29.11.2021 | INTERVIEW „Globalisierung ehrlich bilanzieren"

Die globale Arbeitsteilung steckt in der Krise. Thieß Petersen von der Bertelsmann-Stiftung erklärt im Interview, wie Politik, Unternehmen, aber auch private Verbraucherinnen und Verbraucher auf die Herausforderung reagieren sollten – und wie eine Globalisierung 4.0 aussehen könnte.


TEXT: Peter Weißenberg

Corona-Folgen, unterbrochene Lieferketten, Abkehr vom Freihandel: Der Glaube an die Kraft der Globalisierung ist gerade in weiten Teilen von Öffentlichkeit und Politik ganz schön erschüttert. Bei Ihnen auch?

Ich sehe natürlich, dass der ganze Prozess der Globalisierung unter Druck steht. Das Streben danach, just-in-time aus der ganzen Welt immer zum günstigsten Preis beliefert zu werden, hat möglicherweise die Globalisierung überdreht. Aber die Unternehmen sind jetzt gerade dabei, ihre Lieferketten zu überdenken und die internationale Arbeitsteilung neu aufzustellen.

Warum konnte es denn überhaupt zu so starken Störungen in den weltweiten Wertschöpfungsketten kommen? 

Es hat auch schon vor Corona immer wieder Lieferkettenunterbrechungen gegeben. Denken Sie nur an die Folgen des Tsunamis im März 2011. Aber die Corona-Krise ist schon einmalig, weil sie so lange anhält und dementsprechend auch so langfristige Folgen hat. Auch heute noch stehen zahlreiche Container in den falschen Häfen der Welt, und womöglich sind die Hafenarbeiter dort gerade noch einmal in Quarantäne. Zweitens haben uns auch Handelskonflikte seit vielen Jahren beschäftigt. Nach der Ära Donald Trump gibt es hier aber eine gewisse Entspannung. Ich denke etwa an die Verständigung der EU mit den USA über ein Ende der US-Zölle auf Stahl und Aluminium sowie der daraufhin von der EU verhängten Vergeltungszölle, die gerade beschlossen wurden. Ein dritter Grund für die kritische Betrachtung der Globalisierung liegt darin, dass dadurch in entwickelten Industriegesellschaften der Lohndruck für gering qualifizierte Beschäftigte zugenommen hat. In diesem Teil der arbeitenden Bevölkerung ist so der Eindruck entstanden, dass diese Menschen nicht genug von der Globalisierung profitiert haben. Der Job ist in Gefahr, und der Vorteil vieler Preisvorteile bei importierten Waren gerät angesichts dessen in Vergessenheit.

Thieß Petersen, Globalisierungsforscher bei der Bertelsmann-Stiftung

Befürchten Sie eine Eigendynamik dieser drei Trends, die die Globalisierung ganz abwürgen könnte?

Die Eigendynamik sehe ich aktuell eher so: Die weltweiten Warenströme sind gestört. Darum gehen nun massiv Preisvorteile der internationalen Arbeitsteilung verloren – und die höheren Preise treiben gerade unter anderem kräftig die Inflation voran. Das führt uns noch einmal die Vorteile der Globalisierung vor Augen. Aber wie gesagt, die Unternehmen reagieren ja auf die grundlegenden Störungen. 

Wie denn?

Etwa dadurch, dass sie die Digitalisierung ihrer Prozesse deutlich vorantreiben. Sie erzielen damit erhebliche Produktivitätsvorteile – und geben diese an die Kunden weiter. Gleichzeitig holen sie auch Arbeitsschritte in die Märkte zurück, wo die Produkte verkauft werden, sogenanntes reshoring. Durch dieses Zusammenrücken von Produktion und Verbrauch nimmt der grenzüberschreitende Güterhandel ab. Allerdings nicht ersatzlos: An seine Stelle treten grenzüberschreitende Kapitalströme in Form von ausländischen Direktinvestitionen und ein wachsender Handel mit Dienstleistungen. Dazu kommt: Technische Innovationen wie der 3-D-Druck können solche Entwicklungen noch erheblich verstärken, wenn sie in naher Zukunft für die Massenproduktion eingesetzt werden können. Das relativiert in dieser neuen Arbeitsteilung nämlich die Lohnkostennachteile klassischer Industrienationen gegenüber Niedriglohnländern.

Klingt noch sehr theoretisch für mich, diese neue globale Arbeitsteilung.

Das ist aber keine Science-Fiction. Bei teuren Ersatzteilen etwa für Flugzeugturbinen wird der 3-D-Druck bereits eingesetzt. Da werden Baupläne digital aus dem Design-Zentrum in Deutschland an den Drucker in Asien übertragen. Und der Flugzeugtechniker, der den Einbau erklärt, macht das per Videoschalte aus einem Hangar in Kalifornien. Digitalisierung und künstliche Intelligenz wird das globale Arbeiten bald überall erheblich günstiger und schneller machen. Beispielsweise durch automatische Simultanübersetzungsprogramme. Sie machen den grenzüberschreitenden Handel wesentlich effizienter, einfacher und billiger – zum Beispiel bei Dienstleistungen. Das schafft ganz neue Möglichkeiten, Services digital vernetzt global anzubieten.

Aber auch bei einer optimierten Globalisierung wird es ja immer Verlierer der Transformation geben.

Wir sehen, dass die voranschreitende Globalisierung in den letzten Jahrzehnten das Bruttoinlandsprodukt der beteiligten Volkswirtschaften gesteigert hat. Die Kunst ist es, alle Menschen stärker an den gesamtwirtschaftlichen Vorteilen dieser weltweiten Arbeitsteilung zu beteiligen und soziale Härten aufzufangen.

Wie soll das gehen?

Hier ist der Staat, aber auch die private Wirtschaft gefordert: etwa mit intensiver Qualifizierung, Mobilisierungshilfen und Weiterbildung, damit Menschen für neue Branchen fit gemacht werden.

Eines Ihrer Spezialthemen ist der demografische Wandel. Sind die alternden Gesellschaften Europas, Japans oder der USA eigentlich im internationalen Maßstab potenziell in den kommenden Jahrzehnten noch konkurrenzfähig?

Eine Globalisierung 4.0 kann dabei in jedem Fall helfen. Wir können etwa arbeitsintensive Tätigkeiten dorthin auslagern, wo es genug Menschen gibt. Die könnten dann sogar digital vernetzt hochautomatisierte Produktionsprozesse hierzulande steuern. Oder wir können den demografisch bedingten Arbeitskräftemangel durch einen verstärkten Einsatz von Maschinen, Robotern und modernen Technologien ausgleichen.

Das kann ja sogar bei uns positive Effekte haben. In Deutschland beispielsweise sucht Google derzeit massiv Software-Entwickler, weil die nur halb so viel kosten wie im Silicon Valley.

Exakt – da ist die Globalisierung 4.0 schon am Werk. Die Welt ist eben keine Einbahnstraße. Das gilt auch für die Nachfrage und das Angebot von qualifizierten Menschen und Know-how. Deutsche Firmen profitieren durch ihre starke Präsenz im Ausland ja auch schon lange davon.

Die exportstarke deutsche Wirtschaft ist aber natürlich auch besonders anfällig bei allen Störungen der weltweiten Arbeitsteilung.

Stimmt. Unser hoher Exportüberschuss ist auch eine Achillesferse der deutschen Wirtschaft. Aber da sehe ich in Deutschland positive Entwicklungen.

Zum Beispiel?

Indem die gegenwärtige, aber auch die künftige Bundesregierung aktiv versucht, Zukunftstechnologien hier im eigenen Land anzusiedeln. Ich denke an die Entwicklung von Batteriemodulen, digitale Services oder die Energieerzeugung – also Maßnahmen, die die digitale und ökologische Transformation in Deutschland vorantreiben. Es muss dabei allerdings immer klar sein, dass 90 Prozent aller Investitionen in Deutschland von privaten Unternehmen getätigt werden. Der Staat kann hier unterstützend und flankierend eingreifen. Aber am Ende müssen die Unternehmen immer ein Eigeninteresse daran haben, diese doppelte Transformation voranzutreiben. Ein gutes Beispiel dafür ist etwa der Handel mit Emissionsrechten. 

Kann auch der private Verbraucher dazu beitragen?

Ja, zum Beispiel indem er nachhaltigkeitsorientierte Fonds erwirbt. Unternehmen, die hier vorangehen, werden ja auch in einer globalisierten Welt größere Zukunftschancen haben. Diese Anleger sind damit sogar Pioniere für eine neue Stufe der Globalisierung. Denn in der Globalisierung 4.0 geht es noch um weit mehr als freien Warenhandel über Grenzen hinweg. Ganz wesentlich wird es für den Erfolg sein, dass auch Wissen und Kapital noch stärker rund um die Welt verfügbar sind. Das eröffnet ganz neue Möglichkeiten, von der Globalisierung zu profitieren. 

Haben Sie dafür auch ein Beispiel?

Ja. Die ganze Welt ist ja daran interessiert, die Pariser Klimaziele noch zu erreichen. Und hierbei kann der freie Fluss von Wissen und Kapital erheblich helfen: Nehmen Sie etwa ein deutsches Unternehmen, das seinen CO2-Ausstoß effektiv verringern möchte. Es kann dazu beispielsweise eine Windkraftanlage in Indien finanzieren. So lassen sich jedes Jahr Zehntausende Tonnen weniger CO2 ausstoßen – und das zu geringeren Kosten, als eine entsprechende Investition am deutschen Stammsitz kostet. Diese Verbesserung des Umweltschutzes nützt also dem Unternehmen selbst, dem weltweiten Klima und auch dem Schwellenland Indien, wo dadurch neues Know-how beim Umweltschutz verfügbar wird. Weil Klimaschutz zudem auf den Unternehmenswert einzahlt, profitiert mittelbar auch der Anlegende. 

Aber das ist noch Zukunftsmusik, oder?

Nein, solche Klima-Zertifizierungen und gegenseitige Anrechnung gibt es bereits seit dem Kyoto-Protokoll 1997.  Und dadurch, dass inzwischen weltweit immer mehr Staaten CO2 stärker bepreisen, gewinnt dieser Trend global an Dynamik – je höher der CO2-Preis in Industrieländern wird, desto stärker. 

Da gibt es wohl auch Nachholbedarf … Bio-Äpfel aus Neuseeland, Solarzellen aus China, Elektroautos aus den USA – alles per Schweröl-Schiff über Wochen zu uns gebracht. Passt eigentlich nachhaltiges Wirtschaften zur Globalisierung?

Das muss kein Widerspruch sein. Aber in der Globalisierung 4.0 passt es nur dann, wenn alle negativen externen Effekte in den zu zahlenden Marktpreisen berücksichtigt werden. 

Also etwa die ökonomischen und ökologischen Kosten des Transportes?

Genau. Das ist im Übrigen auch ein klassischer Grundsatz der sozialen Marktwirtschaft. Die bisherige internationale Arbeitsteilung hat zwei zentrale Kostenelemente unterschätzt oder gar ignoriert: die Kosten einer unvorhergesehenen Unterbrechung der globalen Lieferketten und die sozialen und ökologischen Kosten von Treibhausgasemissionen. 

Wenn das alles mit eingerechnet wird, dann wird die Globalisierung 4.0 ganz schön teuer, oder?

Ich würde sagen, es ist umgekehrt: Wenn wir jetzt nicht in die ökologische Transformation investieren, dann wird es später richtig teuer. Wir sehen das ja jetzt schon durch die verstärkten Wetterphänomene wie Dürren oder Überschwemmungen. Die daraus resultierenden Kosten für die globale Wirtschaft und die Gesellschaften werden langfristig höher, wenn wir jetzt nicht gegensteuern. 

Sie forschen ja auch zu den Chancen von „Green Growth”, also Wachstum und Nachhaltigkeit. Können Unternehmen, Branchen und unsere Wirtschaft wirklich grün sein, global handeln und wachsen? 

Ich denke ja. In der Vergangenheit war Wachstum immer automatisch mit hohem Ressourcenverbrauch verbunden. Bei Emission und Wachstum sehen wir aber jetzt schon, dass dieser Automatismus nicht unabwendbar ist. Green Growth beschreibt einen Wachstumspfad, bei dem es sogar möglich, gestiegene Produktion mit null Nettoemissionen zu verbinden – etwa durch Recycling und eine Stärkung der Kreislaufwirtschaft, die Steigerung der Ressourceneffizienz, den Ausbau erneuerbarer Energien sowie eine Entnahme von CO2 aus der Luft mit anschließender Speicherung. Außerdem muss die reine Menge der produzierten Waren ja nicht mehr die einzige Messgröße für Wachstum sein. Wir werden sicherlich gerade in einer globalisierten Welt noch neue Konzepte von Wohlstand und Wachstum kreieren. Auch der Zuwachs an Gesundheit, Zeit oder sauberer Luft kann ja als Wachstum verbucht werden.

Erwarten Sie sich da von der neuen Bundesregierung einen Schub für mehr Zukunftsfähigkeit in einer global konkurrierenden Welt?

Das wäre sehr wünschenswert, denn der Handlungsdruck wird immer größer. Unsere bisherigen Exporterfolge reichen nicht mehr, um weiter eine Führungsposition einzunehmen. Deutschland muss auch mehr dafür tun, bei Daten und Kapital konkurrenzfähiger zu werden. Die größten 100 Plattformen der Welt sind überwiegend in den USA und in Asien angesiedelt, aber nicht in Europa oder gar Deutschland. Besser aufgestellt sind wir da im globalen Maßstab schon bei den Umwelttechnologien.

Da entsteht ja mit dem kompletten Umbau auf erneuerbare Energien bei uns praktisch ein gigantischer Showroom für Interessenten aus aller Welt.

Ja, stimmt. Deutsche Unternehmen haben einiges vorzuzeigen, wenn dieser Umbau so gelingt wie geplant. Bereits jetzt liegt der Weltmarktanteil deutscher Unternehmen in den Bereichen Umwelttechnik und Ressourceneffizienz bei rund 14 Prozent. Das könnte ein Exportschlager in der Globalisierung 4.0 werden.

In welche Branche oder welches Land würden Sie eigentlich investieren, um von der Zukunft der globalisierten Welt besonders zu profitieren?

Natürlich haben gegenwärtig Firmen Vorteile, deren Produkte oder Dienstleistungen schon jetzt weltweit hochbegehrt sind und die sich dementsprechend aufgestellt haben. Und umgekehrt wird richtig unter Druck kommen, wer von fossiler Energie abhängt. Aber auch in der Energiebranche gibt es ja bereits viele Unternehmen, die schon massiv und weltweit investieren und umsteuern. Hohe Wachstumspotenziale sehe ich im gesamten Bereich grüner Technologien, also erneuerbaren Energien und Energieeffizienz, nachhaltiger Mobilität, materialeffizienten Produktionsverfahren bis hin zur Kreislaufwirtschaft und einer nachhaltigen Wasserwirtschaft etc. Langfristig bin ich mir sicher, dass wir global überall Vorteile haben werden, wenn wir die ökologische und digitale Transformation erst einmal erfolgreich hinter uns haben.

Ich bin 56 Jahre alt. Machen Sie mir Hoffnung, dass ich die digital voll vernetzte und klimaneutrale Welt noch erleben werde?

Vielleicht nicht zur Gänze und in jedem Winkel des Globus. Aber ich bin mir doch sehr sicher, dass Sie eine spürbare Verbesserung bemerken werden. Denn die neue Globalisierung 4.0 ist in den Köpfen der meisten Entscheider längst angekommen.

Dr. Thieß Petersen ist bei der Bertelsmann Stiftung konzentriert auf Fragen der Globalisierung und des demografischen Wandels, auf die wirtschaftlichen Aspekte der Digitalisierung und auf das Thema „Green Growth" im Rahmen des Projektes Global Economic Dynamics. Dabei soll es darum gehen, wie Deutschland trotz der globalen Rahmenbedingungen und der damit verbundenen Herausforderungen auch zukünftig wirtschaftlich erfolgreich bleibt, ohne dabei den gesellschaftlichen Zusammenhalt und die langfristige Stabilität und Leistungsfähigkeit der politisch-sozialen, ökonomischen und ökologischen Systeme zu gefährden. Petersen arbeitet zudem auch als Lehrbeauftragter an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder).

Stand: 29.11.2021