23.11.2020 | USA Joe Biden macht der Wirtschaft Beine

Die US-Wahlen gehörten zu den spannendsten seit Jahrzehnten – und sie sind noch nicht vorbei. Welche seiner ambitionierten Pläne Joe Biden als 46. Präsident umsetzen kann, hängt von Stichwahlen um zwei Senatorensitze am 5. Januar ab. Anleger können sich dennoch darauf einstellen, dass neue Branchen in den Fokus rücken – vor allem die erneuerbaren Energien.


TEXT: Gunnar Erth

Der Wahltag ist zur Wahlwoche geworden: Erst vier Tage nach dem Election Day am 3. November haben die Medien Joe Biden zum Sieger ausgerufen. Auch wenn ihm Noch-Präsident Donald Trump Wahlbetrug vorwirft und die Gerichte voraussichtlich Wochen beschäftigen wird, zweifelt niemand ernsthaft daran, dass der 78-jährige Politveteran Biden am 20. Januar den Amtseid ablegen wird.
Die Kapitalmärkte haben prompt reagiert: Lag der S&P 500, der die Kursentwicklung der 500 größten börsennotierten US-Unternehmen abbildet, am Vortag der Wahl bei 3.265 Punkten, so kletterte er am 9. November, dem Montag nach der Wahl, auf 3.569 Punkte. „Für die Kapitalmärkte war vor allem eine klare Wahlentscheidung wichtig“, sagt Joachim Schallmayer, Leiter Kapitalmärkte und Strategie der Deka. „Das Repräsentantenhaus bleibt in demokratischer und der Senat wahrscheinlich in republikanischer Hand, auch wenn wir dies erst nach den Stichwahlen wissen. Die Kapitalmärkte können mit dieser Machtbalance extrem gut leben“, ergänzt Schallmayer.

Der designierte Präsident baut inzwischen sein Team auf – mit einer Politik der ruhigen Hand, die die Märkte vier Jahre lang schmerzhaft vermisst haben. Biden setzt auf erfahrene Kräfte des Washingtoner Politikbetriebs, wie die Ernennung des langjährigen Vertrauten Ron Klain zum designierten Stabschef im Weißen Haus beweist. „Uns haben jetzt Handels- und andere Themen drei Jahre im Bann gehalten. Die weniger erratisch zu erwartende Kommunikation unter einem neuen Präsidenten reduziert die Risiken. Die Märkte werden sich besser als unter Trump darauf einstellen können, was die Regierung plant“, lobt Schallmayer.

EIN NEUES HILFSPAKET IST NOCH NICHT IN SICHT

Joe Biden muss vor allem einen Spagat schaffen: die Coronakrise bekämpfen und gleichzeitig die Wirtschaft wieder in Schwung bringen. Letzteres ist eine Aufgabe, die er noch aus der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/2009 kennt, als er frisch im Amt entscheidenden Anteil daran hatte, dass der Recovery Act vom Parlament verabschiedet wurde.

Foto: Reuters - Die Frau an seiner Seite als Action-Figur: Kamala Harris wird Joe Biden darin unterstützen, seine Vision für Amerika zu verwirklichen.

Den designierten Präsidenten erwartet keine leichte Aufgabe. Denn schließlich gab es im November bisher fast täglich neue Rekorde bei den Corona-Fallzahlen – am 12. November wurde erstmals sogar die Schallmauer von 150.000 Neuinfizierten an einem Tag durchbrochen. Auch die Wirtschaft ist weit davon entfernt, über den Berg zu sein. Zwar ist laut dem U.S. Bureau of Economic Analysis das Bruttoinlandsprodukt (BIP) im dritten Quartal 2020 real um 7,4 Prozent gegenüber dem Vorquartal gewachsen. Im Vergleich mit demselben Vorjahresquartal ergibt sich allerdings ein Minus von 3,5 Prozent. Blue Chip Economic Indicators, eine Konsensprognose von rund 50 Finanz- und Forschungsinstituten, erwartet für 2020 einen realen BIP-Rückgang von 4,0 Prozent und für 2021 ein Plus von 3,9 Prozent.

Das bedeutet, dass die Coronapandemie die USA um fast zwei Jahre im Wachstum zurückwirft. Aktuell wirken insbesondere der eingebrochene Privatkonsum und der Gewerbehochbau, zu dem Hotels, Büros und Einzelhandelsgeschäfte gehören, wie Bremsklötze. Teile des verarbeitenden Gewerbes, der Wohnungsbau und die Finanzwirtschaft stützen dagegen nach Angaben der US-Notenbank Fed das Wachstum in der zweiten Jahreshälfte. Kurz vor den Wahlen machte immerhin der wichtige Einkaufsmanagerindex des Marktforschers IHS Markit Hoffnung. Mit 55,5 Punkten wies er im Oktober den höchsten Wert seit 20 Monaten aus.

„Kommt vorher kein neues Hilfspaket, wird Biden das wohl bei Amtsantritt prioritär angehen.“

Heiko Steinacher, USA-Korrespondent der GTAI

„Was wir im Moment beobachten, sind nur erste Erholungstendenzen. Wenn der Kongress in Trumps verbleibender Amtszeit kein weiteres Hilfspaket mehr hinbekommt, wird Biden das wohl bei Amtsantritt prioritär angehen“, konstatiert Heiko Steinacher, Amerika-Korrespondent der Wirtschaftsförderagentur Germany Trade and Invest (GTAI). Die umfangreichen Hilfspakete vom Frühjahr sind zum Großteil Ende Juli ausgelaufen. Seither fließen keine Sozialtransfers aus dem Bundeshaushalt mehr. Aktuell gehe es allerdings nur um eilige Hilfsmaßnahmen.

Joachim Schallmayer sieht die Lage relativ gelassen, was Fiskalpakete betrifft. Schließlich habe die Wirtschaft vor der Wahl im Rahmen ihrer Verhältnisse zugelegt. „Man hat sogar gesehen, dass die alten Konjunkturpakete vielleicht etwas zu groß ausgefallen sind“, sagt der Deka-Experte. „Es bedarf jetzt nicht sofort eines neuen Programms, auch wenn coronabedingt noch einige schwierige Monate vor den USA liegen.“ Er rechnet aber damit, dass ein neues – wenn auch kleineres – Fiskalpaket kommt. Deswegen dürften sich US-Staatsanleihen leicht nach oben bewegen.

JOACHIM SCHALLMAYER, LEITER KAPITALMÄRKTE UND STRATEGIE DER DEKA

Foto: DekaBank

TEURE VISIONEN

Was aber kommt danach? Was für ein Amerika möchte Joe Biden? Seine Pläne finden sich im Wahlprogramm „Joe’s Vision“. Was der Wirtschaft und den Republikanern nicht gefallen würde, wäre eine Erhöhung der Körperschaftsteuer von 21 auf 28 Prozent. Auslandsgewinne sollen mit 21 Prozent versteuert und die Verlagerung von Jobs ins Ausland steuerlich sanktioniert werden. Zumindest beim letzten Punkt würden wahrscheinlich auch die Republikaner mitmachen. Der Einkommensteuer-Spitzensatz soll von 37 auf 39,6 Prozent zulegen – und der Mindestlohn von aktuell 7,25 auf 15 US-Dollar. Zudem will Biden Steuergutschriften für Kinder und die Kinderbetreuung durchsetzen. Teuer wären vor allem die Klimaschutzpolitik sowie der Ausbau der Krankenversicherung. Eine Umsetzung aller Wahlvorhaben Bidens würde auf zehn Jahre gesehen staatliche Mehrausgaben von 7 Billionen US-Dollar bedeuten

Stand jetzt ist es jedoch unsicher, ob Biden diese Ziele umsetzen kann. Denn dafür fehlt ihm noch die Mehrheit im US-Senat. Aktuell haben die Republikaner 50 Stimmen in der Parlamentskammer und die Demokraten 48. Zwei Mandate sind noch zu vergeben. Gelänge es Bidens Partei, diese Parlamentssitze in zwei Stichwahlen am 5. Januar in Georgia zu erobern, gäbe es ein Patt. In dem Fall hätte die designierte Vizepräsidentin Kamala Harris als Parlamentspräsidentin die entscheidende Stimme und Biden könnte sein Wahlprogramm durchsetzen.

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Den Republikanern reicht somit schon der Gewinn eines Senatssitzes, um Joe Biden auszubremsen. Der neue Präsident müsste dann Kompromisse mit den Senatsrepublikanern schließen – oder mit Dekreten regieren. Letzteres ist problematisch, da diese Erlasse keine bestehenden Gesetze verletzen und auch kein frisches Geld kosten dürfen. Der Kongress allein hat das Privileg, über den Bundeshaushalt zu entscheiden. Die Hoffnungen von Joe Biden ruhen daher auf dem 33-jährigen ehemaligen Investigativjournalisten Jon Ossoff und dem 51-jährigen Pastor Raphael Warnock – in einem Kampf, der zum teuersten Senatsrennen aller Zeiten werden kann.

Der jeweilige Ausgang der Stichwahl hätte unterschiedliche Auswirkungen auf die Märkte. Gewinnen die Demokraten, könnten größere Fiskalpakete kurzfristig sehr positiv für den Aktienmarkt sein, da zum Beispiel die Konsumausgaben stärker steigen würden. „Man könnte mit dem Geld auch die Unternehmen besser unterstützen – mit positiven Folgen für ihre Gewinne“, so Schallmayer. Allerdings müsste dies durch höhere Unternehmenssteuern und ein größeres Haushaltsdefizit finanziert werden. Letzteres wäre negativ für die US-Staatsanleihen.

Auch im Fall einer Niederlage der demokratischen Senatskandidaten im Januar blieben die Märkte entspannt. „Joe Biden würde auch dann versuchen, bestimmte Dinge anzuschieben, etwa sein Klimaprogramm“, ist Schallmayer überzeugt. Schon jetzt ist bekannt, dass Biden am ersten Tag im Amt wieder dem Pariser Klimaschutzabkommen beitreten will. „Dies ist zwar hauptsächlich medienwirksam, hat für Unternehmensinvestitionen aber auch Signalwirkung.“

Regulatorisch könnte Joe Biden in der Tat auch ohne Senat einiges bewegen, berichtet Steinacher. „Er kann etwa dafür sorgen, dass die gesellschaftlichen Kosten des CO2-Ausstoßes besser erfasst werden, was Kohlestrom verteuern und zur Einführung einer landesweiten CO2-Bepreisung führen könnte.“ Diese gibt es bisher nur in Kalifornien.

ENERGIEPOLITIK IM FOKUS

Steinacher erwartet, dass Biden Gesetzesvorhaben unter anderem zur Förderung der Elektromobilität, von intelligenten Verkehrstechnologien für die Innenstädte, höherer Energieeffizienz von Gebäuden und zum Ausbau erneuerbarer Energien einbringen wird. So will Biden innerhalb von fünf Jahren 500 Millionen Solarmodule und 60.000 Windturbinen installieren. Zudem hatte er im Wahlkampf angekündigt, 4 Millionen Geschäftsgebäude und 2 Millionen Privathäuser energetisch sanieren sowie 1,5 Millionen nachhaltige Häuser bauen zu wollen. „Die Förderung der erneuerbaren Energien wird sicher umgesetzt, aber nicht in dem Maße, wie es sich die Demokraten wünschen werden. Die Gelder werden zäher fließen“, erwartet Schallmayer.

Aber welche Sektoren werden die Gewinner am Kapitalmarkt unter einer Regierung Biden sein? „An den US-Aktienmärkten dürften bestimmte Branchen wie Gesundheit, Energie und Technologie zu den Verlierern zählen, Finanzen und Nachhaltigkeit dafür besser dastehen als bei einem anderen Ausgang der Präsidentenwahl“, zählt der Deka-Experte auf.

Hinzu kommt, dass die Börse aufgrund der Nachrichten von Pfizer und Biontech sowie Moderna, die Durchbrüche bei der Suche nach einem Coronaimpfstoff bekannt gaben, die stark an der Realwirtschaft hängenden Bereiche des Aktienmarkts unterstützt. „Das ist ein echter Gamechanger, genau wie der klare Wahlsieg Bidens“, sagt Schallmayer. Beide Nachrichten würden die Risiken für einen Einbruch der Kapitalmärkte verringern. „Für Anleger ist es entscheidend, dass sich bei den großen belastenden Themen, die uns auf die Achterbahn geschickt haben, Entspannung einsetzt“, betont der Leiter Kapitalmärkte und Strategie der Deka.

Dies kann richtungsweisend für das Jahr 2021 werden: etwa durch einen weniger starken Kursanstieg im Bereich der konsumnahen Technologieunternehmen. Firmen wie Apple, Facebook, Amazon, Netflix, Microsoft und die Google-Muttergesellschaft Alphabet würden dann nicht mehr so stark im Fokus stehen. Im Verlauf dieses Jahres waren vor allem diese sechs Unternehmen für den Höhenflug des S&P 500 verantwortlich.

BESSERE AUSSICHTEN FÜR GEMIEDENE BRANCHEN

„Das muss nicht gleich in eine große Kurskorrektur münden, aber die Aufwärtsdynamik der Zugpferde dürfte nachlassen“, sagt Schallmayer. „Auf der anderen Seite wird der Markt einen stärkeren Fokus auf Unternehmen aus den zyklischen Bereichen, den Finanzen und durchaus auch auf Firmen aus dem Rohstoffbereich legen.“ Als Beispiele nennt er die Branchen Industrie, zyklischer Konsum, Energie, Finanzen, Tourismus und Verkehr. „Dies sind Sektoren, die zuletzt stark gemieden wurden und jetzt wieder verbesserte Aussichten haben.“

Eine schnelle Umkehr der Geldpolitik und damit höhere Zinsen seien allerdings nicht zu erwarten. Für die Anleger bedeutet dies, dass sie weiter am Wachstum der Realwirtschaft partizipieren sollten, so der Deka-Experte. Für sie gilt: weiter auf die Anleihen-, vor allem aber auf die Aktienmärkte setzen und dabei die Anlagen breit streuen.

Die enthaltenen Meinungsaussagen geben die aktuelle Einschätzung der DekaBank zum Zeitpunkt der Erstellung wieder. Diese kann sich jederzeit ohne Ankündigung ändern. Die Angaben wurden sorgfältig zusammengestellt.

Stand: 23.11.2020