Anlagestrategie Einen Staatsfonds müsste man haben

Ihre Einnahmen aus dem Ölgeschäft legen die Norweger seit Jahren klug in Wertpapiere und Immobilien an. Das macht sich in der Coronakrise bezahlt.


14 Ziffern, von denen die letzten in Windeseile hoch oder runter zählen: Die Uhr auf der Internetseite des norwegischen Staatsfonds erinnert an die Schuldenuhr, mit der der Bund der Steuerzahler auf die aktuelle Höhe der deutschen Staatsverschuldung aufmerksam macht.

Auf den zweiten Blick jedoch zeigen sich Unterschiede. Der wichtigste: Die Uhr von „The Fund“, wie die Norweger ihren Staatsfonds kurz und bündig nennen, zählt nicht Soll, sondern Haben: Sie zeigt den Anstieg des Staatsvermögens an.

Auf der Website des norwegischen Staatsfonds ist der aktuelle Wert des Portfolios zu sehen

Und das kann sich sehen lassen. Von null auf mehr als 1 Billion Euro ist das Fondsvermögen in 24 Jahren angewachsen – im Schnitt hat Norwegen über den Staatsfonds für jeden der 5,3 Millionen Norweger somit nahezu 200.000 Euro am Kapitalmarkt angelegt.

Nur der Scheich ist richtig reich – diese Redewendung haben die Norweger widerlegt. Der Government Pension Fund, wie der norwegische Staatsfonds seit 2006 offiziell heißt, ist längst der größte Investor der Welt. Noch vor den Staatsfonds aus China, Abu Dhabi oder Kuwait.

Die größten Staatsfonds der Welt

Mit dem Öl kam die Wende

Dabei war die Heimat der Wikinger über Jahrhunderte ein sehr armes Land, das seine Bürger kaum ernähren konnte – nur ein winzig kleiner Teil der Fläche ist landwirtschaftlich nutzbar. Noch zu Beginn der 20. Jahrhunderts wanderten Millionen von Norwegern aus, vor allem in die USA.

Die Wende hin zu einem der reichsten Staaten der Welt kam mit dem Öl. 1969 wurde die erste Quelle entdeckt, zwei Jahre später begann die Förderung. Da sich die Regierung alle Rechte gesichert hatte, sprudelten die Quellen viel Geld ins Land.

Um sich für Krisenzeiten zu wappnen beschloss das Parlament dann 1990, die Einnahmen aus dem Öl in einen Fonds zu überführen. Der erste Scheck vom norwegischen Finanzministerium kam 1996: Der Government Petroleum Fund – so hieß der Fonds zunächst – war geboren.

„Die Verantwortlichen haben damals zwei sehr gute Entscheidungen getroffen“, sagt Dr. Holger Bahr, Leiter Volkswirtschaft der DekaBank. Die erste, das Eigentum an den Rohstoff-Reserven zu vergesellschaften. Die zweite, mit Weitblick zu agieren. „Von dem Ölgeld wurden keine goldenen Wasserhähne gekauft, es wurde nicht einfach verfrühstückt, sondern es wird so investiert, dass der Wohlstand Norwegens auch in Zukunft gesichert ist.“

Mit den Einnahmen aus dem Öl schafft sich die Regierung über den Fonds einen Puffer für vorübergehende Krisenzeiten, wie sie gerade mit der Coronapandemie die ganze Welt erschüttern. Norwegen wappnet sich aber auch langfristig für den demografischen Wandel und natürlich für die Zeit, in der das Öl vielleicht nicht mehr sprudelt.

Lahmt die Wirtschaft, kann der Finanzminister über erwirtschaftete Gewinne des Fonds verfügen. So griff die Regierung 2016 und 2018 zu, als die Ölpreise in den Keller rauschten, und auch im Sommer 2019, als die Konjunktur schwächelte. Die letzte Entnahme von 400 Millionen US-Dollar war allerdings eine Kleinigkeit im Vergleich zur Summe, die Norwegen nun im Kampf gegen die Coronakrise mobilisiert.

Fast 35 Milliarden Euro sollen dem Fonds entnommen werden, weil dem Land zeitgleich die Öleinnahmen wegbrechen und die Staatsausgaben wie nahezu überall in der Welt in die Höhe schnellen. Erstmals wird die norwegische Regierung damit deutlich mehr Geld aus dem Fonds abziehen als dieser durch Dividenden- und Zinszahlungen erwirtschaftet. Dafür muss Norwegen aber nicht wie andere Länder gigantische neue Staatsschulden aufnehmen.

Nachhaltige Rendite

Gesteuert wird der Ölfonds von der Notenbank. Über die Anlagekriterien entscheidet aber das norwegische Finanzministerium. Safety first war dabei zu Beginn die Devise. Das Fondsvermögen sollte wie die Reserven der Norwegischen Staatsbank ausschließlich in ausländische Staatsanleihen fließen.

Nur ein Jahr nach Gründung folgte aber doch der Schwenk zu mehr Renditeorientierung: Aktien wurden ins Anlageuniversum aufgenommen – zunächst bis maximal 40 Prozent. Später wurde ihr Anteil auf bis zu 70 Prozent angehoben. Hinzu kamen Nebenwerte, Beteiligungen in Schwellenländern, Unternehmensanleihen und Immobilien. Heute hat der Fonds mehr als 9.000 Unternehmen aus 73 Ländern im Depot. „Das ist eine riesige Vermögensverwaltung auf Einzeltitelbasis“, so Holger Bahr.

Die Vorgaben für Investments werden dabei laufend angepasst. Bereits 2015, also lange bevor die Klimakrise zum Topthema wurde, beschloss der Großinvestor, Geld aus Unternehmen abzuziehen, die zu mehr als 30 Prozent auf fossile Brennstoffe setzen. Im Juni 2019 entschied schließlich das Parlament in Oslo, dass der Fonds umgerechnet 11 Milliarden Euro aus mehr als 150 Öl- und Kohleunternehmen abziehen muss. Stattdessen sollen bis zu 18 Milliarden Euro in erneuerbare Energie und Infrastruktur fließen.

Das sei vor allem „eine wirtschaftliche Entscheidung“, erläuterte Henrik Asheim, Vorsitzender des Wirtschafts- und Finanzausschusses im Parlament in Oslo, im Interview mit dem Spiegel. „Wenn wir das Geld wieder im Ölsektor anlegen, sind wir noch abhängiger von den Rohstoffmärkten.“ Öl und Gas, so seine Überzeugung, hätten zwar noch lange nicht ausgedient. Mit Investments in grüne Technologien aber wollen die Norweger gleich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Dem Klimawandel begegnen und gutes Geld verdienen.

Hoher Aktienanteil im Portfolio

Weltweite Sogwirkung

Wenn der Ölfonds als global kapitalstärkster Investor seine Anlagestrategie anpasst, ist die Sogwirkung immens. Das gilt nicht nur für die Ankündigung, vermehrt nachhaltig zu investieren. Auch die jüngsten Planungen, Geld aus Europa abzuziehen und verstärkt in US-Technologiewerte zu investieren, lassen Investoren aufhorchen. Ob die Empfehlung umgesetzt wird, entscheidet das Parlament zwar erst im kommenden Frühjahr. Doch schon jetzt könnte die Regierungsvorlage manch einen Investmentprofi dazu motivieren, die eigene Allokation zu überdenken.

Wegen seiner Größe und Anlageerfolge ruft der Fonds viele Nachahmer auf den Plan. Seit 1998 hat das Management schließlich rund 6 Prozent Rendite pro Jahr erzielt – trotz mehrerer schwacher Jahrgänge wie zuletzt 2018 mit einem Minus von mehr als 5 Prozent. Ein genauer Nachbau des norwegischen Portfolios ist mangels Masse für Privatanleger zwar kaum möglich, aber langfristiger Vermögensaufbau, breite Streuung und unaufgeregtes Management – diese Strategie könnte auch Aktienmuffeln in Deutschland zu besseren Finanzergebnissen verhelfen. „Trotz des beträchtlichen Aktienanteils im Ölfonds käme übrigens niemand auf die Idee zu sagen, dass der norwegische Staat wild spekuliert und den Wohlstand der Bevölkerung riskiert“, erklärt Deka-Volkswirt Bahr. Daraus lernt man: Mit der richtigen Asset Allocation können Privatanleger selbst im Zinstief langfristig Rendite erzielen.

Erfolgreiche Bilanz

Ein Modell für Deutschland?

Geld ist nicht alles – aber es ermöglicht vieles. So hat Norwegen aus den Einnahmen aus dem Öl komplett sämtliche Staatsschulden beglichen und ist heute als einziges Land in Europa schuldenfrei. Das schafft finanziellen Spielraum. Mindestrente, staatlich finanziertes Gesundheitssystem, kostenlose Pflegedienste sowie Kinderbetreuung und Unterstützung für Familien: Die Zufriedenheit der Norweger ist hoch. Die Einkommen sind im Schnitt deutlich gestiegen, die Arbeitszeit haben viele zugunsten von Work-Life-Balance reduziert.

Hohe Löhne, kurze Arbeitszeit und vor allem eine sichere und attraktive Rente: Das dürfte sich die Mehrheit der Deutschen ebenfalls wünschen. Ließe sich das Modell des Norwegischen Staatsfonds zur Wohlstandssicherung auf Deutschland übertragen?

„Da gibt es einen kleinen, aber entscheidenden Unterschied“, sagt Deka-Volkswirt Holger Bahr. „Denn während die Norweger das Kapital aus dem Ölgeschäft generieren, gibt es in Deutschland keinen Cash for free: Die Deutschen müssten ihr eigenes Geld in einen Staatsfonds investieren.“ Und da könnte die Begeisterung schnell dahin schmelzen. Zum anderen sei fraglich, ob ein Staatsdiener die Finanzen am Ende wirklich so gut manage wie private Assetmanager, zum Beispiel Fondsgesellschaften. „Ohne staatlichen Rahmen können Anleger jedenfalls selbst entscheiden, wem sie ihr Geld anvertrauen.“

Stand: 10.06.2020