Rohstoffe Geht uns jetzt das Öl aus?

Im September kam es zu Drohnenangriffen auf die größte Ölraffinerie in Saudi-Arabien. Deka-Chefvolkswirt Ulrich Kater sagt, ob wir uns auf einen Kampf ums Öl einstellen müssen.


TEXT: DekaBank

Unmittelbar nach der Attacke auf die Raffinerie in Saudi-Arabien schoss der Ölpreis 12 Prozent in die Höhe. Gleichzeitig verbieten Sanktionen, auch nur ein Fass Öl aus dem Iran zu importieren. Geht uns jetzt das Öl aus?

Ulrich Kater: Richtig ist: Direkt nach den Angriffen fiel fast die Hälfte der täglichen Ölfördermenge Saudi-Arabiens aus. Das entspricht immerhin rund 5 Prozent des weltweiten Ölangebots. Allerdings trifft dieser Drohnenangriff den globalen Ölmarkt zu einer Zeit, in der dieser eher zum Überangebot neigt. Es gibt Rohöl im Überfluss und die kommerziellen Lagerbestände sind recht hoch. Trotz der saudischen Produktionsausfälle ist daher kein Land gezwungen, seine strategischen Ölreserven anzuzapfen. Ein Versorgungsengpass ist nicht absehbar. Allerdings führt der Angriff den Märkten das geopolitische Risiko im für die Ölproduktion so wichtigen Nahen Osten vor Augen. Daher könnte der Ölpreis für längere Zeit durch eine spürbare Risikoprämie erhöht bleiben.

Deka-Chefvolkswirt Ulrich Kater

Die USA haben es dank der Fracking-Technologie zu einem der größten Ölproduzenten der Welt gebracht. Mit rund 12,5 Millionen Barrel Fördermenge Öl pro Tag haben sie sogar Saudi-Arabien überholt. Kommt dem Land der ausgelöste Preisauftrieb zupass?

Da die USA ihr Öl trotz der rasant steigenden eigenen Förderung nur zu einem sehr geringen Anteil exportieren und weitgehend selbst verbrauchen, dürften starke Ölpreisanstiege nicht im vornehmlichen Interesse des Landes liegen – erst recht nicht, wenn das Präsidentschaftswahljahr 2020 näher rückt. Die US-Bürger sind sehr sensibel, was steigende Öl- oder Benzinpreise angeht. Die US-Fracking-Firmen brauchen inzwischen auch nur noch einen Ölpreis im Bereich von 50 bis 55 US-Dollar je Barrell, um wirtschaftlich Öl fördern zu können. Dieses kritische Niveau wurde auch schon vor dem Drohnenanschlag erreicht.

Trotz Klimakrise steigt der weltweite Ölverbrauch weiter, seit 1968 erhöhte er sich um 160 Prozent. Bis 2050 wird der Bedarf laut einer Prognose der US-Energiebehörde EIA nochmal um weitere 22 Prozent zulegen. Hängt die Weltwirtschaft für immer am Öltropf?

Der Primärenergieverbrauch steigt weiterhin an und weltweit entfällt noch immer rund ein Drittel davon auf den fossilen Brennstoff Erdöl. Wie sich diese Abhängigkeit in Zukunft entwickelt, wird in erster Linie davon abhängen, wie schnell, in welchem Umfang und zu welchen Kosten nachhaltige Alternativen gefunden, gefördert und verwendet werden. Die Vergangenheit hat uns zwei Dinge gezeigt: Zum einen, dass die Rohölvorräte der Erde noch längst nicht erschöpft sind, und zum anderen, dass im Lauf der Zeit viel weniger Rohöl benötigt wird, um mehr zusätzlichen Wohlstand für die Weltbevölkerung zu schaffen. Mit dieser abnehmenden so genannten Energieintensität wird die Abhängigkeit vom Rohöl zwar geringer – das ist aber ein langsamer Prozess.

Stand: 01.10.2019