Tresore Schwund hinter Schloss und Riegel

In Zeiten von Null- oder Negativzinsen horten immer mehr Menschen große Mengen an Bargeld zu Hause. Das wissen auch Einbrecher. Tresore sollen das Vermögen vor Diebstahl schützen. Worauf es beim Safe-Kauf ankommt und warum das Geld auch hinter Schloss und Riegel nicht wirklich sicher ist.


TEXT: Iris Quirin

Die Furcht vor organisierten Diebesbanden ist in den letzten Jahren rasant gestiegen. Kaum ein Tag, an dem die Medien nicht über Einbruchsserien berichten. Um dem Treiben Einhalt zu gebieten, haben viele Bundesländer Spezialeinheiten gegründet, investieren in präventive Maßnahmen und setzen Computerprogramme ein, die Prognosen über Tatort-Schwerpunkte erstellen. In Hamburg verzeichnet die Soko „Castel“ so bereits beachtliche Erfolge. Laut Landeskriminalamt wurde 2015 in der Hansestadt 9006-mal in Wohnungen eingebrochen, 2016 waren es nur noch 7510-mal. Tatsächlich ist letztes Jahr deutschlandweit die Zahl der Einbrüche erstmals seit zehn Jahren gesunken – um rund zehn Prozent. Dennoch werden die Deutschen deutlich öfter ausgeraubt als noch vor zehn Jahren. 2007 waren es deutschlandweit gut 109.000 Einbrüche, 2016 rund 151.000.

146 Milliarden Euro

Viele Menschen empfinden daher eine große Unsicherheit und fürchten den Verlust ihres häuslichen Vermögens. Das Paradoxe: Gleichzeitig horten sie wegen der Null- und Negativzinsen hohe Mengen an Bargeld zu Hause. Rein statistisch hat nach Bundesbankangaben jeder der über 81 Millionen Bundesbürger 1.800 Euro in seiner Wohnung gebunkert. Macht in der Summe rund 146 Milliarden Euro, die es vor Diebstahl abzusichern gilt.

„Früher erkundigte sich die Kundschaft, wie lange ein Tresor einem Brand standhält. Heute interessiert sie sich dafür, wie viel Bargeld darin versichert ist“Dietmar Schake, Vertriebsleiter der Firma Burg-Wächter

Kein Wunder also, dass das Geschäft mit der Sicherheit in den eigenen vier Wänden boomt. „2016 ist die Nachfrage nach Tresoren bei uns um über 20 Prozent gestiegen. Auch der Bedarf an Sicherheitsprodukten zur Einbruchsprävention nimmt zu“, erklärt Dietmar Schake, Vertriebsleiter von Burg-Wächter im nord­rhein-westfäli­schen Wetter. Die Firma zählt zu den führenden Tresorherstellern in Deutschland. „Früher erkundigte sich die Kundschaft vornehmlich danach, wie lange ein Tresor einem Brand standhält“, sagt Schake. „Heute interessiert sie sich dafür, wie viel Bargeld darin versichert ist.“ Noch immer sollen Safes Wertgegenstände und Bargeld aber nicht nur vor Diebstahl, sondern auch vor Feuer schützen. Statistisch gesehen kommt die Feuerwehr hierzulande zwar in acht bis zwölf Minuten, doch sicher ist sicher.

Hier kommen der Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) und die Institution VdS ins Spiel, die Technik zum Schutz vor Bränden und Einbruchdiebstahl bewertet. Schake: „Verlässliche Tresore sind VdS-zertifiziert und haben mindestens die Sicherheitsstufe S2 nach Europanorm 14450 und die VDMA-Stufe B. Einem Wohnungsbrand halten sie mindestens eine halbe Stunde stand. Dann reicht die empfohlene Versicherungssumme meist bis zu 20.000 Euro.“ Je höher der Wert der gelagerten Gegenstände, desto höher sollte der Widerstandsgrad sein. Die höchste Sicherheitsstufe ist 5, sie wird bei Banken eingesetzt.

Versicherungen verlangen, dass Tresore bis zu 1.000 Kilo Masse fest verankert werden – am Boden oder in der Wand. „Markentresore haben eine massive Verankerungsmöglichkeit, die den Abtransport verhindert. Diese sollte der Besitzer unbedingt nutzen“, rät Schake. Für einen ordentlichen Tresor muss man dabei mindestens 500 Euro investieren.

Burg-Wächter stellt auch einen deutlichen Trend zu elektronischen Schlössern fest, die per Zahlencode geöffnet werden. „Auch die Nachfrage nach Schlössern mit Fingerscan nimmt zu“, so Schake. Den Grund für diesen Trend erklärt Sicherheitsexperte Ulli Schieferdecker von der Gesellschaft für Tresor- und Sicherheitstechnik in Panketal bei Berlin: „Einbrecher, die ein Schlüsselschloss vorfinden, durchwühlen die ganze Wohnung nach dem Tresorschlüssel. Bei Tresoren mit anderen Schlosssystemen sind die Vandalismusschäden in der Wohnung erfahrungsgemäß geringer.“

Jeder Tresor ist zu öffnen

Doch letztlich ist es gleich, ob man sich für ein Zahlen- oder Schlüsselschloss entscheidet: „Ich arbeite nun seit 27 Jahren in dieser Branche und habe noch nie erlebt, dass ein Tresor zugeblieben ist“, erklärt Schieferdecker. Mit entsprechendem Wissen, Werkzeug und der notwendigen Zeit sei jeder Tresor zu öffnen. Hinzu kommen die Kosten. „Auch wenn Negativzinsen ärgerlich sind, so sind sie meiner Meinung nach doch recht marginal im Vergleich zu dem finanziellen und technischen Aufwand, den man betreiben muss, um sein Geld zu Hause zu lagern. Ab einer bestimmten Größenordnung wird auch die Hausratversicherung eine erhöhte Prämie für das gelagerte Bargeld verlangen“, gibt der Sicherheitsexperte zu bedenken.

Dazu kommt noch eine andere Gefahr für das hinter Schloss und Riegel oder in einem Bankschließfach gelagerte Geld: die Inflation. Bei der derzeitigen Rate von 2 Prozent zehrt sie das Barvermögen im Geldschrank langsam, aber sicher auf. So braucht es noch nicht einmal dreiste Diebesbanden, um das Vermögen im Safe schwinden zu lassen.