Warentest Qualitätsoffensive in China

Billig aber giftig – diese Zeiten sollen bald vorbei sein. oKoer liefert kritische und unabhängige produkttests. Schon mehr als 45 Millionen Chinesen informieren sich regelmäßig im Internet auf der Verbraucherplattform OKOer. Mit im Boot: die deutsche „Öko-Test“.


TEXT: Iris Quirin

Kritische und unabhängige Produkttests in China? Aber ja! Vor allem die wachsende chinesische Mittelschicht will sich gesünder ernähren und nachhaltige Produkte kaufen. Sie hat die Nase voll von Lebensmittelskandalen, Giftstoffen in Spielzeugen oder bedenkenloser Umweltverschmutzung. Der Pekinger Professor Zhou Qiren, ehemaliger Direktor des National Development Research Institute, spricht sogar von einer „Qualitätsrevolution“, zu der die Testplattform OKOer perfekt passe.

Im Jahr 2008 ereignete sich ein Skandal, der das Fass zum Überlaufen brachte: Das mit der verbotenen Chemikalie Melamin verseuchte Milchpulver chinesischer Hersteller verursachte schwere Nierenerkrankungen. Hunderttausende Babys hatten darunter zu leiden, sechs kleine Kinder starben an Nierenversagen. Das Vertrauen der chinesischen Verbraucher in heimische Produkte war zerstört.

Dieser Skandal brachte „Öko-Test“Chefredakteur Jürgen Stellpflug auf die Idee, eine Verbraucherplattform in China zu starten – mit in Deutschland geprüften Produkten. Er nahm Kontakt zu dem chinesischen Investigativjournalisten Changping Luo auf, der durch seine Enthüllung eines Korruptionsfalls bekannt geworden war. Verbraucherschützer Stellpflug konnte Changping Luo von den Vorteilen und Chancen der Plattform – mit Aufklärung gegen Mängel bei Lebensmitteln vorzugehen – überzeugen und ihn als Chefredakteur gewinnen. Doch der Weg der Umsetzung war lang: Von den ersten Planungen bis zum Erscheinen der Website mit dem Namen OKOer, dem Äquivalent zum deutschen „Öko-Test“, vergingen fünf Jahre. „Daran lässt sich ermessen, mit welchen bürokratischen Problemen und Hindernissen wir zu kämpfen hatten“, erklärt Stellpflug. Eines dieser Hindernisse besteht nach wir vor darin, dass im Internet nur rein chinesische Unternehmen publizieren dürfen. OKOer ist entsprechend konstruiert.

Zunächst wurden internationale Produkte getestet, und zwar ausschließlich in Deutschland. Der erste von OKOer veröffentlichte Test beschäftigte sich mit Milchpulver. Die Tester hatten Produkte internationaler Hersteller in China gekauft. Alle Anbieter erhielten schlechte Bewertungen, weil sie in ihren Produkten für den chinesischen Markt gefährliche Inhaltsstoffe verwendeten. Seit vergangenem Jahr werden nun auch chinesische Marken getestet. „Tested in Germany wird vor allem von chinesischen Müttern als eine Art Qualitätsgarantie dafür gesehen, dass OKOer zum Beispiel bei der Bewertung von Babyprodukten unabhängig vorgeht“, erklärt Wu Zheng, Geschäftsführer von OKOer. Bislang sind die deutschen Tester keinen Einschränkungen vonseiten der chinesischen Regierung ausgesetzt. Allerdings müssen sie sich die Veröffentlichung von Tests zu Grundnahrungsmitteln genehmigen zu lassen.

Derzeit veröffentlicht OKOer drei Testergebnisse pro Woche – mit wachsendem Erfolg. Bis Ende letzten Jahres zählte die Plattform rund 45 Millionen Nutzer.

So wird bewertet

In diesem Jahr werden es deutlich mehr, denn die rasant fortschreitende Digitalisierung in China beschleunigt auch die Verbreitung der Online-Testergebnisse. So setzt OKOer seit diesem Frühjahr komplett auf das mobile Internet mit dem Messaging-Dienst Wechat, dem MicroBlogging-Dienst Sina Weibo sowie auf die eigene neue OKOer-App. „Allein auf Wechat und Weibo erreichen wir täglich zwei Millionen Nutzer“, freut sich Wu Zheng. Auch die chinesische Behörde für Lebensmittelaufsicht und Medikamente veröffentlicht bereits vollständige Tests von OKOer auf ihren offiziellen Seiten.

„Es wäre vermessen anzunehmen, dass es nach zwei Jahren OKOer keine oder weniger Lebensmittelskandale gäbe“, erklärt Stellpflug. „Aber wir werden nicht nur von den Verbrauchern ernst genommen.“ Seitens der Regierung gibt es zwar keine offiziellen Reaktionen, wenn die getesteten chinesischen Produkte Qualitätsmängel aufweisen. „Die zuständigen Behörden nehmen aber mit den betreffenden Unternehmen Kontakt auf und fordern Verbesserungen ein“, erklärt Stellpflug. „Das wissen wir, weil immer mehr Unternehmen mit der Bitte auf uns zukommen, ihnen bei der Verbesserung ihrer Produkte zu helfen.“ Namen nennt er mit Hinweis auf das Geschäftsgeheimnis jedoch nicht.

Dennoch spricht vieles dafür, dass sich in China in Sachen Qualität wirklich etwas bewegt. Die Verbraucherplattform OKOer ist nur ein Beispiel. „In chinesischen Städten wird der Verkehr künftig nahezu ohne Verbrennungsmotoren auskommen“, ist OKOer- Geschäftsführer Wu Zheng überzeugt. Und schon heute ist China weltweit die Nummer eins in der Solarindustrie. „Die Chinesen haben ein ausgesprochen hohes Bedürfnis nach einer gesunden Lebensweise. Industrie und Produzenten werden auch gerade durch die Politik angehalten, diese Erwartungen durch hohe Produktqualität zu erfüllen“, so Wu Zheng. Unabhängige Qualitätstests wie auf OKOer sind hier erste Leitplanken auf diesem Weg.