5.1.2022 | „Kein Einfluss auf unsere Finanzprodukte“

Um ihr Ziel Klimaneutralität im Jahr 2050 zu erreichen, hat die EU-Kommission nun ihren Verordnungsentwurf zur sogenannten EU-Taxonomie an die Regierungen der Mitgliedsstaaten geschickt. Mit dem Regelwerk sollen einheitliche Standards für ökologisches Wirtschaften festgelegt werden. Das betrifft sowohl Finanzmärkte, Investitionen als auch wirtschaftliches Handeln. Den Plan, Energieerzeugung aus Atom und Gas in die EU-Taxonomie aufzunehmen, stößt hierzulande auf ein geteiltes Echo. Ingo Speich, Leiter Nachhaltigkeit und Corporate Governance bei Deka Investment, erklärt, was diese Pläne für Anlegerinnen und Anleger bedeuten könnten.


TEXT: Michael Merklinger

Herr Speich, die EU-Taxonomie soll eine Art Gütesiegel für Klima- und Umweltfreundlichkeit sein, an dem sich potenzielle Investoren zukünftig orientieren sollen. Wird dieses Ziel durch den aktuellen Entwurf nun konterkariert?

Speich: Mit dieser Taxonomie lädt die EU-Kommission Probleme wie die Entsorgung des Atommülls auf künftige Generationen ab. Für den Kapitalmarkt birgt eine derartige Taxonomie ein Risiko, denn Atomkraft unterliegt starken Regulierungsrisiken. Sollten mehr Regierungen in Europa Kernkraft künftig negativ bewerten, müssen diese Unternehmen hohe Rückstellungen bilden und werden am Kapitalmarkt abgestraft. Auch Gas ist wegen des hohen Kohlenstoffdioxid-Anteils langfristig keine Lösung.

Aber warum weicht die EU-Kommission ihre Ziele auf?

Speich: Die Taxonomie wurde politisch gekapert. Die Glaubwürdigkeit der Verordnung hat massiv eingebüßt. Die eigentlichen Ziele, nämlich den Klimawandel zu verlangsamen und die Wirtschaft nachhaltiger zu gestalten, hilft das nicht. Die Taxonomie-Regeln werden von der Industriepolitik einzelner Länder getrieben. Die EU-Kommission hat Glaubwürdigkeit verspielt.

„Stand heute bleiben unsere Filter für nachhaltige Finanzprodukte wie sie sind."

Ingo Speich, Leiter Nachhaltigkeit und Corporate Governance bei Deka Investment

Was bedeutet der aktuelle Entwurf für die Anlegerinnen und Anleger?

Speich: Die Bedeutung der Taxonomie für den Kapitalmarkt ist noch begrenzt. Sie können derzeit kein breit diversifiziertes Aktienportfolio nach dieser Taxonomie zusammenstellen.

Hat dies Auswirkungen auf die nachhaltigen Produkte der Deka? 

Speich: Auf unsere Finanzprodukte hat die vorläufige Entscheidung keinen Einfluss. Stand heute bleiben unsere Filter für nachhaltige Finanzprodukte wie sie sind. Wir weiten sie nicht noch weiter auf Firmen aus dem Atomsektor auf. Grundsätzlich könnten nun Nuklearunternehmen Anleihen als Green Bonds emittieren. Das sehen wir ebenso kritisch und werden auch solche atomaren Greenbonds nicht akzeptieren.  

Stand: 5.1.2022