28.6.2021 | Corona Vorläufig Grund zum Jubeln

Nicht nur bei der EM rollt wieder der Ball. Auch bei der globalen Konjunktur läuft es rund. Experten erwarten nach Corona einen mehrjährigen Aufschwung, der alle Zweige der Wirtschaft umfasst und die Börsen anhaltend befeuern wird.


TEXT: Richard Haimann

Bei der Fußball-EM sieht man schon wieder Zeichen der Normalität. Die dritte Coronawelle ist abgeebbt. Registrierten die Seuchenbekämpfer vom Robert Koch-Institut im April zeitweise mehr als 31.700 Neuinfektionen pro Tag, waren es in der zweiten Juni-Hälfte weniger als 1.500 Fälle.

Möglich macht dies vor allem der Impffortschritt. Wo zum Beispiel vor der Pandemie die Mitglieder des Buchholzer Schützenvereins ihre Feste feierten, setzen Ärzte heute Spritzen gegen den Covid-19-Erreger. Die Schützenhalle in der 39.729 Einwohner zählenden Kleinstadt im nördlichen Niedersachsen ist eines der rund 460 Impfzentren in Deutschland, in denen Menschen gegen das SARS-CoV-2-Virus vakziniert werden. Bis zu 1,28 Millionen Impfungen werden pro Tag verabreicht, berichtet das Bundesgesundheitsministerium. Stand 21. Juni waren 31,1 Prozent der Bundesbürger vollständig geimpft. Weitere 19,7 Prozent der Gesamtbevölkerung hatten ihre erste Spritze erhalten.

Experten glauben aber nicht, dass das Virus endgültig geschlagen ist. Warnend weisen sie auf Großbritannien. Dort treibt die in Indien mutierte Delta-Variante des Erregers die Zahl der Erkrankten seit Mai wieder in die Höhe. Rückkehrende Urlauber könnten diesen Sommer die Mutation nach Deutschland tragen. „Im Herbst werden die Infektionszahlen wieder steigen“, warnt Hendrik Streeck, Direktor des Instituts für Virologie der Universität Bonn. Schnelltests seien weiterhin nötig, um eine neue flächendeckende Ausbreitung zu verhindern, meinen Mediziner – und ebenso regelmäßige Nachimpfungen gegen das Virus in den kommenden Jahren.

„Der Impfschutz bleibt nicht für immer“, sagt Christian Drosten, Virologe der Berliner Charité. Deshalb müsse die Immunisierung immer wieder erneuert werden – „wie bei der Grippe-Impfung.“ Das sichert Unternehmen aus den Branchen Pharma, Medizintechnik und Life Science wie Abbott Laboratories, Astrazeneca, Biontech, Danaher, Johnson & Johnson, Moderna, Pfizer und Qiagen noch lange Zeit hohe Umsätze mit ihren Covid-19-Impfstoffen und Schnelltests.

Fonds sind die bessere Wahl

Investments in Einzeltitel sind hier allerdings riskant, wie das Beispiel Curevac zeigt. Das vom Tübinger Biotechnologieunternehmen entwickelte Corona-Vakzin CvnCoV wies in der jüngst veröffentlichten Zwischenanalyse nur eine Wirksamkeit von 47 Prozent gegen eine Covid-19-Erkrankung auf. Der Aktienkurs brach daraufhin um 51 Prozent ein. Experten raten Anlegern deshalb zu Pharmafonds, deren Manager das anvertraute Kapital breit in die aussichtsreichsten Branchenaktien streuen – und dabei längst nicht nur die gegenwärtige Covid-19-Pandemie im Blick haben. Die pharmakologische Basis der neuen mRNA-Impfstoffe gilt auch als Grundlage für kommende Therapien gegen Krebserkrankungen sowie für kommende Vakzine gegen die Erreger von Gelb- und Lassafieber oder gegen Tollwut. Andere Unternehmen entwickeln derzeit neue Medikamente gegen Krankheiten von A wie Alzheimer bis Z wie Zwölffingerdarmgeschwür.

Impfstoffherstellung bei Biontech in Marburg: Das deutsche Unternehmen produziert 2021 allein in diesem Werk 750 Millionen Impfdosen. Foto: Biontech

„Aktien von Biotechnologie- und Arzneimittelproduzenten bleiben auf lange Sicht für Anleger interessant“, sagt deshalb Jennifer Jürgens, Pharmaexpertin und Fondsmanagerin des DekaLux-PharmaTech. „Und dies längst nicht nur wegen der möglichen Nachimpfungen.“ Vielmehr profitiere die Medizinbranche langfristig von der kräftig voranschreitenden Überalterung der Bevölkerung in zahlreichen Industrienationen.

Sinnvolle Beimischung fürs Depot

Die ersten Babyboomer, die Angehörigen der geburtenstarken Jahrgänge von 1955 bis 1965, haben das Rentenalter erreicht – und damit die Lebensphase, in der Menschen am häufigsten auf Arzneimittel und medizinische Therapien angewiesen sind. „Der Bedarf an Medikamenten wird über viele Jahre hinweg kontinuierlich steigen“, prognostiziert Jürgens: „Pharmafonds können deshalb eine sinnvolle Beimischung für jedes Portfolio sein.“ Doch auch für Fonds, die auf den breiten Aktienmarkt oder andere Nischensegmente setzen, sind die Aussichten aktuell gut. Seit die Infektionszahlen drastisch sinken, lockern Regierungen weltweit ihre Schutzmaßnahmen. Einzelhandel, Gastronomie und Tourismus erblühen wieder.

Rund um den Globus erholt sich die Wirtschaft dynamisch. Die Volkswirte der DekaBank rechnen für das Jahr 2021 mit einem Wirtschaftswachstum von global 6,2 Prozent. „Die Weltwirtschaft holt nach Corona viel schneller auf, als dies irgendjemand erwartet hätte“, sagt Deka-Chefvolkswirt Ulrich Kater. Für Deutschland rechnet er mit einem Anstieg des Bruttoinlandsprodukts von 3,0 Prozent. „Die rasante Erholung der globalen Wirtschaft führt derzeit allerdings bei Produktionsgütern und Transportkapazitäten zu Engpässen. Im zweiten Halbjahr sollte sich der Engpassknoten lösen“, erklärt Kater. Für das kommende Jahr erhöhte die Deka deshalb ihre Konjunkturprognose von 3,2 auf 4,4 Prozent. „Weltweit wollen Konsumenten all die Anschaffungen nachholen, die sie wegen der Pandemie seit dem Frühjahr 2020 aufgeschoben haben“, so der Deka-Chefvolkswirt.

„Für viele Börsensegmente stehen die Ampeln derzeit auf Grün.“

Ulrich Kater, Deka-Chefvolkswirt

Getrieben wird der Aufschwung zusätzlich von den zusammen mehrere Billionen Euro schweren Klimaschutzprogrammen, die die EU, die USA und weitere Nationen aufgelegt haben, um die Kohlendioxid-Emissionen bis 2050 gegen null zu drücken. „Hier geht es um weit mehr als nur die Umstellung von Verbrennungsmotoren zu Elektroantrieben in der Automobilindustrie“, sagt Kater. „Der Kampf gegen die globale Erwärmung betrifft weite Segmente der Wirtschaft – vom Bau- bis zum Mobilitätssektor.“ Fluglinien, Speditionen und Reedereien werden Flugzeuge, Lkw und Schiffe gegen Neuentwicklungen mit sparsamen Antrieben austauschen, Energiekonzerne Wind- und Solarkraftwerke errichten, IT-Firmen effizientere Stromnetze schaffen und Gebäude werden stärker gedämmt werden. Katers Fazit: „Für viele Börsensegmente stehen die Ampeln derzeit auf Grün.“

Anleger können aufgrund der starken Konjunkturzahlen und der Rekordgewinne vieler Unternehmen positiv in die Zukunft blicken. Und das gilt für Anlagen in den USA genauso wie in Deutschland, im übrigen Euroraum und vielen Schwellenländern. So erwartet die Deka für den deutschen Leitindex Dax bis Ende Juni 2022 ein neues Allzeithoch von 16.500 Zählern. Die Dividendenausschüttungen der aktuellen 30 Dax-Unternehmen werden in den kommenden zwölf Monaten wahrscheinlich ebenfalls neue Höchststände markieren. Wurde bei den Dividenden 2020 und 2021 die Marke von 35 Milliarden Euro jeweils knapp verfehlt, so könnte 2022 erstmals die 40-Milliarden-Euro-Marke fallen. Die Prognose der Deka lautet 41,2 Milliarden Euro. „Die Dividendenrendite bleibt 2021 bei knapp 3 Prozent und ist damit ein wichtiger Bestandteil für den Gesamtertrag der Anlageklasse“, erwartet Joachim Schallmayer, Leiter Kapitalmärkte und Strategie der Deka. Für Anlegerinnen und Anleger seien Aktien aktuell der einzige Weg, um reale positive Erträge zu erwirtschaften.

Stand: 28.6.2021