Interview „Den Weckruf der Verbraucher ernst nehmen“

Die Autohersteller stehen mächtig in der Kritik. fondsmagazin sprach mit dem Deka-Experten Joachim Schallmayer, der die Herausforderungen einordnet und an den Börsen schon viele Unsicherheiten eingepreist sieht.


TEXT: Peter Weißenberg

Diesel-Skandal, drohende Fahrverbote, milliardenteure Nachrüstungen und Rückrufe, Kartell-Vorwürfe … Wer in diesen Tagen eine Tageszeitung aufschlägt, muss befürchten, dass unsere Autoindustrie kurz vor dem Totalschaden steht.
Gott sei Dank sieht der Kapitalmarkt das realistischer.

Die Kurse von BMW, Daimler oder VW legten aber zuletzt doch mächtig den Rückwärtsgang ein.  
Das liegt aber weniger an den tatsächlichen oder vermeintlichen Skandalen, die gerade so hohe Wellen schlagen. Der Kapitalmarkt setzt sich schon wesentlich länger mit allen Fragestellungen rund um den Wandel der Antriebstechnologie und der Digitalisierung auseinander.

Deka-Experte Schallmayer

Werden die Karten in der Branche ganz neu gemischt?
Ganz neu vielleicht nicht, aber es gibt zusätzliche Business-Modelle. Die Themen Elektroantriebe, autonomes Fahren und digitale Vernetzung eröffnen neuen Playern nun Chancen, mit dem Auto Geld zu verdienen.

Was bedeutet das für die gegenwärtigen Größen der Industrie?
Die müssen jetzt Antworten auf die zentralen Fragen finden: Welcher Teil der Wertschöpfung soll künftig bei ihnen als klassischen Automobilproduzenten verbleiben? Und welche Investitionen sind nötig, um auch bei den neuen Diensten und Techniken an der Spitze zu stehen? Die zu findenden Antworten entscheiden darüber, ob es den deutschen Automobilbauern gelingt, auch nach einem radikalen Wandel weiterhin Weltmarktführer ihrer Branche zu bleiben.

Die Börsianer scheinen da Zweifel zu haben, wenn man auf die Kurse schaut.
Ich würde es eher Realismus nennen. Mit Blick auf die Auswirkungen dieser strukturellen Veränderungen kommt auf die Automobilproduzenten und deren Zulieferer in den nächsten Jahren eine große Unsicherheit zu. Darum gibt es eine deutliche Neubewertung des Sektors.

Wie würden Sie die Gemütslage der Investoren beschreiben: Depression statt Euphorie?
Auch ein Anleger ist nicht frei vom Eindruck des Trommelfeuers negativer Meldungen rund um die Autoindustrie, aber aktuell wird an der Börse schon ein sehr hohes Maß an Unsicherheit eingepreist.

Die Bewertung der Automobilfirmen im Dax hat sich seit dem Jahr 2015 deutlich reduziert.
Das passiert eben, wenn Euphorie ins Gegenteil kippt. Anleger haben die Aktien von Daimler oder BMW noch vor zwei Jahren mit bis zum zwölffachen der erwirtschafteten Gewinne bewertet, heute sind wir fast bei der Hälfte – und mit der entsprechend geschrumpften Marktkapitalisierung geht auch ein deutlich geringeres Indexgewicht einher: von knapp 20 Prozent 2015 auf aktuell gerade einmal 13 Prozent im Dax.

Ist es schwierig, in so einem Umfeld einen Fonds zu führen?
Ich sehe gerade die Chance für aktive Fondsmanager.

Warum?
In der aktuellen Situation wird sehr stark auf die Risiken und weniger auf die sich ergebenden Möglichkeiten fokussiert. Aber durch den sich abzeichnenden Wandel, der sowohl das Automobil selber als auch dessen Nutzung anbelangt, ergeben sich Chancen für neue Geschäftsmodelle. Neue Unternehmen, welche die sich verändernde Nachfrage nach Rohstoffen, Produkten oder Dienstleistungen befriedigen können, entstehen. Oder bestehende Unternehmen reagieren proaktiv auf den Wandel. Es gilt durch fundamentale Analyse die Profiteure dieses Wandels herauszufiltern und aktiv in diese zu investieren. Dabei sollte man aber auch die traditionellen Automobilhersteller nicht außer Acht lassen. Diese erwirtschaften derzeit immer noch 44 Prozent aller Umsätze und 33 Prozent aller Gewinne der im Dax enthaltenen Firmen.

Sind denn die großen Player besser aufgestellt als es  ihr derzeitiger Ruf vermuten lässt?
Da ist etwas dran. Zwar ist nicht von der Hand zu weisen, dass die deutschen Automobilhersteller vor schwierigen Zeiten stehen. Die Unsicherheit darüber ist aber in den Bewertungen reflektiert. Und es gibt drei fundamentale Faktoren, die uns optimistisch stimmen.

Welche sind das?
Erstens: Der Übergang vom reinen Verbrennungsmotor hin zu alternativen Antriebstechnologien wird nicht von heute auf morgen stattfinden. Lade-Infrastruktur, Batteriekosten, Reichweite – da gibt es viele ungelöste Probleme. Wir haben es mit einem graduellen und extrem lange andauernden Veränderungsprozess zu tun, in dem sich die Automobilhersteller anpassen werden. Zweitens brauchen auch alternativ angetriebene Fahrzeuge das Know-how einer Massenfertigung wie etwa automatisierte Produktionsstraßen oder Logistik. Da haben gerade die deutschen Automobilhersteller wertvolle Erfahrungen aus Jahrzehnten gesammelt. Und drittens braucht ja auch ein Hersteller von Elektroautos ein ausgedehntes Händlernetzwerk und Werkstätten, wenn er außerhalb einer Nische seine Kunden finden will.

Drei Vorteile für die klassischen Hersteller – jetzt müssen sie nur noch die passenden Antriebe auf die Straße bringen.
Sie müssen den Weckruf der Verbraucher ernst nehmen und alternative Antriebstechnologien viel stärker vorantreiben. Dass dies bereits geschieht, geht allerdings in der aktuellen Diskussion unter. Global der größte Hersteller von Elektrofahrzeugen nach Stückzahlen ist nicht etwa Tesla, sondern mit Renault-Nissan ein klassischer Massen-Automobilhersteller. BMW ist übrigens weltweit der drittgrößte Hersteller von Elektro- und Hybridfahrzeugen.

Die Entwicklung alternativer Antriebe kostet aber viel Geld und wird in den kommenden Jahren entsprechend die Ergebnisse der Produzenten belasten.
Stimmt. Die Börse wird es aber honorieren, weil sie Zukunftsperspektiven abgreift und diskontiert. Vom derzeitigen Bewertungsniveau könnte sich dies für eine gewisse Zeitperiode positiv auswirken. Strategisch messen wir den deutschen Autobauern ohnehin gute Chancen ein, im internationalen Wettbewerb auch in einem sich wandelnden Umfeld weiterzubestehen.

Wenn nicht der Euro weiter steigt.
Die starke Aufwertung des Euro lastet zwar etwas auf dem Gewinnausblick der Unternehmen aus der Eurozone, ist derzeit aber nicht so ausgeprägt, dass sie den insgesamt solide ansteigenden Gewinntrend infrage stellen würde.

Ist denn beim Euro-Aufschwung zum US-Dollar ein Ende in Sicht?
Davon gehen wir aus. Die Aufwärtsbewegung im Euro-Wechselkurs sollte auslaufen. Investoren haben sich dort zuletzt sehr einseitig positioniert…

… wie bei den Hiobsbotschaften rund um die deutsche Autoindustrie?
So ähnlich. In der Autoindustrie dürfte die Nachrichtenlage auch wieder etwas weniger schrill werden. Für beide Bereiche gilt, dass sich der Kapitalmarkt mit den Themen bereits ausgiebig beschäftigt hat und entsprechend viel bereits in den Preisen reflektiert ist.  

Gilt Ihre optimistische Vorhersage auch für die Unternehmen anderer Branchen?
Die Indikatoren sprechen klar dafür, vor allem in Europa. Die Stimmung im operativen Geschäft der Unternehmen verbleibt auf einem hohen Niveau, so dass auch im zweiten Halbjahr mit einem stabilen Wachstumsumfeld gerechnet werden sollte.

Darüber schwebt aber noch das Damokles-Schwert einer restriktiveren Geldpolitik auch in Europa?
Das fundamental intakte Umfeld aus stabilem Wachstum, niedriger Inflation und moderaten Gewinnzuwächsen überwiegt die potenzielle Gefahr, die durch die perspektivisch weniger stark expansiv agierenden Notenbanken ausgeht. Wir behalten deshalb unseren konstruktiven Ausblick auf die Aktienmärkte für die zweite Jahreshälfte unverändert bei. Insbesondere für Aktien aus Euroland und Deutschland rechnen wir in den kommenden Monaten mit einer spürbaren Kurserholung.