Interview „Wer sich nicht um Klimaschutz kümmert, wird Probleme bekommen“

Eine turbulente Hauptversammlungs-Saison geht zu Ende. Ingo Speich, Leiter Nachhaltigkeit und Corporate Governance bei der Deka, erklärt den „Aufstand der Investoren“.


TEXT: Daniel Evensen

Herr Speich, selten mussten sich Unternehmen auf Hauptversammlungen so viel Kritik gefallen lassen wie in diesem Jahr. Woran lag‘s?

Ingo Speich: Da kommen unterschiedliche Dinge zusammen. Einmal der Sonderfall Bayer, der hohe Wellen schlägt. Nach der Monsanto-Übernahme und der Klagewelle gegen Bayer herrscht großer Unmut unter den Aktionären wegen des beispiellosen Verlusts an Reputation und Unternehmenswert. Ein weiterer genereller Punkt ist die Konjunktur. In den vergangenen Jahren gab das starke Wachstum allen Unternehmen ordentlich Rückenwind. Nun ist aber das Wirtschaftswetter rauer geworden und es zeigt sich, wie souverän ein Vorstand seine Firma steuert – oder eben auch nicht. Drittens wirken Skandale wie die Dieselkrise nach. Seither sehen Investoren noch genauer hin.

Wo sehen sie genauer hin?

Bei den Aspekten, die eine gute Unternehmensführung ausmachen. Wichtig ist etwa ein unabhängiger Aufsichtsrat, der den Vorstand tatsächlich kontrolliert. Die Deka legt bei Aktiengesellschaften zudem großen Wert auf Vielfalt in den Führungsetagen – was Ausbildung, Geschlecht, Herkunft und Kompetenzen angeht. Heutzutage braucht man beispielsweise Leute in der Verantwortung, die sich mit der Digitalisierung auskennen. Angemessene Vergütungsprogramme sind ein weiterer wichtiger Faktor einer überzeugenden Corporate Governance. Die Entlohnung der Unternehmenslenker muss nachvollziehbar und messbar sein.

Auf den Hauptversammlungen wurden Schwächen in der Corporate Governance gnadenlos aufgedeckt. Nun sind die Aktionärstreffen vorbei, die Vorstände haben die Denkzettel zur Kenntnis genommen …

… und gehen zum Tagesgeschäft über? Sie meinen, bei den Hauptversammlungen geht es zu wie bei einem Hühnerhaufen: Alle schnattern mal laut, springen in die Luft und dann ist die Sache wieder erledigt?

Nachhaltigkeitsexperte Ingo Speich

So könnte man es sich vorstellen. Trifft der Vergleich zu?

Absolut nicht. Die Deka meldet sich nicht zu Wort, um einfach mal Dampf abzulassen oder gar irgendjemanden zu schädigen. Wir üben Kritik an Unternehmen, wenn sie sachlich geboten ist. Damit nehmen wir die treuhänderischen Pflichten für unser Anlagevermögen und die mehr als vier Millionen Anleger dahinter wahr. Ziel des Engagements ist stets ein langfristiger Wertzuwachs unserer Aktienbeteiligungen. Und die Schlüssel dafür sind nun mal eine verantwortungsvolle Unternehmensführung und eine nachhaltige Ausrichtung des Geschäftsmodells. Darüber sprechen wir mit den Vorständen und Aufsichtsräten aber nicht nur einmal im Jahr, das ist ein permanenter Dialog.

Permanenter Dialog – wie sieht das aus?

Nehmen wir ein Beispiel: Die Lufthansa hatte am 7. Mai ihre Hauptversammlung. Meine Kollegin Vanessa Golz war vor Ort, hatte lobende und kritische Worte für die Unternehmensführung. Im Juli wird sie sich zusammen mit der Deka-Analystin Nora Franken erneut am Flughafen Frankfurt mit Verantwortlichen der Lufthansa zu den aktuellen Geschäftsaussichten austauschen und ganz konkret prüfen, welche Anstrengungen die Lufthansa in Sachen Klimaschutz unternimmt. Wir haben bei der Deka rund 2.000 solcher Termine jährlich.

Geht Klimaschutz nicht ein Stück weit zu Lasten der Gewinnperspektiven?

Umgekehrt wird ein Schuh daraus: Eine Aktiengesellschaft, die heute den Klimaschutz nicht in ihrer strategischen Steuerung verankert, wird morgen Probleme mit den gesetzlichen Vorschriften, der Profitabilität und somit auch dem Aktienkurs bekommen. Stellen sie sich etwa vor, der Verbrauch jedes Barrel Öls würde in Zukunft mit einer Umweltabgabe belegt. Darunter würden Aktien von Unternehmen leiden, die sich nicht um saubere Energien gekümmert haben. Andere, die regenerative Energien anbieten, würden profitieren. Ökologische, soziale und unternehmerische Nachhaltigkeit in der Wirtschaft gewinnen immer weiter an Bedeutung. Nachhaltigkeit wird von den Menschen eingefordert. Sie halten den Klimaschutz für eines der wichtigsten politischen Ziele.

Sehen die Unternehmen das auch alles so?

Grundsätzlich hat es in den letzten Jahren bereits wichtige Fortschritte bei den unterschiedlichen Dimensionen der Nachhaltigkeit gegeben. Das sind oft kleine Schritte, aber wenn viele davon zusammenkommen, ergibt das eine große Veränderung.

Haben Sie konkrete Beispiele?

Nehmen sie Volkswagen. Der größte Automobilhersteller der Welt könnte bei seinen Motoren weiter auf Verbrenner setzen, hat aber quasi von jetzt auf gleich 30 Milliarden Euro an Investitionen in die Elektromobilität gelenkt und ist damit zum Vorreiter der Branche geworden. Thema Gehälter: Bei SAP hagelte es auf der Hauptversammlung 2017 Kritik am schwer durchschaubaren Vergütungssystem mit hohen Boni für den Vorstand. Der Aufsichtsratsvorsitzende Hasso Plattner nahm sich die Vorwürfe zu Herzen, traf sich mit Investoren und überarbeitete die Regelungen. Und wo wir bei SAP sind: Der frühere Co-Chef des Softwarespezialisten, Jim Hageman Snabe, hat im vergangenen Jahr den Aufsichtsratsvorsitz bei Siemens übernommen. Das war eine Personalie mit Weitsicht, weil sich Siemens zum digitalen Unternehmen wandeln will. Neben der Unternehmensführung ist Siemens auch in der Nachhaltigkeits-Säule Soziales oft vorbildlich unterwegs …

… aber auch im Öl- und Gasgeschäft tätig.

Richtig, das betrifft die Umwelt, also die dritte Säule der Nachhaltigkeit. Siemens arbeitet bei Öl und Gas zwar mit hocheffizienten Systemen, dennoch bleiben es fossile Rohstoffe. Wenn sie Konzerne von der Größe einer Siemens analysieren, werden sie in den vielen verschiedenen Geschäftsbereichen immer auf Licht und Schatten stoßen. Als Investor einfach auszusteigen, wäre da aber der falsche Weg. Wir wollen für unsere Anleger konsequent darauf hinwirken, dass es immer mehr Licht und immer weniger Schatten gibt. Und dabei zählt jeder einzelne Euro, der in Deka-Aktienfonds steckt.

Stand: 26.06.2019