Anlagestrategie Sell in May and go away?

Die Monate Mai bis Oktober haben an den Aktienmärkten keinen guten Ruf. Und dieses Jahr kommt auch noch der Handelsstreit der USA mit China hinzu. Ist es für Anleger an der Zeit auszusteigen?


TEXT: Daniel Evensen

Sell in may and go away – dieser Reim, der Aktionären zum Ausstieg im Frühling rät, gehört zu den bekanntesten und ältesten Börsenweisheiten überhaupt. Im Frühjahr 1935 warnte ein Artikel in der Financial Times erstmals vor einer mehrmonatigen Phase mit enttäuschender Performance. Und tatsächlich: Auf den ersten Blick scheint auch 2019 an der Regel etwas dran zu sein: Kaum begann der Mai, gingen die Aktienkurse auf Talfahrt. Sollten sich Anleger also schleunigst von den Märkten verabschieden, bevor alles noch schlimmer wird?

Hinweise verspricht die Statistik, allerdings fallen die Ergebnisse unterschiedlich aus – je nachdem, welchen Aktienindex und Anlagezeitraum man betrachtet. Aber es gibt auch auffällige Gemeinsamkeiten bei den Auswertungen. Eine davon: Der Mai selbst ist gar kein so schlechter Monat für Börsianer, wie oft behauptet wird. So hat der DAX seit seinem Start 1988 im Wonnemonat durchschnittlich ein klares Plus erzielt (siehe Grafik). Die gegenwärtigen Kursturbulenzen sind also schon Mal alles andere als typisch.

Erst im Juni setzt – statistisch betrachtet – wirklich eine Flaute ein. Aber „Sell in June and go away“ reimt sich eben nicht. August und September sind dann historisch gesehen die schwächsten Börsenmonate. Das Tief ist im Oktober wieder beendet. Das deckt sich auch mit dem weniger bekannten zweiten Teil der Börsenregel „Sell in may …“ Der lautet nämlich: „…but remember to come back in September.“ Denn wer im Herbst nicht rechtzeitig zurück ist, könnte etwas verpassen.

Die Ursachenforschung hinter diesem Effekt bleibt unbefriedigend: Gemeinhin schiebt man die Kursschwäche darauf, dass sich viele Börsenhändler in den Sommermonaten in den Urlaub verabschieden würden, die Nachrichtenlage dünn sei und die Menschen erst im Herbst wieder mehr Geld investierten. Doch diese Erklärungen klingen im Computerzeitalter mit automatisiertem Handel rund um die Welt und rund um die Uhr nicht sehr überzeugend.

Gutes Wetter, schlechte Kurse

„Auch die Bekanntheit des Mai-Effekts spricht eigentlich gegen seinen Fortbestand, da sich die Investoren – wenn es so einfach wäre – leicht darauf einstellen könnten“, sagt Joachim Schallmayer, Leiter Kapitalmärkte und Strategie der DekaBank. „Und dennoch kann man von einem empirischen Phänomen sprechen. Das Wissen um derartige Phänomene spielt in unseren Prognosen aber eine untergeordnete Rolle, wir orientieren uns an aussagekräftigen fundamentalen Daten zur Konjunktur, dem Zinsniveau und der Gewinnentwicklung der Unternehmen.“

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Solche Zahlen sind auch deshalb wichtiger als alt hergebrachte Börsenregeln, weil die Zahl der Ausnahmen von „Sell-in-May“ hoch ist. Unterm Strich hätte sich eine alljährliche DAX-Pause von Mai bis Oktober seit 1988 für Anleger zwar ausgezahlt. Doch die Prophezeiung trat nur in 17 der letzten 30 Jahre ein. Für Aussteiger besteht demnach eine recht hohe Wahrscheinlichkeit, daneben zu liegen. Wenn das aber geschieht, müssen sie bei höheren Kursen in der vermeintlich besseren Jahreszeit wieder einsteigen.

Damit sind die Tücken der Statistik aufgezeigt. Die Frage der Anleger, ob sie in diesem ganz konkreten Mai 2019 angesichts des ungemütlichen Marktumfelds vielleicht lieber ihren Aktienanteil reduzieren sollten, ist aber noch unbeantwortet. „Nach den sehr starken Zugewinnen von Januar bis April war eine Korrektur überfällig“, erklärt hier Joachim Schallmayer. „Die Eskalation des Handelskonflikts zwischen den USA und China war dann der Auslöser für die Gewinnmitnahmen. Dieser Streit hat weiteres Störpotenzial in den kommenden Wochen und könnte die Kurse noch etwas tiefer nach unten drücken.“

Aber wirklich aussteigen? Nein, der Deka-Stratege dreht den Spieß um: „Eine etwaige Fortsetzung der Korrektur könnte man als zweite Chance sehen. Viele Anleger wurden vom fulminanten Jahresstart an den Börsen überrascht und haben ihn glatt verpasst. Die tieferen Kurse bieten ihnen die Möglichkeit, günstiger einzusteigen oder ihre Positionen am Aktienmarkt auszubauen.“ Denn mittelfristig sprechen die wichtigsten fundamentalen Kennzahlen nach Einschätzung der Deka für eine positive Börsenentwicklung. Als da wären: kaum Inflationsdruck und somit anhaltend niedrige Zinsen, ein akzeptables Wirtschaftswachstum trotz zum Teil widriger Bedingungen und steigende Gewinne der Unternehmen.

Wann sich diese Rahmenbedingungen in steigenden Kursen bemerkbar machen, lässt sich auch in diesem Jahr nicht vorhersagen – aber es muss nicht bis Oktober dauern. 

Stand: 17.05.2019