24.10.2021 | INTERVIEW „Ökostrom ist das neue Öl“

Claudia Kemfert ist Deutschlands renommierteste Wissenschaftlerin für Energie- und Klimaökonomie. Mit dem fondsmagazin spricht sie über Chancen aus dem Klimawandel, Aufgaben für Politik und Wirtschaft und Folgen für Verbraucherinnen und Verbraucher sowie Geldanlegende.


TEXT: Thomas Luther

Frau Professorin Kemfert, wenn Sie in die Transformation der Energieversorgung investieren wollten, welche Branchen wären da besonders attraktiv?

Ich bin keine Investorin, sondern Wissenschaftlerin. Ich würde Investoren aber empfehlen, eine umfassende Transparenz der Unternehmen hinsichtlich der Risiken bei fossilen Energien und Klimawandel einzufordern. Genauso würde ich den Unternehmen raten, für diese Transparenz zu sorgen, die Chancen des Klimaschutzes zu nutzen und zur Dekarbonisierung der gesamten Wirtschaft beizutragen. Das jedenfalls scheint mir zukunftsweisend und ökonomisch erfolgversprechend.

Und umgekehrt: Welche Unternehmen und Branchen werden durch den Umstieg auf regenerative Energien besonders belastet?

Verlieren werden früher oder später jene Unternehmen, die weiter auf fossile Energie setzen. An Geschäftsmodellen der Vergangenheit festzuhalten, war unternehmerisch noch nie besonders von Erfolg gekrönt.

Claudia Kemfert, Professorin für Energiewirtschaft und Energiepolitik an der Leuphana Universität.

Die Preise für fossile Energieträger wie Öl und Gas sind in den vergangenen Monaten deutlich gestiegen. Ist das eher gut oder schlecht fürs Erreichen der Klimaziele?

Hohe Preise für fossile Energien sind grundsätzlich ein Anreiz, Energie zu sparen und den Umstieg hin zu einer emissionsfreien Energiewelt zu beschleunigen. Die Energiewende hin zu mehr erneuerbarer Energie und ressourcenschonendem Umgang mit den Rohstoffen senkt die fossilen Energiekosten. Fälschlicherweise wird dieser Zusammenhang oftmals nicht gesehen. Steigende Kosten werden der Energiewende zugeschrieben. Die Politik reagiert leider oft sehr kurzfristig, manchmal geradezu panisch mit gegensteuernden Maßnahmen. Was wiederum dem Klimaschutzziel nicht hilft. Deswegen ist es ja so wichtig, vorausschauend zu handeln. Hätten wir die Energiewende vor 20 Jahren begonnen und konsequent umgesetzt, würden wir heute nicht mit solchen Preissprüngen zu kämpfen haben.

Sie haben im Vorfeld der Bundestagswahl kritisiert, dass das Programm keiner der im Parlament vertretenen Parteien ausreicht, damit Deutschland die Pariser Klima­ziele erreicht. Was müsste denn passieren, damit das gelingt?

Das Allerwichtigste ist der deutlich schnellere Ausbau erneuerbarer Energien und ein Kohleausstieg bis 2030. Und: Wie vom Bundesverfassungsgericht gefordert, muss die nächste Regierung transparent machen, wie viel Treibhausgas-Budget uns noch verbleibt und wie die Klimaziele erreicht werden sollen. Dann muss die Verkehrswende endlich auf den Weg gebracht werden – also weniger das Auto in den Mittelpunkt stellen, stattdessen klimafreundliche, soziale und faire Mobilitätsdienstleistungen. Zudem benötigen wir eine Stärkung des Schienenverkehrs und des öffentlichen Nahverkehrs sowie den Ausbau von Fahrrad- und Fußverkehr und der Ladeinfrastruktur. Mehr Nachhaltigkeit in der Landwirtschaft und die Dekarbonisierung der Industrie mittels gezielter Förderungen gehören auch noch dazu.

Kann es überhaupt bis 2045 gelingen, Deutschland klimaneutral zu machen?

Nur, wenn wir bei Planungs- und Genehmigungsverfahren deutlich flexibler werden. Die sind viel zu kompliziert. Wir brauchen eine Entschlackung und eine Erleichterung dieser Verfahren und dringend eine Digitalisierung all dieser Prozesse. Dann können und müssen wir früher als 2045 klimaneutral sein.

Sie fordern, die Industrie durch Energiesparmaßnahmen emissionsfrei zu machen und grünen Wasserstoff stärker zu fördern. Was schlagen Sie vor, damit diese Transfor­mation wie von der noch amtierenden Bundesregierung vorgesehen bis 2045 gelingt?

Es ist entscheidend, dass der Wasserstoff grün ist, also nur aus erneuerbaren Energien gewonnen wird und weder zu Umwelt- noch zu sozialen oder anderen Konflikten führt. Grüner Wasserstoff ist aufwendig in der Herstellung und erfordert hohe Mengen an zusätzlichem Ökostrom. Das macht ihn kostbar, quasi zum Champagner unter den Energieträgern. Deswegen sollte er nur da zum Einsatz kommen, wo es keine direkte elektrische Alternative gibt. Dafür benötigen wir konkrete Standards, die eindeutig definiert und zertifiziert werden müssen.

Eine aktuelle Studie, an der das DIW federführend betei­ligt war, kommt zum Ergebnis, dass das Konzept des CO2­Preises von der Politik überschätzt wird, weil es allein genommen nicht tauglich ist, um die Klimaziele zu erreichen. Warum?

Ein CO2-Preis ist ein wirkungsvolles Instrument, um Emissionen zu verringern. Allerdings reicht er allein nicht aus, um die Klimaziele zu erreichen. Um zum Beispiel eine ausreichende Lenkungswirkung im Verkehrssektor zu erzielen, bräuchten wir sehr hohe CO2-Preise – von derzeit 25 auf mindestens 150 Euro pro Tonne. Ich halte es für unrealistisch, dass sich solche CO2-Preise durchsetzen lassen. Daher ist es wichtig, dass wir flankierend andere Maßnahmen einführen, etwa die Stärkung von Schiene und öffentlichem Nahverkehr, die Verschärfung der Emissionsgrenzwerte für Fahrzeuge oder ein Tempolimit.

Der Strombedarf wird in den kommenden Jahren Progno­sen zufolge deutlich stärker steigen als bislang angenom­men. Ist es möglich, diese Lücke mit erneuerbaren Energien allein zu füllen?

Selbstverständlich. Allerdings müssen wir das Ausbautempo der erneuerbaren Energien erheblich erhöhen. Wir müssen mindestens drei-, wenn nicht sogar viermal so schnell werden – sonst bekommen wir eine Ökostrom-Lücke. Das bedeutet: Für die Windenergie müssen wir mehr Flächen ausweisen sowie Marktbarrieren und Hemmnisse abbauen.

Mit dieser Transformation sind hohe Kosten verbunden. Deutschland ist ein Hochlohnland. Wie lässt sich ein Abwandern oder Auslagern von „schmutziger“ Produktion in Länder mit weniger strengen Klimastandards verhin­dern?

Die Folgen des Klimawandels zerstören massiv Wert, wie wir jetzt immer häufiger erleben. Die Transformation dagegen und die damit verbundenen hohen Investitionen bringen Wertschöpfung hervor, Innovationen und neue Arbeitsplätze. Geeignete Rahmenbedingungen erleichtern solche Investitionen und treiben sie an. Daraus ergeben sich enorme wirtschaftliche Chancen für Unternehmen. Wir brauchen eine seriöse Kosten-Nutzen-Betrachtung. In Asien oder auch in den USA ist Klimaschutz bereits als Zukunftsmarkt im Blick. Um den Import klimaschädlicher Produkte zu verhindern, werden derzeit verschiedene Maßnahmen wie Klimazölle oder Ausgleichsabgaben diskutiert. Das macht das Abwandern der schmutzigen Produktion ins Ausland unattraktiv.

Wie lässt sich umgekehrt verhindern, dass Unternehmen aus dem Ausland ihre Produkte in Deutschland wegen feh­lender oder geringer CO2-­Kosten günstiger als ihre deutschen Mitbewerber anbieten können?

Genau das verhindern die erwähnten Klimazölle oder Ausgleichs- abgaben. Aber natürlich muss es auch darum gehen, dass möglichst viele Länder die Ziele des Pariser Abkommens verbindlich umsetzen und es einfach immer weniger schmutzige Produktion gibt – egal wo.

Bei den Diskussionen rund ums Erreichen der Klimaziele geht es häufig um die Belastungen für Bürger und Wirtschaft. Gibt es denn auch Chancen für Unternehmen?

Durch die Investitionen in den Ausbau der erneuerbaren Energien, in Energie-Sparmaßnahmen oder auch in die nachhaltige Elektromobilität inklusive Ausbau der Ladeinfrastruktur entstehen jede Menge neue Geschäftsmodelle. Das sind enorme Chancen für kleine und große Unternehmen. Diese haben es selbst in der Hand, hier zuzugreifen. Ich sage es mal so: Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit.

Welche Rolle spielt der Ausbau der digitalen Infrastruktur in Deutschland bei der Klimawende?

Eine zentrale Rolle! Ohne Digitalisierung wird es nicht funktionieren. Wir brauchen Digitalisierung, um ein flexibles und intelligentes Energie- und Lastmanagement sicherzustellen. Wir brauchen Digitalisierung, um intelligente Mobilitätsdienstleistungen anzubieten. Wir brauchen Digitalisierung in allen Energiewende-Bereichen. Sie ist schlicht unverzichtbar für die Umsetzung von Klimaschutz und Energiewende.

Gerade in den Bereichen Energiespeicherung oder grüner Wasserstoff sind für marktreife Lösungen noch große Innovations­ und Entwicklungsarbeit erforderlich. Wie sinnvoll ist es, dabei eher auf Technologieoffenheit oder einen von der Politik vordefinierten Pfad zu setzen?

Die viel beschworene Technologieoffenheit ist in Wahrheit eine Technologiebarriere. Ich nenne als Beispiel Mobilität: Die konventionellen Antriebstechnologien genießen derzeit viele Vorteile. Für die noch neue Elektromobilität ist eine neue Ladeinfrastruktur nötig. Das ist aufwendig und teuer. Wenn man parallel dazu auch noch Wasserstoffpipelines samt Tankstellen-Infrastruktur aufbaut, wird es mindestens doppelt so aufwendig. Zudem müsste man für den grünen Wasserstoff nochmals die vierfache Menge an Ökostrom produzieren. Spätestens dann wird es unbezahlbar. Statt ineffizienter Doppelstrukturen benötigen wir schnellstmöglich Technologieklarheit. Es liegt auf der Hand: Ökostrom ist das neue Öl. Deswegen müssen wir Ökostrom überall direkt zum Einsatz bringen und dürfen ihn nicht durch ineffiziente Umwandlungsprozesse verschwenden.

Claudia Kemfert gilt als die Klimaexpertin in Deutschland schlechthin. Sie leitet die Abteilung Energie, Verkehr, Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung DIW Berlin und ist Professorin für Energiewirtschaft und Energiepolitik an der Leuphana Universität. Darüber hinaus ist sie Ko-Vorsitzende des Sachverständigenrats für Umweltfragen SRU, Mitglied im Präsidium der deutschen Gesellschaft des Club of Rome (DGCOR) sowie im Klimabeirat der Städte Hamburg und Dresden.

Stand: 24.10.2021