Deutsche Konjunktur Zeit für Erholung

Ein großer Teil des Corona-bedingten Einbruchs konnte Deutschland in nur zwei Monaten aufholen – das zeigen die neuen Konjunkturindikatoren. Dennoch gilt: Die Erholung ist kein Sprint, sondern ein Langstreckenlauf.


TEXT: Olivier Löffler

Gegenüber dem Vormonat hat das produzierende Gewerbe im Juni um rund 9 Prozent zugelegt und so mehr als 50 Prozent des Corona-bedingten Einbruchs aufgeholt. „Eine gute Nachricht, doch es lohne sich ein Blick auf die Details“, so Deka-Volkswirt Dr. Andreas Scheuerle. Denn besonders kräftig – um über 11 Prozent – stieg die Industrieproduktion. Hier spiele vor allem die Automobilindustrie die Musik. „Während des Lockdowns war die Produktion fast zum Erliegen gekommen; jetzt nachdem die Bänder teils wieder laufen, werden hier nun die höchsten Zuwächse erzielt“, so Scheuerle. Ohne die Automobilindustrie wäre die gesamte deutsche Industrieproduktion im Vormonatsvergleich lediglich um knappe 4 Prozent statt um über 11 Prozent gestiegen.

Geradezu explodiert sind die Auftragseingänge, die um knapp 28 Prozent zulegten und damit „die Erwartungen um mehr als das doppelte übertrafen.“ Besonders im Inland zog die Nachfrage deutlich an – auch hier stark getrieben von Automobilbestellungen. Da auch aus dem Ausland wieder deutlich mehr Orders kamen, konnten alles in allem rund 70 Prozent des Einbruchs wieder ausgeglichen werden.

Im Jahresvergleich zeigen sich die dramatischen Corona-Folgen

Ein gemischtes Bild zeigt sich bei den Warenausfuhren, die im Juni mit einem historischen Vormonatsplus um knapp 15 Prozent stiegen. „Die Corona-Folgen werden aber auf dramatische Weise sichtbar, wenn man auf die Vorjahresveränderungen schaut“, so Scheuerle. „Während die gesamte Ausfuhr um fast 10 Prozent unter dem Vorjahresniveau liegt, stieg die Ausfuhr nach China, wo die Lockdowns schon seit längerem gelockert wurden, um knapp 14 Prozent. In Ländern, in denen der Virus weiter wütet, sieht es ganz anders aus. Die Ausfuhr in die USA sank im Vorjahresvergleich um rund 21 Prozent, die in das Vereinigte Königreich um fast 16 Prozent. Fast 50 Prozent des Corona-bedingten Einbruchs müssen noch aufgeholt werden.

Prächtig steht dagegen der Einzelhandel da. Trotz eines leichten Rückgangs im Juni von 1,6 Prozent konnte der Rückgang der Monate März und April nicht nur ausgeglichen, sondern um 16 Prozent übertroffen werden. „Die rasche Erholung der Branche ist dabei kein isoliert deutsches Phänomen, sie zeigt sich auch in der Eurozone und in den USA. Hierbei dürfte es sich nicht allein, aber in wesentlichem Umfang um Nachholeffekte gehandelt haben: Nachdem der Damm des Lockdowns gebrochen war, schwappte die aufgestaute Nachfrage wie eine Welle durch den Einzelhandel“, so der Deka-Experte.

Mit Blick auf den privaten Konsum müsse man aber nicht nur die konsumierten Waren im Blick haben, sondern auch auf die konsumierten Dienstleistungen schauen. Diese dürften sich um ein vielfaches schwächer entwickelt haben, denn hier gäbe es wohl kaum Nachholeffekte. „Was nicht konsumiert werden konnte, versickerte einfach vor dem Damm des Lockdowns“, erklärt Scheuerle.

Auch wenn, wie die aktuellen Juni-Konjunkturindikatoren zeigen, innerhalb von nur zwei Monaten ein großer Teil des Corona-bedingten Einbruchs aufgeholt werden konnte, sei die Erholung doch kein Sprint, sondern ein Langstreckenlauf: „Die ersten Meter fallen noch leicht, aber mit der Zeit werden die Beine schwerer.“

Stand: 07.08.2020