25.1.2021 | INTERVIEW „Wenn die Weichen richtig gestellt sind“

Der Trendbeobachter Mathias Haas über die Lust am dritten Lebensabschnitt, die Herausforderung einer alternden Gesellschaft und Barbie als Altersvorsorge-Helferin.


TEXT: Peter Weißenberg

Herr Haas, Sie beschäftigen sich intensiv mit dem Megatrend alternde Gesellschaft und der Zeit nach dem Berufsleben. Hat sich Ihr Blick aufs Alter durch Corona verdüstert? 

Das ist relativ. Schon der Begriff „dritter Lebensabschnitt“ führt etwas in die Irre. Wir reden ja da von rund 30 Jahren – und die sollte man weiter in Abschnitte unterteilen. Gerade im Jahrzehnt nach dem 65. Lebensjahr sind nach Studien des Statistischen Bundesamtes die meisten Menschen noch topfit, reiselustig und wollen aktiv leben. Die können Sie nicht pauschal mit dem Schnitt der Über-80-Jährigen in einen Topf werfen.

Haben Sie ein Beispiel? 

Das beste: meine Eltern. Die sind über 70 und haben sich 2020 ihren ersten Neuwagen aus deutscher Fertigung gekauft; etwas teurer als bisherige Importmodelle. Dahinter stehen Erwartungen an ein weiterhin gutes Leben und die Möglichkeiten im Alter.

Wenn man genug auf der hohen Kante hat. 

Klar. Aber rund die Hälfte der Über-70-Jährigen lebt laut Statistischem Bundesamt in der eigenen Immobilie, die meisten bekommen ausgezahlte Lebensversicherungen, die Kinder stehen längst auf eigenen Beinen. Es liegen noch viele, meist gesunde Jahre vor ihnen. Sind die Weichen richtig gestellt, sieht die alternde Gesellschaft also für gesunde Ältere ziemlich rosig aus.

Trendbeobachter Mathias Haas

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Foto: PR

Zur Person:

Für den Gründer und Geschäftsführer der Unternehmensberatung „Der Trendbeobachter“ ist dieser Name Programm. Der gelernte Banker will nicht wissenschaftlich zu Trends der fernen Zukunft forschen, sondern als Pragmatiker Unternehmen unterstützen, Trends aufzuspüren, einzuschätzen und daraus neue Produkte zu machen. In dieser Moderatorenrolle hat er viele Großkonzerne, aber auch Mittelständler unterstützt.

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In einer Umfrage sagen die meisten Deutschen, dass die Krise ihr Sicherheitsbedürfnis erhöht – und Risikovorsorge wichtiger wird. Über-60-Jährige fühlen sich besonders bedroht, aber auch jeder Zweite unter 30 Jahren. 

Das wundert mich nicht: Die Jüngeren empfinden den Stillstand mit enormen Kontaktbeschränkungen und Einschnitten bei den Freizeit- oder Reisemöglichkeiten in der Coronazeit als besonders belastend, sind oft in der Ausbildung oder als Berufsanfänger stärker betroffen und konnten noch wenig vorsorgen. Und für die Berufstätigen kurz vor dem Ruhestand gilt: Sie gehören zu den Älteren – und das Virus zeigt, wie gefährlich das Alter sein kann.

Wird unser Bild vom Alter wieder unbeschwert, wenn die Krise vorbei ist? 

Das vielleicht nicht. Zeitgeist war und ist aber, dass wir alle nicht „alt-alt“ werden. Damit meine ich, dass wir auch mit 60 Jahren noch die Apple-Watch kaufen, ins Fitnessstudio gehen, agil, gesund und auf Weltklasse-Niveau leben wollen. Der hohe erreichte Standard in den reifen Gesellschaften gibt ja da vielen Menschen auch berechtigt Anlass zur Hoffnung. Generell ist die Sorge um die Kraft einer alternden Gesellschaft indes berechtigt, denn die hohen Ansprüche des Einzelnen an seinen Konsum verlangen auch eine hohe Produktivität der eigenen arbeitenden Bevölkerung. Über Jahrzehnte hat Deutschland diesen Spagat geschafft. Irgendwann stoßen aber alle Gesellschaften an Grenzen, wenn nicht genug junge Menschen nachkommen.

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Jung geblieben: 23 Prozent der Deutschen über 70 nutzen täglich Chatprogramme oder schreiben E-Mails, haben ARD und ZDF ermittelt. Foto: dpa/PictureAlliance

Weil zu wenig Menschen berufstätig sind und zu viele im Ruhestand? 

Ja. Das individuelle Verhältnis von Arbeitskosten zu Produktivität wird ja bei Älteren schon wegen der Lohnentwicklung schlechter. Wie soll eine Gesellschaft da den Vorsprung von morgen erwirtschaften – im Wettbewerb mit der Dynamik von Staaten mit jüngerer Bevölkerung oder solchen mit hoher Zuwanderung von Qualifizierten? Menschen in vielen anderen Ländern sind zudem mobiler, innovativer und risikobereiter als die meisten Deutschen; das hat etwa das Wissenschaftszentrum Berlin in einer großen Studie unter 30 Ländern der Welt ermittelt.

Sind diese etwa hungriger nach Veränderung?

Das kann man auch sagen. Die Zahlen zur Mobilität der arbeitenden Bevölkerung oder zu technologischen Innovationen aus den USA, Südkorea oder China sind ein klarer Beleg; denken Sie nur an die vielen jungen Tech-Firmen, die an den Börsen dieser Länder maßgeblich den Ton mitbestimmen. Dahinter steckt womöglich oft eine Geisteshaltung: mehr Wagemut in den jüngeren Gesellschaften, weniger Risikobereitschaft in den älteren. Für die dynamische Fortentwicklung einer Volkswirtschaft ist das problematisch.

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Agile Einkäufer: 72 Prozent der deutschen Internetnutzer über 65 Jahre shoppen im Internet, hat der IT-Verband Bitkom im August 2020 ermittelt. Foto: dpa/PictureAlliance

Was raten Sie da den Unternehmen, für die Sie tätig sind? 

Den Wandel annehmen und gestalten: viel arbeiten, stetig und bis ins höhere Alter dazulernen – und diese Bereitschaft unter den Mitarbeitergenerationen fördern. Und Megatrends wie Digitalisierung oder Nachhaltigkeit organisch in die Produkte und Dienstleistungen integrieren. In unserer Trendbeobachtung sehen wir, dass der Begriff Digitalisierung bald verschwinden wird. Digitalisierung ist längst die Normalität und kein Add-on zum Normalgeschäft. Wer das nicht verinnerlicht, wird abgehängt: als Person wie als Organisation. Genauso ist es mit Nachhaltigkeit. Ohne Risikobereitschaft mit Augenmaß leidet die Rendite.

So ähnlich wie bei der klassischen Altersvorsorge per Sparbuch oder Lebensversicherung? 

Sie sagen es. Garantierte Renditen mit Vermögenszuwachs sind auch da Geschichte. Wenn die Jüngeren später im Ruhestand die gleichen Möglichkeiten haben wollen wie die heutigen Senioren, dann müssen sie gut rechnen, umdenken – und chancenorientiert handeln. Aber da gibt es deutliche Defizite – im Angebot und in der Nachfrage.

Umfrage: Vorsorge ist keine Altersfrage

Wegen der vergleichsweisen geringen Neigung der Deutschen, in Realwerte wie Aktien zu investieren? 

Auch. Aber ich setze noch früher an: zum Beispiel in der Schule. Da müssen wir die Hemmungen abbauen, sich mit Vermögensbildung zu beschäftigen. In Neuseeland etwa gibt es ein Programm dazu, bei dem die Spielzeugpuppen Barbie und Ken den Menschen ganz einfach finanzielle Grundbegriffe erläutern. Diese Herangehensweise nimmt Schwellenängste vor der Finanzberatung – und liefert sympathisch und spielerisch frühzeitig den Einstieg in die Welt der Finanzen. In Deutschland fehlt dagegen zu vielen Menschen ein grundsätzliches Rüstzeug, um langfristig erfolgreiche Vermögensbildung zu betreiben.

Woran sehen Sie das? 

Etwa an einer neuen Studie aus dem „Swiss Journal of Economics and Statistics“. Gerade einmal die Hälfte der Deutschen kann demnach die drei grundlegenden Fragen zum Finanzwissen beantworten – zum Effekt des Zinseszinses, zum Einfluss der Geld­entwertung auf die Rendite und zum geringeren Risiko bei breitstreuenden Aktienfonds. Wer da die Grundzusammenhänge nicht versteht, wird sich wahrscheinlich auch bei der privaten Altersvorsorge schwertun. Kein Wunder, wenn da manche schon in jungen Jahren Angst vor der Altersarmut bekommen.

Wie kann man dieser Angst begegnen? 

Eine gute Absicherung auf mehreren Standbeinen ist wichtig und macht offensichtlich entspannter – gerade, wenn gesunde 100 Jahre das Ziel sind. Das Leben einfacher machen hilft auch. Glück und Zufriedenheit hängen zudem auch stark von Beziehungen ab – und gute Freunde oder eine schöne Partnerschaft erarbeiten Sie sich ja meist deutlich vor dem Rentenalter. Das ist auch eine gute Vorsorge für eine schöne dritte Lebensphase.

Die enthaltenen Meinungsaussagen geben unsere aktuelle Einschätzung zum Zeitpunkt der Erstellung wieder. Diese kann sich jederzeit ohne Ankündigung ändern.
Die Angaben wurden sorgfältig zusammengestellt.

Stand: 25.1.2021