Groundhopper Die letzten Romantiker

Schlafmangel, zugige Stehplätze, entlegene Stadien. Im Gegenzug gibt es Punkte, Abenteuer und Anekdoten. Willkommen in der Welt des Groundhopping – für Fußballfans und Sammler, die das Panini-Album hinter sich und die Lust auf den nächsten Kick vor sich haben. Auch abseits der WM.


TEXT: Tobias Müller

Globetrotter und Sammler – auf Martin­ Czikowski trifft beides zu. Hunderttausende Kilometer hat der 37-Jährige auf seiner Jagd um die Welt inzwischen zurückgelegt. Was er dabei gesammelt hat, passt in keine Reisetasche: Fußballstadien, auf Englisch: grounds. Auf einem Schulausflug in den späten 1990ern nach ­Berlin fängt es an – mit einem ­Regionalliga-Match. Das nächste Symptom seiner ­neuen Leidenschaft zeigt sich während eines London-Besuchs: Czikowski steuert das Stadion des Gillingham FC an, ­dritte englische Liga. Bald darauf stellt er die Selbstdiagnose: „ein innerer Antrieb, in der Fremde Stadien zu besuchen“.

In den folgenden Jahren steigt er meist freitagabends in den Zug, steuert so viele Stadien an, wie in ein Wochenende passen, und kehrt sonntagnachts voller Erlebnisse zurück. Irgendwann kommt er mit dem Zählen nicht mehr hinterher. Die Stadionpunkte, die es unter seinesgleichen für jeden Ground gibt, gehen in die Tausende. Seine Länderpunkte betragen stolze 73. In einem Jahr legt er sogar 50.000 Kilometer zurück, allein 35.000 davon auf einer Reise zu den Stadien Zentralasiens.

Dazu liefern seine Reisen Berge von Abenteuern: Martin ­Czikowski, der heute in Berlin lebt und in der Marktforschung arbeitet, schläft auf Parkbänken und in Hotels. Im Iran löst seine Erscheinung ­einen Selfie-Marathon auf der Tribüne aus. In China bittet man ihn, im Fanblock mit deutschen Schlachtrufen den Vorsänger zu geben. Und während eines Matchs in Usbekistan gerät er an einen Milizsoldaten, der ihn verdächtig findet und bis zum Abpfiff verhört. Zeugnis von solchen Anekdoten legt Czikowski in einem Buch ab, dessen Titel Bände spricht: „Eine Reise dorthin, wo der ­Osten schon wieder Westen ist“.

Groundhopping hat eine lange Entwicklung durchgemacht, seit in den 1970ern der legendäre „The 92 Club“ startete. Mitglied konnte nur werden, wer alle 92 Stadien der vier Profiligen in England besucht hatte. In den 1990ern erreichte Groundhopping schließlich den Kontinent. Vor allem in Deutschland, aber auch in den Niederlanden, ­Österreich und der Schweiz entstand eine Szene, die säuberlich ihre Stadienbesuche dokumentierte: Mit einer Gründlichkeit, die an Briefmarkensammler erinnert, wurden anfangs Eintrittskarten in selbst gebastelte Sammelheftchen geklebt.

Auch der Niederländer Tom Bodde, 45, gehört zu jenen Hoppern, denen Erlebnisse wichtiger sind als die reinen 90 Minuten auf dem Platz. Begonnen hat er als Auswärtsfahrer seines FC Groningen. Als er die Stadien jenseits der Grenzen entdeckte, „wurde aus dem Hobby eine Leidenschaft und dann, wie meine Frau findet, eine Obsession“.

Teil der ClubGeschichte

Einig sind sich Bodde und Czikowski, dass eine gute Reiseplanung unerlässlich ist. Auf Spezialpublikationen wie „The Football Traveller“ sind sie kaum noch angewiesen. Bodde schwört bei der Stadion­suche auf Google Maps, Spielpläne „selbst der georgischen Liga“ findet er im Internet. „Es ist sehr wichtig, sich gut einzulesen, sodass man versteht, was unter­ den Fans läuft.“ Einen Spieltag lang will er „Teil der Clubgeschichte sein“ – ein ganz schön anspruchsvolles Ziel, das wesentlich tiefer geht als das reine Sammeln von Stadionpunkten. Besondere Faszination übt für ihn die Leidenschaft der Fans auf vollen Rängen aus. „Aber ich finde es genauso schön, einen Tag später mit 200 Leuten ein Match in ­einer niedrigeren Klasse anzuschauen, auf ­einer wackeligen Tribüne.“

Bei der WM, die derzeit in Russland stattfindet, werden einige Novizen die Besonderheiten osteuropäischer Länder kennenlernen. Martin Czikowski verweist aufgrund reichlicher Expertise lakonisch auf den „entschleunigenden Anachronismus der Verkehrsmittel“, wo „noch nicht überall Hochgeschwindigkeitszüge durch die Gegend rasen“. Und die Fans sollten sich in Russland auf viele Fragen gefasst machen. „Ständig möchte ein Uniformierter wissen: ‚Kuda?‘ – ‚Wohin?‘ Egal ob allein an einer Grenze oder in einer Menschenmasse vor dem Stadion.“