Internationaler Hochhauspreis Turm der Hoffnung

Der Torre Reforma in Mexiko-Stadt wird mit dem Internationalen Hochhauspreis 2018 ausgezeichnet. fondsmagazin zeigt, was das Gebäude so besonders macht.


TEXT: Christine Mattauch

El Ángel hat überlebt, der goldene Engel hoch oben auf der Säule, 1910 als Denkmal für die Unabhängigkeit Mexikos errichtet. Die Säule ist ein ­beliebter Treffpunkt in Mexiko-Stadt. Verschwunden jedoch sind die historischen Villen und Palais, die dem Prachtboulevard Paseo de la Reforma einst Flair und Großzügigkeit verliehen. Abgerissen, weggehauen – die Hauptverkehrsader säumen heute funktionale Neubauten. Ansprüche an Qualität und Kultur hat die 20-Millionen-Einwohner- Metropole allzu oft ihrem stürmischen Wachstum geopfert.

Benjamín Romano zeigt, dass es auch anders geht. Seit 2016 steht sein Torre Reforma für die Hoffnung auf ­einen Neubeginn am Paseo. Er ist einerseits ein Büroturm der Superlative – mit 57 Etagen und 246 Metern das höchste Gebäude der Stadt, hochmodern und effizient organisiert. Andererseits ist hier alles anders. Der mexikanische Architekt respektiert das Erbe seines Landes. Er bezieht sich auf die Architektur der Azteken, bewahrte eine Villa aus den 20er-Jahren vor dem Abriss, achtete auf Erdbebensicherheit und Nachhaltigkeit: Der Energiebedarf des Torre Reforma ist rund 25 Prozent niedriger als bei einem konventionellen Gebäude.

Architekt Benjamín Romano

Für den Entwurf wurde Romano jetzt mit dem Internationalen Hochhaus Preis ausgezeichnet. Als „kühn und einfallsreich“ bezeichnete ihn der Juryvorsitzende Kai-Uwe Bergmann, Partner beim dänischen Stararchitekten Bjarke Ingels: „Mexiko kann auf das Gebäude sehr stolz sein. Das Land ist auf dem besten Weg, sich zu einer Destination für Architekturliebhaber zu entwickeln.“

Architekt Benjamín Romano fand lokale Bauherren, die bereit waren, das ambitionierte Konzept zu unterstützen. Auch in Mexiko steigt das Bewusstsein dafür, dass höhere Qualität Hand in Hand geht mit langfristiger Rentabilität. „Ich glaube, dass ein guter Entwurf ein gutes Geschäft ist“, sagt Romano. Der Planer verweigert sich schnelllebiger, minderwertiger Architektur, wie sie für viele Schwellenländer typisch ist.

Ein aufgeschlagenes Buch

Romano wählte für seinen Torre eine Beton-Stahl-Konstruktion, die sich zum nahe­ gelegenen Park Chapultepec öffnet wie ein aufgeschlagenes Buch. Das massive Material und die hervorstehenden Fassadenteile schützen vor der grellen Sonne des mexikanischen Hochlands. Im Inneren gruppieren sich Bürocluster um mehrstöckige Atrien mit Gärten. Eine natürliche Lüftung reduziert den Bedarf an Klimaanlagen, in der Morgendämmerung öffnen sich die Fenster und lassen kühle Luft herein. Die Anlage zur Aufbereitung von Regen- und Brauchwasser ist so konstruiert, dass die Wassertanks dank Schwerkraft funktionieren und keine Pumpen brauchen. Für sein Nachhaltigkeitskonzept bekam der Torre Reforma das Umweltzertifikat LEED in Platin.

Die Fundamente des Torre Reforma sind 60 Meter tief im Felsen verankert und nicht, wie die meisten Gebäude, in dem darüberliegenden Sumpfgebiet. Das erhöht die Erdbebensicherheit, ebenso wie die von kleinen Öffnungen durchbrochenen Betonwände, die bei Erschütterung nicht einstürzen, sondern mitschwingen sollen. Das Prinzip hat sich Romano von den Tempeln der Azteken abgeschaut.

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Ästhetik und Technik

Der Internationale Hochhaus Preis wird seit 2004 alle zwei Jahre von der Stadt Frankfurt ausgelobt. Initiiert und kuratiert wird er vom Deutschen Architekturmuseum und der DekaBank. Die Jury achtet auf Ästhetik, städtebau­liche Einbindung sowie innovative Technik, Wirtschaftlichkeit und Nachhaltigkeit.

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Der Torre Reforma überragt ein 660 Quadratmeter großes historisches Kalksteinhaus, das Romano aufwendig sanierte. Es ist eine der wenigen alten Villen, die noch erhalten geblieben sind. Während der Bauarbeiten musste sie vorübergehend verschoben werden und „es war schwierig, die Behörden davon zu überzeugen, dass wir sie wirklich nur versetzen und nicht zerstören wollen“, erinnert sich der Architekt. Die historische Villa beherbergt heute Lokale und Läden.

Architekt Benjamín Romano glaubt fest an die Kraft von Proportionen und bescheinigt sich, keinen Trends zu folgen. Mit seinem Torre Reforma hat er selbst einen gesetzt. Der Umbau des Paseo de la Reforma wird weitergehen, das ist keine Frage in einer Megastadt, die dynamisch wächst. Von nun an aber wird der Torre Reforma ein weithin sichtbarer Beweis dafür sein, dass das auch innovativ und nachhaltig geht.

Stand: 01.11.2018