28.9.2021 | Daimler „Kein Garant für Wertsteigerung“

In einer außerordentlichen Hauptversammlung entscheiden die Aktionäre des schwäbischen Autobauers am 1. Oktober über die künftige Konzernstruktur. Ab 2022 soll es zwei unabhängig voneinander agierende Unternehmen geben: die Daimler Truck, für das Lastwagen- und Busgeschäft, sowie Mercedes Benz, für das Pkw- und Van-Geschäft. Ingo Speich, Leiter Nachhaltigkeit und Corporate Governance bei der Deka Investment, über Hintergründe und Auswirkungen für Anlegerinnen und Anleger.


TEXT: Michael Merklinger

Die bewegte 135-jährige Geschichte der heutigen Daimler AG ist reich an Neuausrichtungen, die von den jeweiligen Konzernlenkern beschlossen worden, um den Autobauer in eine glorreiche Zukunft zu führen – Käufe und Verkäufe oder weltweite Beteiligungen und Fusionen. Nicht selten wurden diese von den Amtsnachfolgern wieder rückgängig gemacht.  Unter der Ägide von Ola Källenius, dem aktuellen Vorstandsvorsitzenden der Daimler AG, soll der Konzern nun zum Jahresende aufgespalten werden. 

Wenn die Aktionäre am 1. Oktober den Plänen des Daimler-Chefs grünes Licht geben, dann wird es künftig zwei unabhängig voneinander agierende Aktienunternehmen mit dem Stern geben. Konkret würde das Lastwagen- und Busgeschäft in die Daimler Truck übertragen und das Pkw- und Van-Geschäft an Mercedes-Benz. In einem zweiten Schritt soll die Holding Daimler AG in Mercedes-Benz Group AG umbenannt werden. 

„Diese Aufspaltung ist kein Garant für eine Wertsteigerung“, warnt dabei Ingo Speich, Leiter Nachhaltigkeit und Corporate Governance bei der Deka Investment. Zwar wird die Lkw-Tochter bald vom Korsett der Pkws befreit sein. Das Management müsse die neuen Freiheiten allerdings auch nutzen und verloren gegangenes Vertrauen am Kapitalmarkt zurückgewinnen. 

Für den Deka-Experten hat das Management nun die Chance, nicht nur Premiumprodukte herzustellen, sondern auch ein Premiumunternehmen mit attraktiver Aktienkursentwicklung zu formen. Denn die Truck-Sparte habe über Jahrzehnte ein Schattendasein geführt. „Für eine Premiummarke sind die Margen viel zu niedrig. Die Kosteneinsparprogramme haben in der Truck-Sparte keine Wirkung entfaltet und lediglich der PKW-Sparte geholfen“, verdeutlicht Speich.

„Der Ankündigung, der grünste Lkw-Hersteller werden zu wollen, müssen nun endlich Taten folgen.“

Ingo Speich, Leiter Nachhaltigkeit und Corporate Governance bei der Deka Investment

Durch die bevorstehende Abspaltung rückt die Nutzfahrzeug-Sparte ins Rampenlicht. Bei der Rendite hinken die Stuttgarter, zu dem auch die Daimler-Tochter EvoBus gehört, der internationalen Konkurrenz hinterher. Speich und sein Team erwarten daher mehr Transparenz sowie mehr Anreize für das Management, die Profitabilität unter Berücksichtigung der angepeilten CO2-Reduzierung endlich zu steigern: „Nach der Ankündigung, der grünste Lkw-Hersteller werden zu wollen, müssen nun endlich Taten folgen.“ Denn um das EU-Klimagesetz, das für 2030 eine CO2-Reduzierung um 60 Prozent vorsieht, zu erreichen, müsse das neue Daimler Truck-Management die Dekarbonisierung vorantreiben und zusätzlichen Schub entfalten, um an die technologische Spitze zu gelangen. 

Ingo Speich, Leiter Nachhaltigkeit und Corporate Governance bei der Deka Investment Foto: Deka

Neben den ökologischen Herausforderungen, die auf den Konzern warten, sieht Ingo Speich auch andere Risiken. „Die Abspaltung der Lkw-Sparte macht Daimler anfälliger für aktivistische Attacken oder Übernahmeversuche. Der beste Schutz ist ein steigender Aktienkurs.“ Denn damit würden die Chancen sinken, dass der Stern künftig nur bei chinesischen Aktionären aufgehen wird. 

Stand: 28.9.2021