Interview Favoritenwechsel

Der Kapitalmarktstratege der Deka Joachim Schallmayer über die Marktaussichten 2019, die Zukunft bisheriger Börsenlieblinge und Chancen für Anleger.


TEXT: Peter Weißenberg

Europa blickt politisch und wirtschaftlich skeptisch auf das neue Jahr: Der Brexit, Unruhen in Frankreich und das italienische Defizit trüben die Stimmung. Lohnt es sich für Anleger überhaupt noch, auf Europa zu setzen?
Ja, durchaus. Die Akteure am Aktienmarkt versuchen, zukünftige ökonomische und politische Entwicklungen abzuschätzen und diese bereits heute in den Preisen zu berücksichtigen. Gerade mit Blick auf die Eurozone sind viele der Herausforderungen mittlerweile seit längerem bekannt und gut im Bewusstsein der Anleger verankert. Es spricht also viel dafür, dass diese Risiken in den Wertpapieren bereits eingepreist sind, wie Börsianer sagen. Da sich die lange Liste der Unwägbarkeiten nicht schlagartig auflöst, dürften Anleger zunächst zwar nur sehr zögerlich nach Europa zurückkommen. Dies sollte sich aber ändern, sobald im Laufe des Jahres ersichtlich wird, dass es trotz der zahlreichen politischen Herausforderungen zu keiner erneuten Eurokrise im Jahr 2019 kommt. Anleger dürften dann wieder mehr Mut fassen, und verstärkt in die Region zurückkehren. Denn die Bewertungen europäischer Aktien sind günstig, wie das Kurs-Gewinn-Verhältnis zeigt. Vor einem Jahr betrug es nahezu 15, nun liegt es nur noch bei knapp 13. Für langfristig orientierte Anleger stellen derartige Bewertungsniveaus hervorragende Einstiegschancen dar.

Deka-Experte Schallmayer

Blicken wir über den großen Teich: Aus den Börsenlieblingen Apple, Facebook, Amazon und Alphabet haben sich zuletzt Anleger merklich zugunsten anderer Aktien zurückgezogen – geht diese Rotation 2019 weiter?
Es ist davon auszugehen, dass der US-Aktienmarkt seine starken Kursgewinne der letzten Jahre zunächst konsolidieren muss. Konsolidierungsphasen gehen immer auch mit einem Favoritenwechsel innerhalb des Aktienmarktes einher. Denn im Laufe einer langen Kursaufschwungphase knüpfen Anleger an einzelne Aktien oder an ganze Branchen stetig steigende Erwartungen. Damit geht in der Regel dann auch ein Anstieg ihrer Bewertungen einher und die Gefahr von Enttäuschungen nimmt zu. Genau in dieser Phase befindet sich derzeit der US-Aktienmarkt. Somit wird die bereits 2018 sichtbar gewordene Rotation innerhalb des Aktienmarktes im neuen Jahr anhalten. Es ist unwahrscheinlich, dass die alten Börsenlieblinge der Aktienhausse die Indizes 2019 auf neue Höchststände werden führen können.

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Zum detaillierten Jahresausblick der Deka-Volkswirte kommen Sie hier: Mutigen Anlegern gehört die Zukunft.

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Welche Branchen oder Unternehmen sehen Sie stattdessen besonders im Anleger-Interesse?
In den defensiven Bereichen des Aktienmarktes sollten sich die seit Jahren unter die Räder gekommenen Telekommunikations- und Versorgungsunternehmen wieder besser entwickeln können. Dies gilt vor allem in der relativen Betrachtung gegenüber anderen defensiven Unternehmen aus dem Bereich der nicht zyklischen Konsumgüter oder den Nahrungsmitteln. Sobald sich im Jahresverlauf die Perspektiven für den Gesamtmarkt aufhellen, sollten Anleger dann auch wieder Chancen in zyklischen Bereichen wie der Industrie, vereinzelt durchaus auch im Automobil- und Technologiesektor suchen. Auf eine gute Streuung ist aber in jedem Fall zu achten.

Stand: 09.01.2019