Symbioticon Ideenschmiede mit Turbo

Wie Software-Profis beim Hackathon der Sparkassen-Finanzgruppe in kürzester Zeit Ideen für das digitale Banking der Zukunft entwickeln.


TEXT: Gunnar Erth

Fast 30 Stunden Akkordarbeit an den Laptops – zusammen mit seinen vier Mitstreitern hat Anton Lyubinov programmiert, was die Tastatur hergab. Doch kurz vor Schluss wird alles wieder analog. Der freischaffende Programmierer aus Marburg steht kritisch vor seiner Spanplatten-Stellwand, während seine Teamkollegen noch schnell ein paar Codezeilen auf ihren Laptops schreiben. Lyubinov manövriert hektisch gelbe Post-its hin und her, Wörter wie „Refresh-Button“ und „Dashboard“ sind darauf gekritzelt. Der „Innovator“, wie Lyubinov sich selbst nennt, bereitet alles für die Präsentation der App „Simple Budget“ vor, mit der er den Hackathon der Sparkassen-Finanzgruppe auf dem Frankfurter Messegelände gewinnen will.

Marktplatz der Programmier-Cracks

Hackathon ist die Kurzform für "Hacker-Marathon", wobei der Name irreführend ist. Hier sind keine Computer-Terroristen am Werk, die Viren auf fremden Rechner platzieren oder geheime Daten absaugen. Hackathons sind seit einigen Jahren in Mode – die Finanzwirtschaft richtet sie ebenso aus wie Google, Dr. Oetker oder Kommunalversorger. Die Programmierer wollen mit ihnen bekannter werden oder ihr Können beweisen; die Ausrichter erhoffen sich gute Ideen, die sie verwerten können.

Auf der „Symbioticon“, so der offizielle Titel des Events in Frankfurt, kämpfen 180 meist junge Programmierer in Teams gegeneinander; die bestehen in der Regel aus fünf Personen. Alle haben dasselbe Ziel: Ideen für das digitale Banking der Zukunft zu entwickeln und umzusetzen. Die Teams sollten dabei eine Lösung für eine von sechs spezifischen Zielgruppen entwickeln – von der internetaffinen Generation-Z über Familien und Kleinunternehmer bis hin zu den Best Agern der Generation 50+.

Passgenaue Lösungen für verschiedene Zielgruppen

Bei der Ideenfindung standen ihnen Zielgruppenexperten zur Seite, darunter auch jeweils ein Mitarbeiter der Deka und der Tochtergesellschaft bevestor. Einer von ihnen, Christian Haß, sagte: „Die diesjährige Symbioticon stand unter dem Motto #nonormal. In diesem Sinne haben wir viele spannende Cross Industry Lösungen gesehen, die über den Tellerrand des traditionellen Bankings hinausgehen und die das Potenzial haben, die Kunden der Sparkassen zu begeistern.“

Und beliebt ist der Hackathon obendrein. „Wir hatten mehr Anmeldungen als Plätze“, sagte ein erfreuter Jens Rieken (47), Leiter des Sparkassen Innovation Hubs (S-Hub) und Chefausrichter der Symbioticon. Sein Unternehmen mit Sitz in Hamburg ist das Innovationszentrum der Sparkassen-Finanzgruppe in Sachen kundenzentrierter Ideengenerierung. Hier entstehen Lösungen für die Zukunft, und teilweise stammen die Ideen von der Symbioticon. Etwa die Knax-Taschengeld-App für Kinder, die vor zwei Jahren auf der ersten Symbioticon entwickelt wurde und die heute auf Tausenden von Smartphones installiert ist. „Zwei weitere Ideen von ehemaligen Preisträgern stehen kurz vor der Marktreife“, berichtet Rieken.

Programmieren in Startup-Atmosphäre

Der Event hat daher einen hohen Stellenwert und das sah man der Symbioticon dieses Jahr auch wieder an. Designertische aus Spanplatten, gemütliche Liegestühle zum Verschnaufen, eine große Kaffeebar, die rund um die Uhr geöffnet war, technische Infrastruktur von großen Konzernen wie Microsoft und Amazon – und alles eingehüllt in einen schicken weißen Vorhang, auf den das Motto „#nonormal“ gestrahlt wurde: auf der Symbioticon wurde mit Stil und in kreativer Startup-Atmosphäre programmiert.

Zur Beurteilung der 36 Ideen machte der Hackathon eine Anleihe beim Eurovision Song Contest. Es gab gleich zwei Jurys, deren Votum in die Bewertung einfloss: Vor Ort beurteilte eine siebenköpfige Jury, in der mit Dr. Olaf Heinrich auch der Bereichsleiter Digitales Multikanalmanagement der Deka saß, die kreativen Ideen. Außerdem gaben Mitarbeiter von rund 60 Sparkassen und Verbundpartnern per Online-Voting ihre Stimme ab. Dazu wurde der Event – so wie bei bevestor – per Live-Streaming übertragen.

Erster Platz für Weltenbummler

Die wenigsten Programmierer waren aber wie Anton Lyubinov freischaffend. Der typische Symbioticon-Teilnehmer ist 30, männlich und Angestellter eines Fintech oder anderen IT-Unternehmens. Rund 150 der 180 Teilnehmer reisten als komplette Teams an. So auch Sarah Matthies, eine der wenigen Frauen auf der Veranstaltung. Die 25-jährige Studentin ist in Teilzeit wie ihre Mitstreiter bei der Münsteraner Strategieberatung ZEB angestellt. „Wir kannten uns aber vorher nicht und programmieren auch nur in der Freizeit“, betont Sarahs Team-Kollege Matthias Lehneis.

Gemeinsam hatten die fünf, die sich „Team zUP“ nannten, die Idee für die App „Weltenbummler“. Diese soll jungen Leuten helfen, Auslandsreisen besser zu planen und ihre Finanzen unterwegs optimal zu managen. So können Nutzer zum Beispiel japanische Kassenbons einscannen und übersetzen oder problemlos Währungen umrechnen. Und bei Bedarf beantragen die User auf Knopfdruck einen Kredit bei der Sparkasse.

Tricks gegen die Müdigkeit

Das alles in 30 Stunden zu programmieren ist harte Arbeit. Für „Team zUP“ gab es keine Minute Schlaf. „Wir wollten die Nacht durcharbeiten und haben deswegen gar nicht erst ein Hotel gebucht“, sagte eine müde Sarah Matthies. Cola, Flummis und vor allem die Erfolge bei den gesteckten Etappenzielen halfen den fünf die Nacht durchzuarbeiten.

Die Mühe hat sich gelohnt. Für die „Weltenbummler“-App gab es den ersten Preis: 100.000 Euro – die Hälfte davon in Sachleistungen des S-Hub, mit denen die Sieger ihre Idee weiterentwickeln sollen. Dieselbe Summer erhielten auch das zweit- und das drittplatzierte Team.

Kleiner Helfer auf Geschäftsreisen

So erstellte das Team „Konfuzio.com“ eine App, die kleinen und mittelständischen Firmen bei der Buchhaltung von Auslagen der Mitarbeiter unterstützt. Belege auf Geschäftsreisen können von dem Programm eingelesen und die ausgelegten Beträge den Kollegen automatisch erstattet werden. Alles in kürzester Zeit und vollkommen transparent. Der Jury war dies den zweiten Platz wert.

Platz drei ging an das Team „Green Banana“. In dessen App für die Generation Z hinterlegen Party-Gastgeber Playlisten. Die einzelnen Songs können von den Gästen gegen einen geringen Geldbetrag nach oben geschoben werden, um sie häufiger zu hören. Die so erzielte Summe wird am Ende an die Gastgeber überwiesen, die damit Getränke finanzieren oder auch Geld für wohltätige Zwecke sammeln.

Die Deka vergab einen von vier Sonderpreisen – und zwar für die beste Digitallösung rund um das Thema Wertpapiere. Über den ausgelobten Preis freute sich das Team „WennDann“ aus Frankfurt. In Ihrer Lösung können die Nutzer vielfältige „Wenn-Dann“-Regeln hinterlegen, also dass bei Eintritt eines bestimmten Ereignisses („Wenn“), eine gewünschte Aktion ausgelöst wird („dann“). „So kann beispielsweise automatisch Geld in einen (Fonds-)sparplan investiert werden, wenn die Temperaturen im Winter unter dem Durchschnitt liegen und weniger Heizkosten anfallen. Oder auch dann wenn die internetfähige Waage am Monatsende ein geringes Gewicht als im Vormonat anzeigt.

Überzeugt hat die Idee aufgrund der innovativen Verknüpfung von regelbasiertem Sparen mit dem 'Internet of Things' und weiteren spannenden und kreativen Ansätzen, mit denen insbesondere das Wertpapiersparen für eine jüngere Zielgruppe interessanter werden kann", begründet Robert-Martin Welle aus dem Digitalen Multikanalmanagement der Deka die Auszeichnung der Idee.

Anton Lyubinov ging wie die meisten Teams leer aus, doch das störte ihn nicht. „Ich konnte meine Idee, ein virtuelles Haushaltsbuch, bei dem verschiedene Ausgaben in einer App bestimmten Kategorien zugeordnet werden, mit meinem Team weiterentwickeln“, erzählt er. Und nebenbei spannende Menschen kennenlernen sowie interessante Kontakte knüpfen. Denn: Die nächste Symbioticon kommt bestimmt.

Stand: 30.11.2018