Corporate Governance Unternehmen Verantwortung

Die Finanzmärkte erleben einen fundamentalen Wandel. Immer mehr Aktionäre achten neben der Rendite auch auf eine gute Unternehmensführung und nachhaltiges Wirtschaften. Die Deka setzt sich als starke Stimme für die Forderungen der Anleger ein.


TEXT: Daniel Evensen

Für die Unternehmensführung von Bayer endete die Hauptversammlung am 27. April mit einem Debakel. Im World Conference Center Bonn verweigerte mehr als die Hälfte der Aktionäre dem Vorstand um Bayer-Chef Werner Baumann die Entlastung – nie zuvor musste ein DAX-Konzern ein solches Misstrauensvotum hinnehmen. Zwar hatte die Ablehnung keine direkten Konsequenzen für Baumann, sie war aber ein unüberhörbarer „Warnschuss“, so Ingo Speich, seit diesem Frühjahr Leiter Nachhaltigkeit und Corporate Governance bei der Deka. Auch die Deka stimmte gegen die Bayer-Spitze. Grund: Die milliardenschwere Klagewelle, die auf Bayer zurollt, weil die Leverkusener im Jahr 2018 den höchst umstrittenen Monsanto-Konzern mit seinen glyphosathaltigen Unkrautvernichtern aufgekauft haben. In Bonn sagte Speich ans Management gewandt: „Sie haben eine kerngesunde Bayer mit dem Monsanto-Virus infiziert, doktern nun herum, besitzen aber kein heilendes Medikament.“

Von der Dauerbaustelle bis zum Flugchaos

Mit dem Monsanto-Desaster ist Bayer in den Augen von Speich zwar ein Sonderfall, aber Deka-Experten hatten auch bei anderen Aktionärsversammlungen Anlass zu Kritik. So beklagte Deka-Fondsmanager Andreas Thomae bei der Deutschen Bank den enttäuschenden Kursverlauf der Aktie: „Trotz mehrmaligen Austauschs des Managements lässt die Profitabilität weiter zu wünschen übrig.“ Die Boni für die Banker würden dennoch in Strömen fließen.Thomae stellte gegenüber dem Aufsichtsratschef der Deutschen Bank klar: „Herr Achleitner, wir stören uns an der Höhe der Bonuszahlungen!“ Bei Lufthansa wiederum monierte Deka-Expertin Vanessa Golz „das Flug-Chaos im vergangenen Sommer“ und den hohen CO2-Ausstoß der in die Jahre gekommenen Flotte. Und Winfried Mathes von der Deka warf dem RWE-Chef Rolf Martin Schmitz auf der Hauptversammlung vor, mit seinem langen Beharren auf der Abholzung des Hambacher Forstes dem Ansehen von RWE Schaden zugefügt zu haben. Deshalb hat die Deka beim Essener Stromversorger ebenfalls gegen die Entlastung der führenden Köpfe gestimmt. Mathes: „Diese Nichtentlastung soll ein Anreiz sein, RWE endlich auf eine nachhaltigere Basis zu stellen. Herr Dr. Schmitz, zeigen Sie uns Aktionären, dass Sie RWE möglichst schnell in eine kohlefreie Ära führen können.“

Weil den Konzernlenkern bei den diesjährigen Hauptversammlungen zum Teil ein außerordentlich starker Gegenwind ins Gesicht blies, schreibt das Handelsblatt schon von einem „Aufstand der Investoren“ und konstatiert: „Die gemütlichen Zeiten, in denen Vorstände und Aufsichtsräte ihre Kleinaktionäre auf der HV mit Würstchen und Kartoffelsalat abspeisten und die Investoren alle Anträge mit sozialistischen Mehrheiten abnickten, sind vorbei.“

Im Interesse der Fondsanleger

Mit ihren Wortmeldungen macht sich die Deka für die Interessen ihrer mehr als vier Millionen Fondsanleger stark. Sie bringt sich auf konstruktive Weise für eine verantwortungsvolle Unternehmensführung ein, weil diese zugleich der Schlüssel für eine langfristige Wertsteigerung der Aktien ist. Aber nicht alle Investoren denken wie die Deka. So mancher angelsächsischer Hedgefonds hat vor allem schnelle Gewinne im Blick, wenn er Aktienpakete kauft, um Druck auf Unternehmen auszuüben. Einige Klimaschützer wiederum fordern, Aktien von Gesellschaften mit Defiziten in punkto Nachhaltigkeit schleunigst zu verkaufen. Doch wie soll man beispielsweise mit RWE in einen kritischen Dialog treten, wenn man gar keine Anteile am Unternehmen und somit auch keine Stimmrechte besitzt?

Ruf nach mehr Klimaschutz

Als Großaktionär sind die Einflussmöglichkeiten ganz andere, um beispielsweise Verbesserungen in der Corporate Governance zu erreichen – so lautet der Fachbegriff für verantwortungsvolle Unternehmensführung. Zu einer zeitgemäßen Corporate Governance zählt etwa die Diversität in der Besetzung der Vorstände – in Herkunft, Geschlecht, Ausbildung und Kompetenzen. Wichtig sind auch die Unabhängigkeit von Aufsichtsräten und die Angemessenheit von Vergütungsprogrammen.

„Auf diesen Feldern hat sich in den vergangenen Jahren zwar schon eine Menge zum Positiven bewegt, dennoch liegt vor den Unternehmen noch viel Arbeit. Denn die Anforderungen an die Corporate Governance werden weiter zunehmen“, erklärt Ingo Speich. Das gilt mindestens im gleichen Maße für das umweltgerechte Wirtschaften: „Unternehmen, die heute den Klimaschutz nicht in ihrer strategischen Steuerung verankern, werden Morgen morgen Probleme mit den gesetzlichen Vorschriften bekommen.“

Klimawandel als Risiko Nummer Eins

Das wird inzwischen auch in den Chefetagen ähnlich gesehen. Die Unternehmensberatung KPMG hat gerade für ihren jährlichen CEO Outlook 1.300 Vorstände großer Unternehmen weltweit befragt. Erstmals haben die Vorstände den Klimawandel als größtes Risiko für das Unternehmenswachstum benannt – noch vor Handelskonflikten oder der digitalen Disruption. Den Managern wird bewusst, dass sie den Wechsel hin zu sauberen Energien beschleunigen müssen – sonst drohen Strafen, die Kunden streiken und Anleger laufen Sturm. „Für Investoren haben Klimaschutz und andere Nachhaltigkeitskennziffern heute bereits eine hohe Relevanz bei ihren Entscheidungen“, betont Tom Cook von KPMG.

So bezieht auch die Deka bei ihren Überlegungen längst ein, wie fit Unternehmen in Sachen Klimaschutz sind. Aktuell feilt sie an noch detaillierteren Kriterien für die Aktienauswahl. Ingo Speich: „Jeder unserer Analysten bekommt Werkzeuge an die Hand, mit denen er Risiken aber auch Chancen von Unternehmen in punkto Nachhaltigkeit genau beurteilen kann.“ Decken die Experten Mängel auf, sprechen sie das nicht nur einmal im Jahr auf den Hauptversammlungen an. Die Fondsmanager und Analysten der Deka haben jährlich rund 2.000 direkte Kontakte zu Vorständen, um sich über Geschäftsentwicklung, Strategie und Nachhaltigkeit laufend auszutauschen und falls nötig auf Verbesserungen zu drängen.

+++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++

Die Umweltsünder von heute, sind die Verlierer an den Aktienmärkten von morgen – im Gespräch mit fondsmagazin erklärt Deka-Experte Ingo Speich den Zusammenhang von Nachhaltigkeit und Unternehmenserfolg. Das Interview finden Sie hier.

+++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++

Der kritische Dialog großer Investoren mit den Unternehmen zeigt durchaus Wirkung. Aktuelles Beispiel: Die Autohersteller entwickeln zwar immer mehr Autos mit sauberem Elektroantrieb, der für die Batterien nötige Rohstoff Kobalt wird jedoch häufig unter menschenunwürdigen Bedingungen im Kongo abgebaut. „Darüber haben wir intensiv mit Daimler und BMW diskutiert und die Autohersteller bemühen sich um mehr Transparenz und bessere Standards in der Lieferkette.“ Solche Beispiele gibt es reihenweise. Das Unternehmen Verantwortung geht mit vielen kleinen Schritten voran in Richtung des großen Ziels: eine durch und durch nachhaltige Wirtschaft.

Stand: 26.06.2019