30 Jahre Dax Hinaus in die Welt

Der Deutsche Aktienindex ist ein Spiegelbild deutscher Großunternehmen und ihrer Erfolge rund um den Globus. Doch ihr international ausgerichtetes Geschäftsmodell muss immer wieder Bewährungsproben bestehen. Gerade jetzt ist es wieder spannend – auch für die Anleger.


TEXT: Peter Weißenberg

Mehr als 2.000 Bands lassen den Palm Park vibrieren, Workshops beleuchten die vernetzte Zukunft, Independent-Filme flimmern über Freiluft-Leinwände. In Austin, Texas, haben seit 1994 jeden Frühling die Trendsetter der digitalen Elite auf dem South-by-Southwest-Festival ihr Gemeinschaftserlebnis. Let’s talk about future.

Mittendrin: Dieter Zetsche. Daheim steht die Autobranche gehörig unter Druck, hier parliert der Daimler-Chef in Jeans, offenem Hemd und Cowboyhut mit Nvidia-CEO JenHsun Huang über Mobilität. Und er präsentiert den Elektro-Smart der eigenen Carsharing-Marke Car2Go. Die Hipster applaudieren.

Vor 30 Jahren wäre so ein Auftritt noch undenkbar gewesen. Für den damaligen Daimler-Lenker Edzard Reuter waren Anzug, Krawatte und Einstecktuch Pflicht. Ernst aus dem asketischen Gesicht blickend, beschritt Reuter eisern den Weg zum integrierten Großkonzern durch Zukäufe wie AEG oder MTU. Die Deutschland AG blieb unter sich. Zetsches lässiges Werben um die digitale Weltelite ist hier nur eines von vielen Zeichen für den Wandel, den die deutsche Wirtschaft seit 1988 bewältigt hat: technisch, organisatorisch, kulturell – und eng verknüpft mit dem Deutschen Aktienindex (Dax). Der feiert im Juli seinen 30. Geburtstag. „Dass Deutschlands Wirtschaft heute so global orientiert und leistungsstark ist, hat auch mit dem Dax zu tun“, ist sich Ralf Dietl, Manager des DekaFonds, sicher.

Doppelter Stresstest

Ob Daimler, Bayer oder SAP – die Erfolgsgeschichte vieler Dauergäste im Dax liegt in einer Kombination von Wandel und Stabilität: Sie stehen immer wieder an der Spitze, wenn es um Innovationen geht, die Produkte auf eine neue Qualitätsstufe heben – bleiben aber einem strategischen Masterplan treu.

Aktuell müssen sie sich dabei einem doppelten Stresstest unterziehen. Erster Teil: „Der Einfluss der digitalen Vernetzung auf die Geschäftsmodelle – da müssen sich die Konzerne einmal mehr neu erfinden“, wie Dietl feststellt. Daimlers Carsharing sei dafür eines von zahlreichen Beispielen. BASF etwa hat sich unlängst mit ZedX eine Firma aus den USA zugekauft, die Wetter- und Agrardaten auswertet und damit den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln optimiert. Um künstliche Intelligenz in ihre Produkte zu bringen, pflegen die Dax-Konzerne auch Kooperationen mit Google, Apple oder Tencent aus Asien. Dabei lernen die Schlachtrösser der deutschen Wirtschaft deren Kultur schätzen. „Sie gliedern Unter­nehmensbereiche aus oder fördern externe Startups, um agiler zu werden“, sagt Deka-Mann Dietl.

Vor allem die Deutsche Telekom und Daimler gehen hier mit großem Elan vor und ergreifen beherzt Chancen. Beim digitalen Wandel liegen sie laut einer Studie von Julian Kawohl, Professor an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin, klar vorn. Zur erweiterten Spitzengruppe zählen aber auch Volkswagen, SAP, Commerzbank, Adidas, Continental, Henkel und BMW. „Nur mit einer konsequenten Digitalisierung können weltweit operierende Unternehmen konkurrenzfähig bleiben“, betont Kawohl. Wenngleich die hiesige Wirtschaft um digitalen Anschluss kämpft, erkennt die Beratungsgesellschaft EY ein grundlegendes Manko: Mit Ausnahme von SAP gibt es in Deutschland, ja in der gesamten Europäischen Union keine reinrassigen Hightech-Riesen. „Wir müssen aufpassen, dass Europa nicht den Anschluss verliert“, mahnt Mathieu Meyer, Mitglied der Geschäftsführung bei EY.

Das Potenzial von Zukunftsbranchen wie der IT zeigen zwei Vergleiche: Die Aktien von Apple und Amazon sind zusammen rund 1,4 Billionen Euro wert und damit gut 200 Milliarden mehr als alle 30 Dax-Titel. Und Netflix, 1997 in den USA als Versand-Videothek gegründet, hat inzwischen den Mediengiganten Disney bei der Börsenbewertung fast eingeholt. So attraktiv etablierte deutsche Unternehmen sind, wer als Anleger mit der Zeit geht, blickt auch über die Landesgrenze hinweg und nutzt Chancen neuer Geschäftsmodelle.

Freihandel unter Druck

Zweiter Teil des Stresstests für deutsche Firmen aller Größenklassen: auflodernde Handelskonflikte. Denn ein wesentlicher Teil ihres Erfolgs beruht darauf, dass sie Chancen von Globalisierung und Freihandel konsequent nutzen. Im Jahr 2017 exportierte Deutschland Waren im Wert von 1,28 Billionen Euro – so viel wie nie zuvor. Doch bald verliert die EU mit Großbritannien ein wichtiges Mitglied. Negative Auswirkungen auf den Handel sind absehbar. Derweil verhängt US-Präsident Donald Trump Schutzzölle auf Aluminium- sowie Stahlimporte und droht den Autoherstellern. Die EU und China halten dagegen. Deka-Volkswirt Holger Bahr glaubt dennoch nicht, dass es zu einem veritablen Handelskonflikt mit wechselseitigem Hochschaukeln der Beschränkungen kommen wird. „Dafür haben alle Staaten zu viel zu verlieren“, sagt der Ökonom. Zolldrohungen seien auch nichts grundsätzlich Neues. Große Wirtschaftsräume versuchten immer wieder mal, auf diese Art Regeländerungen zu ihren Gunsten anzustoßen.

Zudem seien deutsche Unternehmen heute besser gegen „Abschottungstendenzen gerüstet als vor einem Jahrzehnt“, urteilt Bahr. Denn sie hätten Kapazitäten in allen global wichtigen Märkten aufgebaut: Fabriken, Rechenzentren, Dienstleistungen. Allein die Post-Tochter DHL hat rund 1 Milliarde Euro in IT-Center in China investiert. Eine andere Strategie ist es, Konkurrenten in lokalen Märkten zu schlucken. Bayer hat es mit der Übernahme des US-Wettbewerbers Monsanto vorgemacht.

Also alles in Butter mit der deutschen Wirtschaft? Die Geschichte des Dax zeigt, dass Erfolg kein Selbstläufer ist – und der Anleger besser ein Dauerläufer. „Politische und volkswirtschaftliche Krisen haben gerade eine so globalisierte Wirtschaft wie die deutsche immer getroffen“, sagt Bahr.

anziehungskraft ungebrochen

Trotz der gegenwärtigen Herausforderungen sind die Aktien aus dem Dax weltweit begehrt wie selten zuvor. Um die Jahrtausendwende hielten Aktionäre aus dem Ausland rund 36 Prozent der Anteile an den Top 30 der börsennotierten deutschen Firmen, Ende 2017 gehörten ihnen rund 54 Prozent. Der Zetsche-Auftritt in den USA ist also beileibe nicht nur Show. Es geht um Begeisterung für neue Ideen und das Geld von Investoren. Kapital ist nötig, um in einem dynamischen Wettbewerbsumfeld nicht ins Hintertreffen zu geraten. Auch in diesem Punkt liefern die USA Beispiele: Während sich Microsoft, Apple oder Facebook von kleinen Bastelbuden in Kolosse verwandelt haben, sind prägende Größen der 1990er-Jahre wie Kodak oder Compaq in der Bedeutungslosigkeit verschwunden.

Dieses Schicksal konnten deutsche Wirtschaftsikonen in ihrer Mehrzahl vermeiden. Manche sind seit Jahrhunderten erfolgreich. Dax-Methusalem Merck schreibt seit 1668 Pharmageschichte. Dax-Urgestein Nixdorf ist hingegen längst von Siemens geschluckt worden, Babcock und Karstadt sind gar per Insolvenz vom Kurszettel verschwunden. Auch das ist Teil der Dax-Historie.

„Indexzugehörigkeit allein ist kein Garant für die Zukunftsfähigkeit“, sagt Fondsmanager Dietl. In jüngster Zeit ist er unter anderem von der Geschäftsentwicklung einiger Banken enttäuscht. Für seinen DekaFonds wäre deshalb das reine Nachzeichnen eines Index nie eine Alternative. Underperformer müssen im Fonds nicht wie im Dax mitgeschleppt werden, man kann sie aussortieren.

Dennoch ist auch der DekaFonds den Launen der Märkte ausgesetzt. Die bekommen Anleger 2018 stärker zu spüren als in den Jahren davor: So hat der Dax im Januar zwar einen Rekordstand von mehr als 13.500 Punkten erreicht, anschließend ist er aber vorübergehend unter die Marke von 12.000 Punkten abgetaucht. „Ähnliche Kursbewegungen könnten sich noch öfter wiederholen“, glaubt Joachim Schallmayer, Leiter Kapitalmärkte und Strategie der Deka.

Denn die Marktteilnehmer sind hin- und hergerissen: Positiv beeinflusst werden sie von exzellenten Unternehmenszahlen sowie der starken Konjunktur. Negativ machen sich neben den Konflikten in Handel und Politik auch langsam steigende Zinsen bemerkbar. Dranbleiben sollte sich aber lohnen: Schallmayer erwartet ein positives Ende für den Dax in diesem Jahr, da deutsche Aktien nicht hoch bewertet seien und mit attraktiven Dividenden locken.

dax bis 60.000 punkte

Und wenn man einmal ganz weit in die Zukunft blickt? Die „Welt am Sonntag“ hat bei führenden Bankhäusern gefragt, wo sie den Dax in 30 Jahren verorten. Die Antwort der Deka: bei 60.000 Punkten. Klingt überzogen? Keineswegs, die Prognose basiert auf einer jährlichen Rendite von 5 Prozent. Das ist weit weniger als die Ergebnisse, die der Dax in den ersten 30 Jahren geschafft hat. So liegt die Deka-Schätzung auch unter dem Mittelwert der Umfrage, der 87.375 Punkte beträgt. Spannende Perspektiven – allerdings ohne Gewähr.