Interview „Weniger diskutieren, mehr handeln”

Der Klimawandel hat in der Coronakrise bestenfalls eine Atempause gemacht. Die Probleme sind so groß wie zuvor. Sonja Peterson ist Wissenschaftskoordinatorin am Institut für Weltwirtschaft in Kiel. Die Professorin bewertet den European Green Deal der EU, spricht über ihre Beratungsarbeit für Politik und Unternehmen – und über die Macht von Verbrauchern und Investoren beim Klimawandel.


TEXT: Peter Weißenberg

Frau Peterson, die Coronakrise hat zum stärksten Rückgang der CO2-Emissionen seit dem Zweiten Weltkrieg geführt. Hält diese Atempause für den Klimawandel länger an? Können wir uns in der Umweltpolitik gelassener verhalten?
Sonja Peterson: Zweimal die Antwort: nein. Das Sinken der CO2-Emissionen ist ein einmaliger Kurzzeiteffekt, der vor allem auf die Zeiten des Lockdowns in Wirtschaft und Gesellschaft zurückzuführen ist. Diese Entwicklung ist nicht nachhaltig. Daten aus Konsumverhalten und Konjunktur zeigen, dass die Emissionen wieder steigen.

Welche zum Beispiel?
Nehmen Sie etwa die Preise im Emissionshandel …

Sonja Peterson, Wissenschaftskoordinatorin am Institut für Weltwirtschaft in Kiel und Professorin an der Universität Kiel

… also dem Handel mit Verschmutzungsrechten, die Unternehmen nach Bedarf kaufen oder verkaufen können.
Genau. Diese Preise sind bereits wieder auf dem gleichen Niveau wie vor der Coronakrise. Ein starker Beleg dafür, dass der Emissionsausstoß mit unverminderter Geschwindigkeit vorangeht. Übrigens war es in der Weltfinanzkrise 2008 genauso: Damals sanken kurzfristig die CO2-Emissionen – und dann ging es wieder deutlich nach oben. Die Politik muss also steuernd eingreifen.

In der Coronakrise haben viele Menschen Geschmack am neuen E-Bike gefunden, an Homeoffice statt Pendelei und Videokonferenzen statt klimaschädlichen Businessflügen. Bleiben uns diese Verhaltensänderungen nicht erhalten?
Das mag sein. Aber nehmen Sie die BSE-Krise vor 20 Jahren: Da gab es erst auch eine deutliche Abkehr vom Rindfleisch. Nur hielt der Trend nicht an. Dazu kommt: Corona hat auch dazu geführt, dass viele Menschen lieber wieder allein im Auto sitzen statt in Bus oder Bahn. Und die Paketflut schwillt aufgrund des verstärkten Onlinehandels an. Da können wir noch nicht Bilanz ziehen.

Wer nicht abwartet, ist die EU-Kommission: Mit noch ehrgeizigeren Zielen im European Green Deal soll die Klimaneutralität näher rücken. Ist das der klimapolitische Befreiungsschlag?
Wenn es tatsächlich gelingt, bis 2050 die Emissionen um 100 Prozent zu reduzieren, dann ist das ein starker Schritt. Was jetzt wünschenswert ist: weniger über Jahreszahlen und Details zu diskutieren, und mehr handeln.

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Einige Unternehmen aus den Bereichen Wärmeerzeugung und Automobilindustrie halten die Ziele für zu hoch. Dabei geht ein Fünftel des in Deutschland ausgestoßenen CO2 auf das Konto des Verkehrs – und anders als in anderen Bereichen sind die Emissionen dort seit 1990 nicht gesunken. Ist mehr Zwang zum Handeln nötig?
Der Mobilitätssektor war bislang nur sehr zögerlich bei der wirklichen Reduktion der Emissionen. Natürlich gab es effizientere Antriebe, aber die Fahrzeuge wurden zugleich größer und PS-stärker. Ein klassischer Rebound-Effekt.

An dem Effekt ist die Kundschaft nicht unschuldig.
Stimmt schon. Aber solche Effekte liegen eben auch am Rahmen, den der Gesetzgeber vorgibt. Das verändert das Verhalten aller Marktteilnehmer. Wir sind dafür, dass auch der Transportsektor künftig am Emissionshandel teilnimmt.

Also indem er CO2-Verschmutzungsrechte kaufen muss, wenn er emissionsstarke Autos verkaufen will?
Das hat lenkende Effekte auf das Angebot. Wir stehen zudem vor der Herausforderung, über das Auto hinauszudenken. Wir brauchen eine komplett andere Stadt- und Landesplanung.

Mit Vorrang für umweltfreundliche Mobilität oder Wohn- und Arbeitsmöglichkeiten ohne weite Wege?
Zum Beispiel. Es geht nicht nur darum, Kraftstoff teurer zu machen.

Können Forschung und Entwicklung in den Unternehmen mit dem politischen Zwang zum Klimawandel mithalten?
Ich bin zuversichtlich, dass die Ingenieurskunst zu Lösungen beitragen kann. In vielen Konzernen wird an E-Mobilität oder an alternativen Kraftstoffen gearbeitet.

Kritiker des European Green Deal fürchten, dass am Ende die Erkenntnis steht, „Klima gerettet, Wirtschaft tot“. Ab welchem Punkt können die Firmen einen zu ambitionierten Klimaschutz nicht mehr wirtschaftlich bewältigen?
Strukturwandel ist schon extrem herausfordernd. Aber das ist er auch in anderen industriellen Revolutionen gewesen. Und klar: Weniger Autonachfrage kann erst einmal bedeuten, dass die Unternehmen weniger Fahrzeuge produzieren. Aber bis 2050 ist ja noch Zeit, sich umzustellen.

„Der Trend, CO2-Emissions­rechte mit einem Preis zu versehen, nimmt an Fahrt auf.“ Sonja Peterson, Professorin am Institut für Weltwirtschaft in Kiel

Oder ganz neu zu erfinden.
Und genau das werden gute Unternehmen auch weiterhin schaffen. Denken Sie nur an Philips – die kamen von der klassischen Glühbirne; und die ist längst verboten.

Heute ist Philips vorn bei Gesundheitsprodukten und Haushaltsgeräten. Vielleicht war es gut, dass die EU klimaschädliche Glühbirnen verboten hat?
Wenn der politische Rahmen für das gewünschte Ziel klar ist, umso besser. Darum drängen ja viele Unternehmensleitungen auf klare Regeln für den Klimawandel. Ich selbst bin etwa im Nachhaltigkeitsbeirat von Porsche. Das Unternehmen nimmt deutlich wahr, wie die Welt im Klimawandel sich verändert – und reagiert.

Etwa mit dem vollelektrischen Taycan?
Auch. Aber grundsätzlich aus dem Bewusstsein, dass Stillstehen auch im Klimawandel Rückschritt bedeutet. Veränderung und Erneuerung sind doch das Wesen der Wirtschaft. Viele Unternehmen denken seit Jahren um – und sehen auch die Chancen in weltweit führenden Produkten aus klimaneutraler Produktion.

Auch die Politik muss handeln, fordern viele. Die EU ist im Klimaschutz nur einer von vielen Akteuren. Müsste nicht mit Kanada, Japan oder China eine gemeinsame Linie gefunden werden?
Ja. Klimawandel und Klimapolitik kennen keine Grenzen. Aber gerade in diesen Zeiten ist hinreichend bekannt, wie schwierig multilaterale Abstimmungen sind. Da gibt es Anlass zu Pessimismus – aber eben auch Raum für Optimismus. So nimmt der Trend, CO2-Emissionsrechte mit einem Preis zu versehen, an Fahrt auf. Das zeigen Zahlen der Weltbank. 15 Prozent der globalen Emissionen haben bereits einen Preis. Und China fängt gerade erst richtig damit an. Mit dem im Aufbau befindlichen nationalen chinesischen Emissionshandelssystem wird ein Fünftel des globalen CO2-Ausstoßes für die Unternehmen ein Kostenfaktor sein.

China hat kurz nach der Ankündigung der EU verkündet, bis 2060 klimaneutral sein zu wollen. Ist das realistisch?
Mein Eindruck ist, dass die Chinesen diesen Plan ernsthaft angehen. Bis 2030 soll dort der höchste Ausstoß an CO2 erreicht sein – und danach soll es rapide abwärtsgehen. Zweiter großer Punkt: Auch in den USA gibt es keinen Stillstand. Da haben sich die Initiativen nur auf die bundesstaatliche Ebene verlagert. Staaten wie Kalifornien oder New York haben klare Umweltziele. Der Weg zu klimaschonendem Wirtschaften ist ein globaler Trend.

Und zu dem Trend gehört es auch, nicht mehr zu finanzieren, was keinen Platz beim Klimaschutz hat?
Das ist etwa daran zu sehen, dass die Investitionen in die Kohle­industrie deutlich zurückgehen – trotz mancher Wahlkampf­rhetorik in einigen Ländern.

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ZUR PERSON

Sonja Peterson: Die heute 47-jährige Sonja Peterson studierte Wirtschaftsmathematik an der Universität Hamburg und Volkswirtschaftslehre an der Universität Boulder in den USA. Seit 2002 ist sie am Institut für Weltwirtschaft und inzwischen mehr als 15 Jahre in Forschung und Beratung auf die europäische und internationale Klimapolitik fokussiert. Die Professorin der Universität Kiel arbeitet besonders an Modellen der Klimaökonomie und damit zusammenhängenden gesamtwirtschaftlichen Analysen.

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Welche Macht im Klimaschutz haben die Verbraucherinnen und Verbraucher?
Es gibt natürlich überzeugte und höchst konsequente Klimaschützerinnen und Klimaschützer, die ganz aus eigenem Antrieb handeln. Aber grundsätzlich braucht es für alle Menschen politische Rahmenbedingungen zur Verhaltensänderung. Nehmen Sie nur das Beispiel Fahrradfahren: Das wird gerade in den Städten beliebter. Also werden mehr Fahrradwege gebaut – manchmal sogar Fahrradschnellwege. Autos werden durch Beschränkungen und hohe Parkgebühren zugleich aus den Citys verdrängt. Und das führt zu noch höherer Nachfrage nach Fahrrädern. So kann das in vielen Bereichen funktionieren.

Etwa auch beim Investment?
Sicher. Auch da werden kluge Investorinnen und Investoren nicht langfristig Geld in etwas anlegen, dessen Zukunft im Klimawandel ungewiss ist.

Wie etwa in Kohlekraftwerke. In der Folge lohnen sich dann solche Aktivitäten wirtschaftlich nicht mehr.
Ja, so ist es.

Ihr Institut ist eine der wichtigsten Stimmen der Wissenschaft bei Klimawandel und den ökonomischen Folgen. Fühlen Sie sich und Ihre Beschäftigten genug gehört?
Wir haben schon eine besondere Rolle als außeruniversitäres Institut, gerade beim Wissenstransfer und der Beratung von Politik und Gesellschaft. Es ist unsere ureigenste Aufgabe, dafür zu arbeiten. Gerade in der Coronakrise gibt es da einen engen Austausch. Das ist wichtig für uns, denn die Realität ist häufig komplexer als die Wissenschaft. Wir müssen auch die Politik und ihre Zwänge besser verstehen und unsere Erkenntnisse und Annahmen transparent machen, Möglichkeiten und Konsequenzen aufzeigen.

Was halten Sie als Verbraucherin für Ihre wichtigste Maßnahme zum Klimaschutz?
Ich bin passionierte Fahrradfahrerin. Auch mein sonstiges Mobilitätsverhalten sieht beim Faktor Klimaeffekt ganz gut aus. Bei Heizen und Wohnen gibt es Optimierungsmöglichkeiten, in der Ernährung stehe ich auch ganz gut da. Es wäre aber vermessen, von allen ständig den Klimaschutzgedanken im Hinterkopf zu verlangen. Deshalb brauchen wir politische Rahmenbedingungen.

Stand: 23.10.2020

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