22.2.2021 | INTERVIEW „Eine neue Welt der Dienstleistungen“

Die Mobilfunktechnik 5G kommt und Tristan Visentin, 5G-Experte beim Fraunhofer Heinrich-Hertz-Institut (HHI) in Berlin, erwartet davon einen Schub für die gesamte Wirtschaft. Der Innovationsmanager bei der Forschungseinrichtung erklärt, welche neuen Dienste und Produkte durch 5G entstehen, wie sich unser Leben verändern wird und warum die Technik für Anleger so viele Perspektiven eröffnet.


TEXT: Peter Weissenberg

Hallo, Herr Visentin! Ich sehe Sie auf Skype – aber leider höre ich Sie nicht.
(Visentin startet die Videokonferenz neu) So, jetzt geht’s los.

Prima. War diese wacklige Verbindung zwischen Berlin und München jetzt schon ein starkes Argument für 5G? 
Sie sagen es. 5G kann einfach 100-mal mehr Daten übertragen als das bisherige 4G – und 100-mal so viele Menschen können dabei gleichzeitig in einer Funkzelle kommunizieren. Allerdings muss dann auch die Netzabdeckung passen.

Dann hätten Sie mal besser Ihr 5G-Smartphone genutzt.
Das habe ich gar nicht.

Als Wissenschaftler und Innovationsmanager, der eng mit Unternehmen und Start-ups zusammenarbeitet?
Normalerweise telefoniere ich nur mit dem Smartphone, surfe oder poste. Da hätte ich keinen Nutzen von einem teuren 5G-Vertrag.

Dann dauert es wohl doch noch mit der nächsten Stufe der digitalen Revolution?
Nein. Da müssen Sie unterscheiden: Der private Nutzer ist bei dieser Technik erst mal eher nicht der Treiber – außer er ist ein Fan von hochauflösenden Onlinegames.

Zur Person: Tristan Visentin

Der Innovationsmanager arbeitet in der Abteilung „Drahtlose Kommunikation und Netze“ am Fraunhofer Heinrich-Hertz-Institut in Berlin. Er beschäftigt sich mit 5G-Netzen, Edge Cloud Computing und optischer Kommunikation. Auch Drohnen, autonome Robotik und autonomes Fahren gehören zu seinen Kernkompetenzen. Visentin, der am Karlsruher Institut für Technologie promoviert hat, ist eng mit der Berliner Start-up-Welt verbunden und hilft als Förderer des Fraunhofer Venture-Programms bei Ausgründungen mit neuen patentierten Technologien.

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Immerhin eine Multimilliardenindustrie.
Ja, und ihre Millionen an Kunden gehören sicher zu den ersten Nutzern von 5G. Aber viel wichtiger ist das produzierende Gewerbe – Autohersteller wie Daimler, Logistiker wie DHL, Chemieriesen wie Bayer oder Energieversorger wie Eon – und unzählige kleinere und mittelgroße Firmen, die nicht aus der IT-Welt kommen. 5G wird einen Riesenschub für vernetzte Fabriken, digitale Warenlager-Logistik und Cloud-Computing bringen. Denn diese Technik ist nicht nur eine Weiterentwicklung von 4G. Das ist eine Revolution.

Das müssen Sie ein bisschen genauer erklären.
Daten können viel schneller, in größerer Menge und ohne Zeitverzug übertragen werden. Das ist enorm wichtig, zum Beispiel bei Fahrzeugen in Bewegung, die Informationen mit der Cloud austauschen, um auch ohne Fahrer sicher unterwegs zu sein. Etwa im Parkhaus oder auf einem Firmengelände, später auch mehr und mehr auf öffentlichen Straßen. Zudem werden die privaten Netze und die Demokratisierung der Technik echte Gamechanger.

Wieso ist es eine Demokratisierung der Technik?
Das ist eine disruptive Innovation – es bedeutet: Die Netztechnik ist plötzlich nicht nur für die großen Anbieter wie Nokia, Samsung oder Ericsson zugänglich, sondern über offene Schnittstellen zu einem Großteil für jedermann. Ein offenes Funkzugangsnetz – oder OpenRAN, wie wir Techniker das nennen.

Drohnentestflug auf dem Gelände des Fraunhofer-Instituts in Berlin: Mit 5G lassen sich diese Fluggeräte vielfältiger nutzen. Foto: Fraunhofer Heinrich-Hertz-Institute

Ähnlich wie Open-Source-Software; sodass jeder darauf seine spezialisierten Dienste anbieten kann?
Ja, so ähnlich. Die Markteintrittsbarrieren werden niedriger. Durch 5G wird es viele neue, spezialisierte Produkte und Services geben – ganz neue Märkte können entstehen. Die Kunden haben die Chance, sich ihr privates 5G-Mobilfunknetz maßschneidern zu lassen. Ein Logistikunternehmen kann so seine Lagerhaltung voll automatisieren. Alles ganz privat und sicher. Diese Firmennetze nennt man Campus-Netze. Einige Firmen haben bereits Anträge gestellt. Und wir erproben hier in Berlin auf unserem fünf Quadratkilometer großen offenen 5G-Testfeld bereits viele Anwendungen mit Partnern aus der Industrie, mit Start-ups und unserer eigenen Forschung.

Geben Sie uns mal einen Blick auf das Deutschland von 2030: Was wird 5G in unserem Alltag verändern?
Sehr viel. Dann bewegen wir uns sogar schon auf die übernächste Mobilfunkgeneration 6G zu. Ich nenne mal drei Beispiele: Beim Autofahren wird Ihr Beifahrer während der Fahrt in Top-Qualität videotelefonieren können, und das Bild sieht nur er schwebend vor seiner Hälfte der Windschutzscheibe. Zweitens: Es wird sehr viele Drohnen geben, die vernetzt und autonom Waren liefern können. Das wird möglich durch die Echtzeitverbindungen mit Hochleistungsrechenzentren, die ganz in der Nähe des Geschehens stehen, sogenannte Edge-Clouds. Drittes Beispiel: Sind alle Fenster geschlossen? Ist jemand im Haushalt gestürzt? Durch viele umfassend in Echtzeit vernetzte Sensoren können private Umgebungen und gesundheitlich gefährdete Menschen besser geschützt werden.

Können Sie Vorbehalte gegenüber 5G verstehen?
Psychologisch ja. Da sind wir Deutsche anders als Südkoreaner, Chinesen oder Kalifornier, die eher die neuen Chancen sehen. Die Daten in 5G sind allerdings genauso sicher wie bisher, wenn sie entsprechend geschützt werden. Und da gibt es durch die Campus-Netze ja sogar noch mehr Möglichkeiten.

Und gesundheitlich?
Ich bin da kein Experte. Aber nach allen Daten, die ich kenne, sind die Funkleistungen viel zu gering, um menschliches Gewebe zu beeinflussen.

Bis 2025 sollen 99 Prozent der deutschen Bevölkerung 5G-Zugang haben. Aber wenn Sie von Berlin aufs Land fahren, wird es schon mit 3G dünn. Glauben Sie ans Überall-Netz?
3G wird in einer Region erst dann abgeschaltet, wenn 4G oder 5G an dieser Stelle verfügbar sind. Aber grundsätzlich ist einfach das Interesse an einer Flächendeckung jetzt noch größer, weil im Internet der Dinge eben Milliarden von Objekten zum Funktionieren eine Netzverbindung brauchen. Nur so lassen sich auch künftig noch viel mehr neue Geschäftsideen umsetzen. Südkorea hat nicht zuletzt darum schon eine nationale Strategie für 6G.

Das Netz nach 5G – was kommt da im nächsten Jahrzehnt?
Die Leistung bei Schnelligkeit und Datenmenge wird noch einmal bedeutend höher. So können dann beispielsweise auch vernetzte Dinge direkt miteinander kommunizieren.

Also etwa eine fahrerlose Lkw-Kolonne auf der Autobahn?
Zum Beispiel. 6G soll aber anders als der bisherige Mobilfunk bis zu zehn Kilometer in die Höhe reichen. So können Unternehmen und Behörden riesige Datenmengen mit Flugzeugen und Drohnen austauschen – beispielsweise zur Kommunikation während des Fluges oder Echtzeitwarnung bei Naturkatastrophen. Auch die satellitengestützte Netzabdeckung wird vorangetrieben. Da kommt eine ganz neue Welt von Dienstleistungen auf uns zu.

Stand: 22.2.2021