Europawahl Europa hält zusammen und wird wichtiger

Nach der Europawahl überwiegen die guten Nachrichten – auch für die Wirtschaft und die Finanzmärkte.


TEXT: Olivier Löffler

Europa hat gewählt – und das mit einer Wahlbeteiligung von 51 Prozent, der höchsten Quote seit 1994. Deutschland war hier mit 61 Prozent ganz vorn dabei. Die Botschaft: Europa ist wichtiger geworden für die Bürger. „Auch wenn Uneinigkeit darüber herrscht, wie weit die europäische Einigung gehen soll, ist das Bewusstsein für eine enge politische Zusammenarbeit zwischen den europäischen Ländern angesichts der heutigen globalen Herausforderungen so groß wie nie. Dies ist auch für die europäische Wirtschaft eine gute Nachricht“, so Deka-Chefvolkswirt Dr. Ulrich Kater.

Insgesamt brachte die Wahl die von den Deka-Volkswirten erwarteten Ergebnisse: Im Vergleich zu den letzten Wahlen haben die beiden bisher dominierenden Machtblöcke - die konservative Europäische Volkspartei (EVP) und die Sozialdemokraten (SD) – spürbare Verluste hinnehmen müssen. Die liberale Fraktion – nun unterstützt von Macrons EU-freundlicher Bewegung "La République en Marche" – und die Grünen, die vom sechsten auf den vierten Platz vorrückten, waren klare Gewinner der Wahlen. Die Zuwächse der Rechtspopulisten blieben hingegen trotz Siegen in Frankreich oder Italien begrenzt.

In Deutschland war die Europawahl, wie etwa die dramatischen Verschiebungen von den abschmelzenden alten Volksparteien hin zu den Grünen zeigen, vor allem auch eines: eine Klimawahl. „Mittlerweile hat der gesellschaftliche Wandel eine Stufe erreicht, in der Fragen der Nachhaltigkeit bei einer großen Gruppe der Menschen zum Teil ihres Wertekanons geworden sind – vor allem in der jungen Generation“, so Ingo Speich, Leiter Nachhaltigkeit und Corporate Governance bei der Deka Investment. So schlagen Themen wie Klimaschutz heute viel deutlicher auch bei politischen Richtungsentscheidungen durch.

Der Brexit spaltet die Briten

Im Vereinigten Königreich stand dagegen erwartungsgemäß alles im Zeichen der Brexit-Frage. Die Brexit-Befürworter um Nigel Farage auf der einen Seite und die entschiedenen Brexit-Gegner - Liberaldemokraten und Grüne - auf der anderen Seite erzielten kräftige Stimmengewinne, während die Konservativen Richtung Bedeutungslosigkeit abstürzten und auch Labour viele Federn lassen musste. „Letztlich zeigte das Ergebnis einmal mehr die Gespaltenheit der britischen Gesellschaft in der Brexit-Frage. Die bittere Erkenntnis ist, dass Mays gescheiterter Deal wohl die einzige realistische Kompromisslinie gewesen wäre“, so Dr. Ulrich Kater.

Trotz Rechtspopulisten und EU-Gegnern stellen die Pro-Europäischen Parteien nach wie vor die übergroße Mehrheit im europäischen Parlament und werden die Politik bestimmen. Interessant wird allerdings die Wahl des EU-Kommissionspräsidenten. Der Kandidat der stärksten Fraktion EVP - Manfred Weber – wird zwar vermutlich bei der Abstimmung die meisten Stimmen erzielen, aber möglicherweise keine Mehrheit im Parlament erhalten. Denn die bisherigen "Königsmacher" – die Europäische Volkspartei (EVP) und die Sozialdemokraten (SD) – haben keine gemeinsame Mehrheit. Deshalb brauchen sie jetzt weitere Partner. Eine gemeinsame politische Linie für die Europäische Union zu finden, wird somit schwieriger.

„Die Hauptbotschaft dieser Wahl heißt letztendlich, dass die Europäische Union weiter zusammenhalten wird, ja, dass sie für viele Bürger sogar noch wichtiger geworden ist. Zwar wird es in der neuen politischen Konstellation wohl häufiger als bisher Uneinigkeit über das europäische Zusammenspiel geben, doch insgesamt überwiegen die guten Nachrichten für die europäischen Finanzmärkte. Das spricht grundsätzlich für Anlagen am europäischen Markt, wenngleich weiterhin mit Marktschwankungen gerechnet werden muss“, so Ulrich Kater.

Stand: 28.05.2019