Hackathon Beim Marathon der IT-Cracks

30 Stunden Akkordarbeit am Laptop – 150 bis 200 meist junge Programmierer treten jedes Jahr bei der Symbioticon gegeneinander an. So heißt ein Programmierwettbewerb der Sparkassen-Finanzgruppe. Die IT-Cracks sollen das digitale Banking der Zukunft entwickeln. Einige der besten Ideen wurden bereits Realität.


TEXT: Gunnar Erth

Sarah Matthies ist geschafft. Müde. Und stolz. Die Studentin, die für eine Strategieberatung aus Münster jobbt, hat gerade mit fünf Kollegen 30 Stunden am Stück auf dem Frankfurter Messegelände die App Weltenbummler programmiert. Die soll jungen Leuten dabei helfen, Auslandsreisen zu planen und ihre Finanzen von unterwegs aus zu managen. So können Nutzer japanische Kassenbons übersetzen, Währungen umrechnen – oder bei Bedarf auf Knopfdruck einen Sparkassenkredit beantragen.

Was Sarah zu diesem Zeitpunkt noch nicht weiß: Nur wenige Stunden später wird sie mit ihrem Team zUP auf der Bühne stehen und den Hauptpreis von 100.000 Euro entgegennehmen. Mehrtägige Hackathons wie die Symbioticon liegen im Trend – Google richtet sie ebenso aus wie Bosch oder Dr. Oetker. Das Wort ist eine Kurzform für „Hacker-Marathon“, wobei der Name in die Irre führt. Hier sind keine Computerterroristen am Werk, sondern zumeist junge Programmierer, die klar umrissene Aufgaben lösen.

Tunnelblick: Konzentriert bei der Sache

In kürzester Zeit entwickeln sie Konzepte für funktionsfähige Lösungen. Programmiert wird dabei meist Tag und Nacht. Die IT-Spezialisten gehen an ihre Grenzen – und beweisen, wie kreativ und effektiv man unter Zeitdruck sein kann. Die Aussicht aufs Preisgeld ist dabei nicht die einzige Motivation. Viele Teilnehmer reizt die Herausforderung, der Kampf gegen die Uhr, die Arbeit im Team, der Austausch mit anderen und neue Kontakte in der Branche – gerade auch mit potenziellen Auftraggebern.

Jenseits des Tellerrands

Auf der Symbioticon 2018 kämpften 180 Programmierer – meist in Fünferteams – gegeneinander. „Wir hatten mehr Anmeldungen als Plätze“, sagt Jens Rieken, Leiter des Sparkassen Innovation Hubs (S-Hub) und Chefausrichter der Symbioticon. Am S-Hub, dem Innovationszentrum der Sparkassen-Finanzgruppe in Hamburg, entstehen Lösungen für die Zukunft. Einige dieser Ideen stammen von der Symbioticon. Etwa die Knax-Taschengeld-App für Kinder, die bei der Hackathon-Premiere 2016 entwickelt wurde und heute auf Tausenden von Smartphones installiert ist.

Vom Hackathon ins Netz

2018 lautete das Symbioticon-Motto „#nonormal“. Für sechs Zielgruppen wurden Banking-Ideen entwickelt – von der Generation Z über Best Ager ab 50 bis zum Kleinunternehmer. Bei der Ideenfindung halfen Zielgruppenexperten, darunter je ein Mitarbeiter der Deka und ihrer Tochter bevestor, die Privatanlegern eine transparente Möglichkeit der digitalen Vermögensanlage und -verwaltung bietet. „Es gab viele spannende Lösungen, die über den Tellerrand des traditionellen Bankings hinaus- gehen“, sagt Christian Haß von bevestor.

Gearbeitet wurde in echter Start-up-Atmosphäre: Designertische aus Spanplatten, Liegestühle zum Verschnaufen, eine rund um die Uhr geöffnete Kaffeebar, technische Infrastruktur von Konzernen wie Microsoft und Amazon – und alles eingehüllt in einen weißen Vorhang. Die meisten Teams hatten fürs Ambiente aber kein Auge, sie saßen an ihren Laptops und waren mental im Tunnel.

Für Team zUP gab es bei seiner Arbeit an der Weltenbummler-App keine Minute Schlaf: „Wir wollten die Nacht durcharbeiten und haben gar nicht erst ein Hotel gebucht“, so Sarah Matthies. Cola, Flummis zum Spielen und Erfolge bei den Etappenzielen halfen den fünf durch die Nacht. Auch danach gab es erst einmal keinen Schlaf, denn jede Idee der 35 Teams wurde auf der Bühne präsentiert. Dabei gab es sogar gleich zwei Noten: Vor Ort beurteilte eine siebenköpfige Jury die Ideen. Mit dabei: Dr. Olaf Heinrich, Leiter Digitales Multikanalmanagement bei der Deka. Online voteten zudem Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von rund 60 Sparkassen und Verbundpartnern, die die Präsentationen im Livestream verfolgten, für ihre Favoriten.

Hinter der Weltenbummler-App landete die Lösung des Teams Konfuzio.com, die kleine und mittelständische Firmen bei der Buchhaltung von Auslagen der Mitarbeiter unterstützt. Per Handy können Belege auf Geschäfts reisen eingelesen werden, die Beträge werden den Kollegen so schneller überwiesen. Platz drei ging an Team Green Banana. In dessen App können Partygäste Songs gegen einen geringen Geldbetrag an die Spitze einer eingespeisten Playlist schieben, um diese Hits häufiger zu hören. Der Ertrag geht an die Gastgeber, die damit zum Beispiel imagewirksam Geld für wohltätige Zwecke sammeln können – gemäß dem Sparkassen-Motto „Gutes tun in der Region“.

Alle drei Gewinnerteams erhielten 100.000 Euro – die Hälfte davon in Sachleistungen. Mit dieser Summe sollen die Sieger ihre Idee beim Sparkassen-Innovationszentrum S-Hub in Hamburg weiterentwickeln.

Der lange Weg zur Marktreife

Bis Mitte März waren zUP und Konfuzio.com schon in der Hansestadt vorstellig geworden. Green Banana soll auch bald zur sogenannten Product Discovery kommen. „Dabei wird eine Woche lang sehr intensiv an den Lösungen gearbeitet und so die Idee geschärft“, erklärt S-Hub-Chef Rieken. Die Teams diskutieren in dieser Zeit intensiv mit interdisziplinären Experten; und auch potenzielle Kunden geben ihr Feedback ab. Dabei verändern sich die Ursprungsideen mitunter noch deutlich. „Die Weltenbummler-App soll jetzt vielfältiger werden und die Themen Reisen und Banking noch besser verzahnen“, berichtet Jens Rieken.

Im Fall von Konfuzio.com stellte sich heraus, dass der Bedarf an der Lösung nicht so hoch ist wie gedacht, sodass sie mit dem Liquiditätsmanagement für Gewerbekunden einen neuen Fokus erhält. „Die Grundidee ist aber immer noch erkennbar“, so Rieken. Jetzt sollen Kooperationspartner aus der Sparkassen-Finanzgruppe helfen, die Ideen bis zum Prototypen weiterzuentwickeln.

Wenn alles gut läuft, kommen die Lösungen auf den Markt. So wie die Knax-App. Oder demnächst der Sieger 2017 des Teams Authada: eine Lösung, mit der der elektronische Identitätsnachweis im Personalausweis per Datenaustausch zur sekundenschnellen Kontoeröffnung genutzt werden kann „Das ist jetzt in der Umsetzung und kommt noch 2019“, sagt Rieken.

Dann ist die Arbeit für den S-Hub schon beendet und die Augen richten sich auf die nächste Symbioticon im kommenden Herbst. Wo wieder bis zu 200 Programmierer am Banking der Zukunft arbeiten – schlaflose Nächte inklusive.

Stand: 11.04.2019