Erfolgsstrategien Dividenden-Legenden

Es gibt sie tatsächlich: Firmen, die gefühlt seit Ewigkeiten ihre Dividende steigern. Aber Vorsicht: Bei der ein oder anderen Ausschüttungs-Legende sollten Anleger besser zweimal hinschauen.


TEXT: Peter Weißenberg

Eine Firma so aufzustellen, dass sie ihren Eigentümern über Jahrzehnte hinweg immer einen Gewinn ausschütten kann, ist schon sehr solides Handwerk. Zur hohen Kunst wird es, wenn das 143 Jahre lang gelingt. Und als ein unvergleichliches Meisterwerk darf es wohl gelten, wenn dabei mehr als 50 Jahre in Folge der Gewinnanteil für die Aktionäre gesteigert wird. Wobei man mit „Handwerk“ eigentlich doch schon richtig liegt. Denn die Rede ist vom Unternehmen Stanley Black & Decker – einem echten Dividenden-Aristokraten.

Die Aristokraten unter den Aktien

Dieser Titel ist nicht einfach eine blumige Umschreibung. Wenn US-Börsianer von den Dividenden-Aristokraten sprechen, dann stecken harte Fakten dahinter: Nur einer Aktiengesellschaft, die seit mindestens 25 Jahren ohne Unterbrechung ihre Dividende erhöht hat, gebürt dieser Titel. In Europa wird diese kategorische Definition ebenfalls immer gebräuchlicher – auch wenn hierzulande im Sprachgebrauch zuweilen alle treuen Dividenden-Zahler zu Adeligen erklärt werden. Jahrzehnte ununterbrochener Dividendenausschüttung machen eine Aktie aber auf jeden Fall zur Legende.

„Neue Analysen unterstreichen die Bedeutung nachhaltiger Dividendenkontinuität für den langfristigen Gesamtertrag von Aktien.“ Eric Frère, Professor am Institute for Strategic Finance

Mit Recht, sind doch zu Nullzinszeiten starke Dividendenrenditen eine willkommene Möglichkeit, regelmäßig das Vermögen zu mehren. „Neue Analysen unterstreichen die Bedeutung nachhaltiger Dividendenkontinuität für den langfristigen Gesamtertrag von Aktien“, stellt Eric Frère vom Münchner Institute for Strategic Finance trocken in seiner „Dividendenstudie 2019" fest. Der Professor kritisiert zugleich die „Fokussierung auf hohe Dividendenrenditen”. Die reine Höhe der Dividende sage eben noch nichts über die langfristig passende und ertragreiche Richtung, die das Management einschlägt. Und auf die kommt es für Anleger an.

In der Welt der Dividenden-Legenden gibt es einige Akteure, die herausragen – aber auch manche, die bewusst gar nicht dazu zählen wollen. Ein kleiner Rundgang durch die Hall of Fame der Dividenden:

Der Methusalem: Wenn es um Ausdauer geht, kann York Water niemand das Wasser reichen: Mit mehr als 200 Jahren ununterbrochener Dividendenzahlung hält der Versorger aus Pennsylvania den Weltrekord an Aktionärs-Ausschüttung. Steter Tropfen höhlt den Stein – und zeigt gleich zweierlei in Sachen Dividenden-Aristokratie. Erstens: Dabei bleiben ist Gold. Denn York Water liegt mit einer Dividendenrendite von rund 2 Prozent deutlich unter dem Branchendurchschnitt der Wasserversorger (rund 3,5 Prozent). Dafür fließt die Dividende aber eben ununterbrochen.

Zweitens gibt es gerade bei den uralten Dividenden-Garanten viele Unternehmen, die Grundbedürfnisse versorgen. Neben der Ausschüttung bringt auch das Standhaftigkeit gegenüber Konjunkturschwankungen ins Portfolio. Besonders dann, wenn neben der Dividende auch die Kurse, das Management und die Produkte ähnlich solide sind.

Alter Aktien-Adel

Der Alltagshelfer: Was haben Shampoo, Erfrischungsgetränke und Haftpflichtversicherungen gemeinsam? Allesamt befriedigen sie elementare Bedürfnisse – und sind aus unserem Alltag kaum wegzudenken. Darum gehören die Marktführer in diesen Segmenten auch oft zu den Firmen, die besonders lang ordentliche Dividenden an die Aktionäre überweisen. Colgate-Palmolive oder Procter & Gamble etwa schon seit dem 19. Jahrhundert – aber auch die Allianz-Versicherung oder Nestlé zählen zu den steten Zahlern. Alle diese Firmen vereinen weltweite Marktpräsenz und ein Management, das lange und kontinuierlich seinen Kurs verfolgt.

Allerdings gehören die genannten Firmen nicht zu den Weltrekordlern in Sachen Dividendenrendite – und das ist oft auch besser so. Denn Gewinne auszuschütten geht ja nur, wenn dafür genügend Geld in der Bilanz übrig bleibt. Sonst fehlt es womöglich an Rücklagen für schlechte Zeiten und Investitionen in die Zukunft. Wer etwa über lange Zeit stets – etwa auf Druck mächtiger Pensionsfonds oder Finanzinvestoren – den ganzen Vorjahresgewinn ausschütten muss, schafft sich damit selbst Probleme in der Zukunft.

Die Erfinder: Langfristige Erfolge leben von bahnbrechenden Ideen – und am besten von solchen, die in Serie kommen. Stanley Black & Decker entwickelt zum Beispiel gerade eine neue Generation vernetzter Werkzeuge. Mit denen kann das Unternehmen mit Kunden in Kontakt treten, die Arbeitsweise verbessern – und neue Geräte und Tools verkaufen. „Technologie verändert alles, einschließlich der Erwartungen an Produkte, Service und Geschwindigkeit“, sagt dazu JoAnna Sohovich, Global President der Industrie-Sparte des Unternehmens. Sich stets neuerfinden, das führt zu Erfolg und konstanten Ausschüttungen. Unter den nachhaltigen Dividendenzahlern sind daher viele ruhmreiche Namen der Industriegeschichte wie Siemens, Edison, Daimler oder General Electric.

Gerade beim letztgenannten Unternehmen zeigt sich allerdings, dass selbst bahnbrechende Erfindungen der Vergangenheit und eine lange Dividenden-Geschichte keine Garantien geben. Vorwürfe wegen Bilanz-Manipulationen und hohe Restrukturierungskosten haben den einstigen Börsenliebling kräftig gebeutelt und die Aktie auf eine Talfahrt geschickt. „Auch Dividenden-Perlen sind zuallererst Aktien – und bergen deshalb ungleich höhere Kursrisiken als Anleihen”, so Experte Frère. General Electric ist für einen solchen Kursrückschlag ein treffendes Beispiel.

Sinkender Kurs bei gleichbleibender Dividende – das bedeutet übrigens rein rechnerisch eine höhere Dividendenrendite. Aber davon lässt sich ein Fondsmanager nicht blenden. Es kann darum auch einmal richtig sein, die Dividende zu kürzen, wenn die Gewinne schmaler sind oder – wie gerade in der Autobranche – ein Strukturwandel hohe Investitionen erfordert.

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Das Beispiel der Erfinder belegt schließlich, dass die Dividende zwar ein starkes Argument für eine Anlage sein kann – aber nicht automatisch sein muss: Gerade im Hightech-Bereich gibt es viele Unternehmen, die ihre Gewinne seit Jahren wieder in Wachstum investieren. Der Aktienkurs kann dieser Strategie durchaus recht geben. Fonds für Technologie- oder Industrie-4.0-Unternehmen werden diese Papiere darum in ihr Portfolio aufnehmen – auch wenn der Weg bis zur Dividenden-Legende wohl noch Jahrzehnte dauern mag.

Stand: 27.02.2020