8.1.2021 | Ein „Weihnachtsgeschenk“, das es in sich hat

Der Durchbruch bei den Verhandlungen gelang am 24. Dezember. So konnte das Vereinigte Königreich den Binnenmarkt und die Zollunion der Europäischen Union am 1. Januar doch mit einem – wenn auch vorläufig angewandten – Handelsabkommen verlassen. Gerade für das Vereinigte Königreich steht aber noch immer viel auf dem Spiel.


TEXT: Olivier Löffler

„Der Deal war eine gute Nachricht für die Finanzmärkte – allerdings eine nicht unerwartete und daher bereits zu guten Teilen eingepreiste“, so Deka-Chefvolkswirt Ulrich Kater. Nun erfordere die Post-Brexit-Ära viele zeit- und kostenintensive wirtschaftliche Anpassungen: „Das neue Handelsabkommen stellt beide Handelspartner zwar besser dar, als es in einem WTO-Szenario – also einem Brexit ohne Abkommen – der Fall gewesen wäre. Aber es ist eine deutliche Verschlechterung gegenüber der Vor-Brexit-Zeit.“

Die Post-Brexit-Ära wird dabei vor allem im Vereinigten Königreich viele wirtschaftliche Anpassungen nach sich ziehen – eine besonders hohe Belastung für die britische Wirtschaft, die bereits stark unter dem langen harten Corona-Lockdown leidet. Und das ist noch längst nicht die einzige Herausforderung, die Boris Johnson bevorsteht.

Fällt das Königreich auseinander?

Denn auch das Risiko eines Zerfalls des Vereinigten Königreichs steigt. Der Brexit und der Kurs von Boris Johnson verstärken die Unabhängigkeitsbemühungen der Schotten und Nordiren. Schon beim EU-Referendum 2016 stimmten Schottland und Nordirland mit 62 beziehungsweise 56 Prozent klar für den Verbleib in der EU. Vor allem im EU-freundlichen Schottland setzt sich die schottische Regierung jetzt immer vehementer für ein Post-Brexit-Referendum über den Austritt aus dem Vereinigten Königreich ein.

Damit bekämen die Schotten eine Chance, in die EU zurückzukehren. Doch einem rechtswirksamen Referendum müsste zuerst die britische Regierung zustimmen – das lehnt Boris Johnson aber bisher strikt ab. „Besonders interessant wird daher der Ausgang der schottischen Parlamentswahl im Mai 2021: Je stärker die Scottish National Party unter der Führung der Regierungschefin Nicola Sturgeon hier abschneiden wird, desto stärker wird der Druck auf Johnson, einem Post-Brexit-Unabhängigkeitsreferendum der Schotten zuzustimmen“, erklärt Deka-UK-Expertin Martina Lütje. Die Umfrage von ScotCen Social Research zum schottischen Referendum zeige seit Mitte 2020 einen klaren Vorsprung von mehr als 10 Prozentpunkten der Befürworter des „Scottish Exit“.

In Nordirland, das sich durch Johnsons Brexit benachteiligt fühlt, da Johnson es in einen Sonderstatus zwischen der EU und dem UK versetzt hat, steht die Parlamentswahl im Mai 2022 an. Je nach Wahlergebnis der beiden führenden Parteien – der protestantischen, UK-freundlichen DUP auf der einen und der katholischen, irlandfreundlichen Sinn Féin auf der andere Seite – werden die Unabhängigkeitsbestrebungen Nordirlands mehr oder weniger stark zum Thema.

Weitere Handelsabkommen müssen her

Aber auch der globale Handel steckt noch in den Kinderschuhen. Das Vereinigte Königreich muss nun weltweit im Alleingang seine Wirtschaftsbeziehungen neu verhandeln. Immerhin sind hier Handelsabkommen mit der EU und Japan schon unter Dach und Fach. „Das nächste große Ziel von Johnson ist sicherlich ein Handelsabkommen mit den USA, dem zweitgrößten Handelspartner der Briten. Die Chancen dafür stehen dank des EU-Deals deutlich besser, als es ohne ihn der Fall wäre. Und Japan soll dem Vereinigten Königreich auch den Zugang zum transpazifischen Handelsverbund erleichtern, um mit Ländern wie Australien, Kanada oder Vietnam bevorzugt zu handeln“, so Lütje. Spannend bleibt auch, ob sich der Finanzplatz London als bisher unangefochtene Nr. 1 der europäischen Finanzwelt nach dem Brexit behauptet oder ob das Kerngeschäft Londons in die EU verlagert wird.

Auf Identitätssuche

An den Finanzmärkten hat der Brexit-Deal jedenfalls bislang keine sichtbaren Reaktionen ausgelöst. „Insbesondere zeigt sich das am Brexit-Risikobarometer EUR-GBP-Wechselkurs, das sich im Niveau nicht verändert hat, aber auch bei den Renditen der britischen Staatsanleihen, die beim Übergang in eine neue wirtschaftliche Ära nicht einmal gezuckt haben. Der Brexit-Deal war hier offensichtlich eingepreist. Zudem wird die Finanzmarktentwicklung derzeit von der Bekämpfung der Corona-Krise – also von Fiskalpaketen , Niedrigzinsen und Wertpapierkäufe der Notenbanken – dominiert. Dies überschattet die Brexit-Belastungen – aber sicherlich nicht für immer“, so Lütje.

Es liegt nun am Vereinigten Königreich, sein neues Profil zu schärfen und damit neue Impulse für die Konjunktur und Finanzmärkte zu setzen. Angesichts der politischen Risiken und bevorstehenden wirtschaftlichen Herausforderungen könnten die Märkte perspektivisch höhere Risikoprämien für UK-Assets veranschlagen.

Stand: 8.1.2021