Interview „Nicht nur schauen, wer mehr zahlt“

Deka-Fondsmanagerin Ilga Haubelt zeigt, wie Anleger in einem anspruchsvollen Börsenumfeld mit Dividendenstrategien erfolgreich sein können.


TEXT: Peter Weißenberg

Frau Haubelt, die Berichtssaison ist in vollem Gang; was erwarten Sie gerade in Bezug auf die Dividenden?
Ein gemischtes Bild.

Klingt kompliziert.
Ist es auch. Denn einerseits verzeichnen viele Unternehmen Rekordgewinne und die Konsumenten sind noch in Kauflaune. Andererseits schwächt sich die Weltkonjunktur seit einiger Zeit ab und politische Unsicherheiten belasten die Firmen.

… Brexit und Handelskonflikte?
Ja. In den vielen Gesprächen, die wir mit Vorstandschefs führen, bekommen wir oft die Botschaft: Wir fahren auf Sicht – und das geht auch nicht anders.

Warum?
Weil die Konstellationen komplex und unübersichtlich sein können. Nehmen wir zum Beispiel mal BASF. Wenn ein BASF-Kunde in China für Walmart in den USA produziert, dann könnte er unter einer Verschärfung des Handelstreits zwischen den USA und China leiden – und damit wäre im Endeffekt auch der Absatz des chemischen Produkt von BASF betroffen. Umgekehrt gilt: Ist der Kunde des Kunden ein chinesischer Autohersteller, dann könnte dieser von einem Programm an Steuererleichterungen profitieren, wie es dort gerade im Gespräch ist.

Und würde dann auch der BASF-Absatz profitieren?
Genau.

Gut, wenn man den direkten Draht zum Firmenchef hat … was denken Sie denn generell für die Berichtssaison: Wird es noch einmal Rekord-Ausschüttungen geben?
Es sieht da ganz gut aus.

Weil die Unternehmen 2018 noch so gut verdient haben?
Defensive Unternehmen, und das sind Dividendentitel in der Regel, schlagen sich nach wie vor weltweit ganz gut. Nehmen Sie etwa Procter & Gamble: Die erwarten auch 2019 vier Prozent organisches Wachstum, weil die Konsumenten ungebrochen stark deren Produkte kaufen.

Dividenden-Expertin Ilga Haubelt

Shampoos, Cremes und so etwas.
Ja. Natürlich sind aber die generellen globalen Aussichten für 2019 das spannendste Thema. Wir schauen da weltweit genau hin. Und erwarten selbst in den USA ein Dividendenwachstum von vier Prozent – obwohl die Firmen dort wieder ein Verschuldungsniveau wie vor der Finanzkrise haben.

Und Europa?
Dort wird generell mehr ausgeschüttet als in den USA. Deshalb gewichten wir auch europäische Werte stärker im Portfolio. Europa ist aber zugleich auch ein zyklischerer Markt. Da müssen Sie also von Sektor zu Sektor genau hinschauen – und natürlich immer auch von Unternehmen zu Unternehmen.

Wie steht es denn um die dritte Großregion, um Asien?
Auch da zeigt die Tendenz in diesem Jahr weiter steigende Dividenden. Japan sticht dabei besonders positiv hervor.

Wodurch?
Es gibt zwei Gründe, warum die Unternehmen dort mehr Dividenden zahlen werden: Zum einen gibt es hohe Kassenbestände – einen Mount Fuji an Liquidität sozusagen. Von daher können die Firmen mehr ausschütten, was sie früher eher ungern taten. Außerdem müssen die Asset-Manager, die für die staatlichen Investmentfonds Geld anlegen, in den Hauptversammlungen jetzt offen abstimmen. Gerade auch wenn es um die Höhe der Dividende geht, wirkt das stimulierend.

Klingt ja alles gar nicht so schlecht. Aber wie finde ich den richtigen Mix an Dividendentiteln? Einfach die zehn kaufen, die 2018 am höchsten gezahlt haben?
Bloß nicht. Denn gerade als Langfristanleger sollten Sie nicht nur auf die reine Dividendenhöhe schauen.

Warum nicht?
Weil Sie ja letztlich die Aktie des Unternehmens kaufen. Und wer viel ausschüttet, kann vielleicht nicht genug investieren. Oder der Kurs bröckelt schon länger. Oder die Perspektiven der Firma, ihrer Produkte oder der ganzen Branche sind nicht gut. Darum schauen wir unter den 150 bis 200 dividendenstarken Firmen weltweit nicht nur danach, wer am meisten zahlt.

Sondern?
Wer langfristig nachhaltig Dividende zahlt, diese auch steigert und sich auf eine solche Ausschüttungspolitik verpflichtet. Unsere Zahlen zeigen: Das sind dann auch die Unternehmen, deren Kurs sich meist überdurchschnittlich entwickelt.

Wenn es Ihnen bei den Dividenden so auf die Langfristperspektive ankommt, auf was genau schauen Sie?
Natürlich auf die Historie. In den USA etwa gibt es ja Unternehmen, die schon seit 100 Jahren kontinuierlich und ohne Unterbrechung ausschütten.

In Europa sind etwa eine Novartis oder Allianz auch schon seit Jahrzehnten zuverlässige Dividendenzahler.
Ja. Wir reden aber mit den Managern auch offen darüber, wie viel Geld sie für Investitionen brauchen. Wir wollen ja als aktive Anleger eine gesunde Ausschüttungsquote, die es Unternehmen erlaubt, dauerhaft erfolgreich zu sein. Und eine Autoindustrie braucht aufgrund Dieselkrise, Konjunkturschwäche oder Elektromobilität derzeit wohl mehr Geld als andere zum Investieren.

Mehr als …?
… ein Wasserversorger etwa. Wir schauen aber immer auch auf die Margen, die Qualität des Managements oder die Kundenstruktur.

Es gab ja lange einen regelrechten Hype um Dividenden. Das seien die neuen Zinsen.
Da gibt es schon Unterschiede. Zum einen kann die Dividende ja auch mal sinken oder ausfallen, zum anderen nützt Ihnen die beste Dividende nichts, wenn der Kurs abstürzt. Deswegen ist unsere Auswahl ja gerade so wichtig.

Sind dividendenorientierte Anlagen denn auch weiterhin als Schwerpunkt eines Langfristinvestments sinnvoll, wenn die Börsenzeiten rauer werden?
Gerade dann ist das eine sinnvolle Basis. Zwar können wie bei allen Aktien Kursverluste auftreten. Aber nachhaltig dividendenstarke Firmen sind meist Qualitätsunternehmen, die ein anderes Risikoprofil als etwa Tech-Newcomer ohne Dividende haben. Diese Titel sind normalerweise defensiver, schwanken weniger und sorgen so für eine ruhigere Portfolioentwicklung.

Stichwort ruhige Entwicklung: In den Aktienfonds Deka-DividendenStrategie und Deka Dividendenstrategie-Europa sind auch Titel aus Großbritannien enthalten. Hat der Brexit eine Auswirkung auf die Positionierung der Fonds?
Eine merkliche Rotation hat es schon im vergangenen Jahr gegeben. Unternehmen, die vor allem für den heimischen britischen Markt produzieren, wurden abgestraft und im Portfolio stark abgebaut, Globalplayer aus Großbritannien haben wir dagegen im Portfolio behalten – weil diese profitieren. Das zügige Reagieren auf sich veränderte Rahmenbedingen ist für uns eine Selbstverständlichkeit, denn wo sich etwas verändert, eröffnen sich auch Chancen – und die wollen wir für unseren Anleger verantwortungsvoll wahrnehmen.

Stand: 21.02.2019