Steht der Dax im Jahr 2048 bei 87.375 Punkten? Von Hunden, Torten und Höhenluft

Am 1. Juli 1988 ging der Dax an den Start. Er ist der wichtigste Gradmesser für Zustand und Kraft der deutschen Wirtschaft. Sein Verlauf zeigt, wie erfolgreich die hiesige Großindustrie arbeitet. Aber unter dem Brennglas der Aufmerksamkeit kann es auch mal heiß werden. Erfahren Sie mehr darüber in diesem Dax-Porträt aus Episoden.


TEXT: Peter Weißenberg

Am Anfang war der Hund
Manfred Zaß, einer der Gründungsväter der Deka in ihrer heutigen Form, hat sich das Kürzel für den Deutschen Aktienindex ausgedacht. Beim Spaziergang mit seinem Hund kam er kurz vor der Premiere des Deutschen Aktienindex auf den Namen Dax.
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Auf der Suche nach dem Maßstab
Der Deutsche Aktienindex ist ein Spätzünder. Sein berühmtestes Vorbild, den Dow Jones, gibt es bereits seit 1884. Auch andere Leitindizes starteten bedeutend früher. Das liegt schlicht daran, dass sich die Experten lange nicht auf einen Index einigen konnten, an dem sich alle orientieren. Offiziell eingeführt wird der Dax zwar erst im Sommer 1988 – seinen Maßstab hat er aber schon ein halbes Jahr vorher gefunden. Die Ausgangsnorm der 30 deutschen Konzerne mit der größten Marktkapitalisierung beträgt rechnerische 1000 Punkte. Dieser Startwert des Dax wurde für den 31. Dezember 1987 festgelegt.
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American way of trade
Mit dem Dax ist auch der Wertpapierhandel enorm in Schwung gekommen. Denn bis dahin geht es auf dem Parkett aus heutiger Sicht geradezu archaisch zu: Die Händler brüllen in Telefone mit fünf Meter langen Leitungen oder in den Saal ihre Orders, halb in hölzernen Kabinen stehend. Dann kommt der Herbst 1988 - und mit ihm sieben elektronische Anzeigetafeln. Sekundengenau sind nun wichtige Kurse zu sehen, allen voran der Wert des Dax. Er wird so konstruiert, dass er gut als Basis für die Terminmärkte, sprich Futures und Optionen taugt. Alles so, wie in Amerika schon lange üblich.
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Höhenluft schnuppern
Bei 1.000 Punkten ist der Dax gestartet – und im Januar 2018 auf seinen bisherigen Höchstkurs von 13.596 Punkten gestiegen. Die Moral von der Geschichte: Auch wenn’s mal abwärts geht, stimmten langfristig Richtung und Rendite. Für kühle Anleger mit Perspektive zumindest.
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Der All-inclusive-Index
Sind 12.000 oder 13.000 Zähler für den Dax nicht etwas viel? Der Dax kann etwas abgehoben wirken, weil bei ihm nicht nur Kursgewinne der enthaltenen Aktien, sondern auch gezahlte Dividenden einberechnet werden. Damit zählt der Dax anders als Dow Jones oder Euro Stoxx 50 zu den sogenannten Performance-Indizes.
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Torte rein, Torte raus, Torte rein
Den Frankfurter Händlern in der Deutschen Börse läuft schon das Wasser im Mund zusammen: Im März 1998 – nicht einmal zehn Jahre nach dem Start – hat sich der Wert des Dax nahezu verfünffacht. Zur erwarteten 5.000-Punkte-Feier haben die Börsen-Macher eine Riesen-Jubiläumstorte backen lassen. Doch just, als das Zuckerwerk in den Saal gerollt wird, sackt der Index deutlich unter die magische Marke. Gut, dass die enttäuschten Börsianer die Torte nicht im Frust entsorgen. Kurz darauf rappelt sich der Index nämlich wieder auf - und der Börsentag endet doch noch süß.
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Der große, dicke Dax
In Deutschland gibt es Hunderttausende Unternehmen. Ist der tägliche Tanz mit den Kursen des Deutschen Aktienindex da nicht etwas übertrieben? Ja und Nein. Denn einerseits liegen laut Deutscher Börse stattliche drei Viertel des gesamten Grundkapitals aller inländischen börsennotierten Aktiengesellschaften bei eben diesen 30 Schwergewichten. Andererseits gibt es auch Branchen, die gar nicht im Dax vertreten sind - aber trotzdem als Motoren der deutschen Wirtschaft fungieren.
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Sensibelchen Dax
Wenn die Weltwirtschaft hustet, kränkelt auch der Dax recht rasch. Kein Wunder: Verglichen mit anderen Indizes sind im deutschen Leitwolf zyklische, also konjunkturabhängige, Branchen wie Industriegüter stärker gewichtet. Darum ist der Index etwas schwankungsanfälliger. Das ist ein Vorteil, wenn die Konjunktur brummt: Dann nimmt auch der deutsche Index schneller Fahrt auf. Wen die Schwankungen nervös machen, der kann mit gut gemischten Fonds die Abhängigkeit von den Zyklikern mindern.
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Krisenzeiten aussitzen
In der Dax-Historie liefen Anleger des Öfteren Gefahr, Geld zu verlieren, wenn sie nach einem Kurssturz in Panik verkauften – zuletzt etwa während der Eurokrise 2011 und der Finanzkrise 2008. Wer aber einen kühlen Kopf bewahrte, der konnte diese Krisen aussitzen – selbst das Rekordminus des Dax von 44 Prozent im Jahr 2002. Die Verluste waren binnen vier Jahren wieder aufgeholt.
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Alter Adel
Die meisten Schwergewichte im Dax sind Start-ups – aus dem 19. Jahrhundert: Bayer, BASF oder Siemens zum Beispiel. Das Durchschnitts-Dax-Unternehmen ist 124 Jahre alt, Senior Merck sogar 350. Jüngere Mitglieder wie Infineon oder Covestro sind Ausgründungen des Industrie-Adels. Das spricht für Wandlungsfähigkeit und Innovationskraft der deutschen Industrie.
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International gefragt
Die Firmen im Dax arbeiten nicht nur erfolgreich auf den Weltmärkten – sie sind auch begehrt bei ausländischen Investoren. Heute gehören 19 der 30 Dax-Konzerne mehrheitlich Kapitalgebern außerhalb Deutschlands. Wer im Dax ist, genießt globale Aufmerksamkeit und Anerkennung.
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Welcome back, Conti
Die 30 deutschen Aktienkonzerne mit dem höchsten Wert an frei handelbaren Aktien und Handelsumsätzen an der Börse bilden den Dax; jeweils im September überprüft die Arbeitsgemeinschaft der Deutschen Börse das Ranking. Die Hälfte der Mitglieder ist seit Start dabei – und nur eines schaffte nach dem Ausscheiden gleich zweimal die Rückkehr: Continental (2003 und 2012).
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Dax 31
Haben Sie noch nie gehört? Ist aber schon mehrmals vorgekommen, wenn sich einer der Börsenriesen aufteilt. Der korrekten Rechnung halber kalkuliert die Deutsche Börse den abgespaltenen Groß-Geschäftsbereich für einen Tag in den DAX ein. 2005 ist das zum ersten Mal bei der Bayer-Tochter Lanxess passiert, später auch bei Eon-Sprössling Uniper oder der Siemens-Abspaltung Osram. Gleich nach Handelsschluss nehmen die DAX-Macher den neuen Titel aber wieder aus dem Index heraus und passen das Gewicht der Mutter-Aktie entsprechend an. Am nächsten Tag gilt dann wieder: Wo 30 drauf steht, sind auch 30 drin.
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Dynamo Dax
Aufspaltungen und Fusionen haben den Dax stärker verändert als echte Newcomer. Verschwunden sind im Laufe der Jahre Unternehmen wie Karstadt und Kaufhof, Mannesmann und Feldmühle Nobel. Einige alte Unternehmen entstanden neu, blieben aber dem Dax treu. Zum Beispiel Eon durch den Zusammenschluss von Veba und Viag. Die Dresdner Bank landete bei der Allianz, Covestro oder Infineon sind Abspaltungen. Echte Aufsteiger wie SAP oder Fresenius stehen aber für den wirtschaftlichen Wandel von der Schwerindustrie zur Hochtechnologie. Andere Dax-Titel haben diesen Wandel im eigenen Haus geschafft.
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Hohe Ausschüttungen
Für das Geschäftsjahr 2017 haben die Dax-Unternehmen zusammen 35,7 Milliarden Euro an Dividenden ausgeschüttet. Das waren 11,5 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Die aktuelle Dividendenrendite der Indexwerte beträgt im Mittel etwa 2,8 Prozent. Ein starkes Argument für alle Sparer, die bei Zinsen Nulldiät gewohnt sind.
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Dax 2048
In seinen ersten 30 Jahren hat sich der DAX rund verdreizehnfacht. Ginge das so weiter, müsste er rechnerisch in den nächsten 30 Jahren auf 169.000 Punkte klettern. In einer Umfrage der Welt am Sonntag zeigten sich jüngst führende Kapitalmarktexperten etwas zurückhaltender, aber dennoch optimistisch: Im Durchschnitt erwarten sie für 2048 einen Stand von 87.375 Punkten, ganze 572 Prozent höher als heute. Dem Anleger bleibt da nur die Empfehlung: Unterschätzen Sie die Zukunft nicht.


Stand: 27.06.2018