

Zur Strategie: „Die ausgerufene Wende hin zur E-Mobilität und schicke neue Elektromodelle soll eine Realität vortäuschen, die es so noch gar nicht gibt. Denn die alten Probleme der Automobilindustrie sind immer noch aktuell: Die Abgasmanipulationen beim Diesel, mutmaßliche jahrelange Kartellabsprachen über Preise und verbaute Technik, mögliche Fahrverbote für Dieselfahrzeuge in Städten und das unausweichliche Ende des Verbrennungsmotors verunsichern die Investoren nach wie vor.

Daimler ist viel zu komplex und selbst für den besten Manager schwer zu steuern. Das ist ein Hindernis für die Entwicklung des Aktienkurses. Denn die Börse bevorzugt klare, schlanke Geschäftsmodelle und keine Konglomerate. Daher wird das Management zum Jahreswechsel eine neue Gesellschaftsstruktur einführen, die drei rechtlich selbständige Einheiten unter dem Dach und der Führung der Daimler AG vorsieht. Es ist allerdings kein Selbstläufer, dass diese Transparenz den Börsenwert des Gesamtkonzerns erhöht und Entscheidungswege verkürzt. Die reine rechtliche Hülle sorgt erst einmal nur für Kosten, Analysten schätzen bis zu 700 Millionen Euro, und für zahlreiche neue Jobs im Top-Management. An vorderster Front erwarten die Aktionäre einen Börsengang der LKW-Sparte. Heben Sie Werte und investieren Sie in Zukunftstechnologien! Versuchen Sie, die Entwicklungsbudgets durch Kooperationen und Zusammenschlüsse zu entlasten.”

Zur Nachhaltigkeit: „Der Marktanteil von Hybrid- und Elektrofahrzeugen soll 2030 bei rund 35 Prozent und 2040 bei rund 60 Prozent liegen. Die Zahlen verdeutlichen: Ein „Weiter so“ kann es nicht geben. Das gilt auch für Daimler – denn die CO2-Bilanz der Mercedes- Neuwagenflotte in Europa ist katastrophal und eine Besserung ist nicht in Sicht. Die CO2-Emissionen liegen mit 132g CO2 pro gefahrenem Kilometer nicht nur extrem hoch, sie sind auch gegenüber dem Vorjahr noch einmal deutlich angestiegen. Das ist ein beängstigender Rückschritt! Denn der EU-Grenzwert für das Jahr 2021 schreibt 95 Gramm CO2 pro Kilometer vor, ansonsten drohen Strafzahlungen. (...) 

Wir begrüßen das Ziel, bis 2040 CO2-neutral zu sein. Doch ist es mit den geplanten elektrifizierten Modellen überhaupt möglich, die vorgegebenen CO2-Grenzwerte für die Flotte einzuhalten? (...) Daimler hat sehr spät reagiert und kämpft nun an einer zeitnahen Einführung der Elektromodelle. Auch beim Entwicklungsbudget übt sich Daimler im Vergleich zu anderen Autoherstellern weiterhin in Zurückhaltung. Kooperationen und eine breite Elektroproduktpalette lassen bei Daimler auf sich warten, die Kosten explodieren – das riecht nicht nach Aufbruch.

Neben ökologischen Aspekten sind menschenrechtliche Sorgfaltspflichten von zentraler Bedeutung – sowohl in den eigenen Werken, als auch in der Zuliefererkette. Insbesondere die Beschaffung von Kobalt stellt eine Herausforderung dar. Bis zu zehn Kilo Kobalt sind in einem Elektroauto verarbeitet, der Rohstoff wird aber häufig zu menschenunwürdigen Bedingungen abgebaut.“

Zur Corporate Governance: „Herr Dr. Zetsche, Sie werden bereits als neuer Aufsichtsratschef nach der Abkühlphase von zwei Jahren gehandelt. Diese Diskussion halten wir jedoch für verfrüht. Denn die Automobilbranche befindet sich mitten in einem elementaren Umbruch. Welche Kompetenzen der Daimler-Aufsichtsratschef dann mitbringen muss, um das Unternehmen ins Elektrozeitalter zu führen, ist offen. Ob wirklich jemand aus der alten Verbrennerwelt das Lenkrad in die Hand nehmen sollte, bleibt also abzuwarten.

Die Chinaexpertise ist – wie schon in der Vergangenheit – im Aufsichtsrat unterrepräsentiert. Trotzdem sollte kein Mandat an Aktionäre mit Interessenkonflikten vergeben werden. Dazu zählen sowohl Geely als auch BAIC. Bei aller Freude über langfristige Ankeraktionäre: Wir möchten weiter den Mercedes-Stern und nicht den chinesischen Drachen auf der Kühlerhaube sehen.“

Stand: 27.05.2019