Interview „Ich bin mit Aktien ausgezeichnet gefahren“

Warum die Geldpolitik der EZB gefährlich ist und wie Aktien die Risiken für Anleger sogar senken können, erklärt Wirtschaftsforscherin Isabel Schnabel im Gespräch mit fondsmagazin.


TEXT: Daniel Evensen

Frau Schnabel, Sie haben schwere Börsenrückschläge wie die Finanzmarktkrise miterlebt. Hatten Sie nie Angst, mit Aktien Geld zu verlieren?
Ich beschäftige mich nicht ständig damit, wie es um meine Aktien steht. Entscheidend ist die langfristige Perspektive. In den vergangenen Jahrzehnten konnten Anleger sehr zufrieden mit der Börsenentwicklung sein, selbst wenn es immer mal wieder Einbrüche gegeben hat. Auch ich persönlich bin mit Aktien ausgezeichnet gefahren.

Aber wenn man an Ereignisse wie die Finanzmarktkrise 2008 denkt: Haben Anleger da nicht recht, wenn sie der Börse wegen unberechenbarer Risiken fernbleiben?
Den großen makroökonomischen Risiken kann man nicht entfliehen – sie betreffen alle Anlageformen. Gerade weil es solche Krisen gibt, ist es wichtig, regelmäßig kleinere Beträge am Aktienmarkt zu investieren. So läuft man nicht Gefahr, alles auf dem Höchststand gekauft zu haben. Außerdem bergen auch andere Anlagen hohe Risiken – etwa die eigene Immobilie oder die eigenen Fähigkeiten, das Humankapital, das ja in der Branche angelegt ist, in der man arbeitet. Vor diesem Hintergrund kann eine Aktienanlage das Gesamtrisiko sogar senken.

Sie sind vielbeschäftigte Wirtschaftsforscherin und dreifache Mutter. Finden Sie genügend Zeit für die Anlagestrategie?
Ich schichte mein Portfolio nur selten um. Dabei achte ich auf allgemeine wirtschaftliche Trends und strukturelle Veränderungen. Beispielsweise habe ich neue Technologiewerte gekauft und bin stärker in Schwellenländern investiert. Für die meisten Privatanleger sind Fonds interessanter als Einzelaktien, weil sie automatisch eine gewisse Diversifikation bieten. So muss man sich nicht so häufig um sein Portfolio kümmern.

Wenn man anlegt, macht man sich auch Gedanken ums wirtschaftliche Umfeld. In welcher Verfassung ist die Weltwirtschaft?
Die Weltwirtschaft wächst, zwar nicht exorbitant, aber zufriedenstellend. Bislang haben weder der Brexit noch der Ausgang der Präsidentschaftswahlen in den USA die wirtschaftliche Entwicklung spürbar gebremst. China bereitet gewisse Sorgen. Zwar wächst das Land noch immer sehr stark, aber es bauen sich Risiken auf, vor allem wegen der steigenden Verschuldung.

In der Eurozone scheinen sich die Wachstumsraten zu stabilisieren. Wie schätzen Sie die weiteren wirtschaftlichen Perspektiven für die Länder der Währungsgemeinschaft ein?
Der Euroraum hat sich gut entwickelt. Wegen der jüngsten Wahlergebnisse in Europa ist die politische Unsicherheit gesunken. Das dürfte weitere positive Impulse setzen. Das Sorgenkind bleibt allerdings Italien – dort ist das Wachstum nach wie vor verhalten, und die Probleme im Bankensektor sind ungelöst.

EZB-Chef Mario Draghi setzt seine lockere Geldpolitik nahezu unverändert fort. Wie beurteilen Sie das Vorgehen der EZB?
Ich halte diese Politik für zunehmend gefährlich. Die Risiken im Finanzsektor steigen, was sich beispielsweise in den Immobilienpreisentwicklungen in einigen Ländern oder an den Anleihemärkten zeigt. Je länger die Niedrigzinsphase anhält, desto schwieriger wird ein Ausstieg. Dieser könnte nämlich die Stabilität des Finanzsystems und der Staatsfinanzen einiger Länder bedrohen. Es bleibt zu hoffen, dass der Ausstieg aus der lockeren Geldpolitik rechtzeitig gelingt.