12.9.2019 | Autoindustrie Die IAA an der Zeitenwende

Europas größte Autoshow dreht sich 2019 um alternative Antriebe, autonomes Fahren und Vernetzung. Das fordert die Firmen. Von einer Neuerfindung der Branche kann auch der Anleger profitieren.


TEXT: Peter Weißenberg

Samstag, der 14. September: Den Tag haben sich viele Autofans in diesem Jahr in ihrem Kalender rot angestrichen. An diesem Wochenende können Normalbesucher erstmals die Internationale Automobilausstellung (IAA) in Frankfurt besuchen. Doch dieses Jahr ist Vieles anders als gewohnt. Die Aussteller beschwören den Wandel der Mobilität – und wie weit sie dabei schon gekommen sind.

Auf jedem Stand überschlagen sich die Autohersteller und Zulieferer mit neuen Elektro-Angeboten. VW-Vorstand Jürgen Stackmann etwa sagt: „Der IAA-Auftritt von Volkswagen wird in diesem Jahr ganz im Zeichen des Modells ID.3 und der Elektromobilität stehen.” Der Start von „New Volkswagen” stehe an – emissionsarm, vernetzt und nachhaltig produziert. Konkurrenten wie Opel, Honda oder Hyundai stellen ebenfalls die elektrifizierten Modelle in den Mittelpunkt. Und selbst Porsche, Liebling aller Vollgas-Süchtigen, hat das Gaspedal in seinem neuesten Modell abgeschafft: Der Taycan gibt nur noch Strom ab beim Tritt auf die Fußtaste. Vorstandschef Oliver Blume sieht denn auch „den Beginn einer neuen Ära“ angebrochen.

„2019 ist das Jahr der Gewinnwarnungen statt der großen Erfolge.“

Ferdinand Dudenhöffer, Professor für Automobilwirtschaft an der Uni Duisburg-Essen

Alles gut also? Grüne Wende geschafft? Da ist Ingo Speich wie viele Experten skeptisch. Der Leiter Nachhaltigkeit und Corporate Governance der Deka analysiert, dass es die Automobilbranche versäumt habe, „frühzeitig alternative Antriebskonzepte serienreif für die Massenproduktion zu machen”. Nun sei die Industrie in der Defensive. Gerade die deutschen Autohersteller hätten den Trend hin zur Elektromobilität unterschätzt.

Zu lange haben die Deutschen auf den Diesel gesetzt, der außerhalb Europas kaum nachgefragt wird. Dazu kam die Abgasaffäre „Made in Germany”. Spätestens 2021 besteht nun „das hohe Risiko, dass Strafzahlungen wegen zu hoher CO2 Emissionen fällig werden”, sagt Speich.

Auch Ferdinand Dudenhöffer, Professor für Automobilwirtschaft an der Uni Duisburg-Essen, sieht die Branche noch nicht über den Berg. 2019 sei vielmehr „das Jahr der Gewinnwarnungen statt der großen Erfolge.” Und der Nürtinger Auto-Professor Willi Diez fordert, dass sich „die Autohersteller neu aufstellen”. Ein paar Elektroautos machen noch keine weiße Weste.

Angriff aus dem Reich der Mitte: Der chinesische Hersteller Byton hat mit deutscher Hilfe bei Design und Technik sowie Hilfe aus dem Silicon Valley das elektrische SUV M-Byte kreiert. Premiere des Premium-Autos ist ganz bewusst auf der IAA in Deutschland. Bild: PR

Zumal Konkurrenten wie Hyundai, Tesla oder einige chinesische Hersteller bereits ganze elektrische Modellpaletten im Markt haben – teils sogar schon in zweiter Generation. Und zu günstigen Konditionen. Aus dem Reich der Mitte ist in Frankfurt erstmals Byton mit seinem elektrischen M-Byte am Start. Der von ehemaligen BMW-Machern entwickelte große Crossover soll ab übernächstem Jahr auch in Deutschland zu haben sein; zum halben Preis eines vergleichbaren Audi.

Die gute Nachricht: Der deutsche Aufbruch bei Elektroautos und autonom fahrenden Wagen kommt nicht zu spät. „Glücklicherweise steckt die Elektromobilität für den Massenmarkt noch in den Kinderschuhen”, sagt Experte Speich. Weit mehr als 90 Prozent der neu verkauften Autos sind hierzulande immer noch konventionell angetrieben.

Kleine innovative Unternehmen würden zudem „vor der Herausforderung der Massenproduktion” stehen: „Dort sind hingegen die bestehenden Autokonzerne stark und haben jahrzehntelange Erfahrung, die sie jetzt ausspielen können.” Das werde allerdings teuer für die Unternehmen und damit fehle das Geld den Aktionären etwa für Dividenden.

Jetzt steigt für die Autokonzerne die Komplexität und sie müssen gleichzeitig mehrere Antriebskonzepte entwickeln. Dem versuchen etwa Hersteller wie PSA (Peugeot, Citroen, Opel) oder Mercedes dadurch zu begegnen, dass sie Modelle bauen, die sowohl elektrisch als auch mit Verbrennern oder einer Mischung aus beidem angetrieben werden können. Der Kunde entscheidet.

Opels erster vollelektrischer Pkw ist ein Kleinwagen; der Corsa ist aber auch als Benziner oder Diesel zu haben. Das macht den Hersteller je nach Nachfrage flexibel und begrenzt damit das Produktions-Risiko. Bild: PR

Und bei den digitalen Vernetzungen, autonomen Fahrfunktionen oder neuen Navigationslösungen verbünden sich die Hersteller miteinander oder mit IT-Riesen wie Google, Amazon, China Mobile oder Nvidia. Das erweitert zudem die Möglichkeiten, in neuen Geschäftsfeldern aktiv zu werden. Wenn der Mensch zum Beispiel in ein paar Jahren nicht mehr aktiv am Steuer sitzen muss, kann er derweil Filme streamen, im Internet shoppen oder Büroarbeiten in der Cloud erledigen. Services, an denen die Hersteller mitverdienen.

„Der Trend weg vom Kauf eines Autos hält gerade bei den Jüngeren an.“

Ingo Speich, Leiter Nachhaltigkeit und Corporate Governance der Deka

Investoren wie Speich bewegen aktiv und mit Nachdruck die Hersteller, den Wandel noch aktiver anzugehen: „Von zentraler Bedeutung ist der aktive Dialog mit dem Vorstand und dem Aufsichtsrat. Der sollte konstruktiv geführt werden, aber auch sehr klar in der Sache sein.“ Die Richtung „neue Mobilität” haben die Aussteller dabei eingeschlagen. Das ist auf der IAA zu sehen – auch durch eine Fülle von Car-Sharing-Angeboten. „Denn der Trend weg vom Kauf eines Autos hält gerade bei den Jüngeren an”, so Speich.

Zu Überheblichkeit – wie in früheren IAA-Jahren – besteht zu Beginn der IAA 2019 also kein Anlass mehr bei der deutschen Autoindustrie. Speich hatte erst vor Kurzem „die Gelegenheit, Teslas Gigafactory in Nevada zu besichtigen und war beeindruckt von der eigenen Batterieproduktion der Kalifornier. Und in China, den Niederlanden oder Norwegen ist die Ladeinfrastruktur schon deutlich besser. Das schafft Anreize für die Elektromobilität, die in Deutschland noch fehlen. Auch hier investieren deutsche Unternehmen aber Milliarden.

Das Rennen um die neue Mobilität verlässt also gerade erst die Startlinie. So viel Aufbruch war zu IAA-Zeiten noch nie.

Stand: 12.9.2019