US-Tech-Giganten Bleiben die US-Technologiewerte auf Kurs?

Die US-Technologiebörse Nasdaq ist schon mehr als ein Jahrzehnt auf Höhenflug. Auch in der Coronakrise zog der Index steil nach oben. Zu steil? Zwischenzeitlich ging dem hoch bewerteten Sektor die Puste aus. Kommt bald womöglich die Trendwende? Ein Ausblick.


TEXT: Birgit Wetjen

Anleger trauten ihren Augen nicht: Die Wirtschaft ist in der Coronakrise fast in allen großen Wirtschaftsregionen in die Rezession gerauscht. Konzerne wie American Airlines oder Carnival Cruises verlieren hoch zweistellig Umsätze und häufen Riesenverluste an, die Arbeitslosigkeit in den USA liegt trotz einer Erholung noch immer mehr als zweimal so hoch wie die 3,5 Prozent im Februar. Doch all den Widrigkeiten zum Trotz bleiben die wichtigsten US-Aktienindizes unbeeindruckt oder steigen sogar in neue Rekordsphären

Sechs US-Technologieunternehmen – Apple, Facebook, Amazon, Netflix, Microsoft und die Google-Muttergesellschaft Alphabet – sind die Zugpferde und haben an der Technologiebörse Nasdaq 100 und auch am marktbreiten Standard & Poor’s 500 für Allzeithochs gesorgt. Ohne diese sechs Firmen hätte der S&P 500 im Minus gelegen. Die Kurse von Apple, Amazon, Microsoft und Co. kletterten in schwindelerregende Höhen. Die Apple-Aktie hat etwa seit ihrem Tief Ende März in der Spitze um fast 120 Prozent zugelegt, Anteilsscheine von Amazon schossen um 100, die von Microsoft um 70 Prozent nach oben.

Anfang September und auch Mitte Oktober ging den Tech-Werten zwischenzeitlich die Puste aus. Binnen weniger Handelstage verlor der Nasdaq etwa Anfang September mehr als zehn Prozent, gut 1,8 Billionen US-Dollar Marktkapitalisierung waren vernichtet. Selbst Börsenprimus Apple büßte innerhalb von drei Tagen rund 10 Prozent seines Börsenwerts ein. Prompt wurden Erinnerungen an den Internet-Hype zur Jahrtausendwende wach. Droht auch 2020, eine Blase zu platzen?

„Das Nutzerverhalten wird sich dauerhaft verändern.“Andreas Wagenhäuser, Fondsmanager des Deka-Digitale Kommunika

Für Andreas Wagenhäuser, Fondsmanager des Deka-Digitale Kommunikation, kamen die Korrekturen indes nicht überraschend. „Ein Durchatmen tut dem Sektor gut“, ist er überzeugt. Auch er hat den Kursanstieg einzelner Aktien mit Verwunderung und Kopfschütteln verfolgt, strukturelle Sorgen um die Branchenriesen aber macht er sich nicht.

Zwar sind die Bewertungen der Mega-Caps in die Höhe geschossen – Amazon wird gar zu einem dreistelligen Kurs-Gewinn-Verhältnis gehandelt. Doch anders als vor 20 Jahren haben die Technologiewerte eine starke Marktstellung und erwirtschaften satte Gewinne. „Die Geschäftsmodelle sind intakt und Unternehmen wie Amazon, Microsoft oder Apple werden auch in fünf Jahren eine herausragende Rolle einnehmen.“

Viele gut funktionierende Geschäftsmodelle hätten Rückenwind bekommen, meint Wagenhäuser. Homeoffice, Freizeit in den eigenen vier Wänden, Shopping vom Sofa aus: Die Arbeits- und Konsumbedingungen haben sich wie auch das Freizeitverhalten mit dem „Social Distancing“ radikal verändert. Davon profitieren Unternehmen wie Zoom oder Microsoft, die Onlinekonferenzen ermöglichen.

Insbesondere für Zoom entpuppte sich die Coronapandemie als „Glücksfall“: Die Menge der zahlenden Abonnenten stieg im zweiten Quartal um mehr als 100.000 auf über 370.000. Der Erlös kletterte auf 663,5 Millionen Dollar nach 146 Dollar Millionen im Vorjahreszeitraum – ein Plus von 355 Prozent. Noch augenfälliger ist die Entwicklung des Quartalsgewinns: Der wuchs auf 186 Millionen Dollar nach 5,5 Millionen Dollar im Vorjahresquartal. Zoom rechnet für das Gesamtjahr bereits mit Einnahmen von 2,37 bis 2,39 Milliarden Dollar. Inzwischen ist der Anbieter in den USA vielerorts zum Synonym für Videokonferenzen geworden. „Entwicklungen wurden auf der Zeitachse nach vorne geschoben“, sagt dazu Deka-Fondsmanager Wagenhäuser.

Drei Riesen schlagen den Dax

Konzerne wie Siemens oder Allianz wollen ihren Mitarbeitern auch in der Ära nach Corona das Homeoffice ermöglichen. Das ortsunabhängige Arbeiten wird schneller als erwartet zum festen Bestandteil der Arbeitswelt. Rückenwind zeigt sich auch im E-Commerce: Der Anteil am Gesamtumsatz des Einzelhandels kletterte schon vor der Pandemie kontinuierlich um einen Prozentpunkt pro Jahr. Im Coronajahr haben die Einkäufe per PC, Tablet und vor allem Smartphone mit einem Plus von drei Prozentpunkten richtig an Fahrt aufgenommen.

„Das Nutzerverhalten wird sich dauerhaft verändern“, so Wagenhäuser. „Wer in Zeiten der Coronakrise erstmals online Medikamente oder Lebensmittel geordert hat, wird das nicht nach Corona auf null zurückschrauben.“ Der Umsatz von Amazon kletterte im zweiten Quartal gegenüber dem Vorjahresquartal um 40 Prozent auf 88,9 Milliarden Dollar, im dritten sollen es bis zu 93 Milliarden werden – übrigens nicht nur durch vermehrtes Onlineshopping, sondern auch dank des starken Cloud-Geschäfts. Bei Papieren wie diesen und den hier genannten Fonds, die in sie investieren, müssen Anleger aber immer mit Kursschwankungen rechnen, die auch in den negativen Bereich gehen können.

Die Coronapandemie hat den Einzug der Technologie in nahezu alle Lebensbereiche rasant beschleunigt, ist auch Thomas Rappold, IT-Experte und Autor des Buchs „Silicon Valley Investing“, überzeugt. „Sie legt schonungslos offen, wie schnell ganze Industriezweige kurzfristig lahmgelegt werden können und Unternehmen in rasender Geschwindigkeit in finanzielle Schwierigkeiten geraten, weil ihre Absatzmärkte kurzfristig stark ein- brechen.“ Ein hoher Digitalisierungsgrad und ein direkter Zugang zu Endkunden über digitale Kanäle können über Erfolg und Misserfolg entscheiden.

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Vor allem die großen Tech-Anbieter sind bei dieser Entwicklung bestens positioniert. Konkurrenz? Die ist hier meist Fehlanzeige – „es gibt nur eine relevante Suchmaschine“, sagt Wagenhäuser. Und das ist nur leicht übertrieben. Im mobilen Suchmaschinen-Markt hatte Google im August 2020 weltweit einen Marktanteil von über 93 Prozent, bei Desktop-Computern waren es immerhin 70 Prozent aller Suchanfragen, berichtet Statista.

Die beherrschende Marktstellung birgt aber auch Risiken. Jüngst mussten die CEOs Jeff Bezos (Amazon), Sundar Pichai (Google), Tim Cook (Apple) und Mark Zuckerberg (Facebook) den amerikanischen Abgeordneten im US-Congress in einer mehrstündigen Anhörung Rede und Antwort stehen. Um die Marktmacht zu begrenzen, werden strengere Regulierungen oder gar eine Zerschlagung diskutiert. „Weiteres Wachstum durch größere Übernahmen dürfte es zukünftig nicht geben“, sagt Wagenhäuser.

Aber eine Zerschlagung oder drastische Regulierungen erwartet er auch nach der Wahl im November nicht – ganz unabhängig, wer dann die Regierung führen wird. „Die Amerikaner neigen nicht dazu, die eigene Industrie zu schädigen und den Markt chinesischen Anbietern wie Alibaba zu überlassen.“ Gegenwind in Form drastischer Steuernachzahlungen könnte den US-Megakonzernen wie Google oder Facebook aber in Europa drohen, dem wichtigsten Markt außerhalb der USA. Doch auch das beunruhigt Wagenhäuser nicht. Bei einem Cash- Bestand in dreistelliger Milliardenhöhe, so seine Einschätzung, werde das wohl von vielen mit einem Achselzucken quittiert.

Technologie in allen Lebensbereichen

Diese Gelassenheit der Tech-Titel wird durch ihre guten Ergebnisse gestützt. Amazon und Facebook haben im zweiten Quartal jeweils Rekordgewinne von 5,2 Milliarden US-Dollar erzielt, auch Apple und Microsoft präsentierten starke Zahlen. „Die Bewertung der Aktien sind teils schwieriger zu rechtfertigen“, sagt Wagenhäuser. „Dennoch gibt es gute Gründe, dabei zu bleiben.“ Zumal die Unternehmen immer wieder Innovationen auf den Markt bringen.

Beispiel Apple: Mit Spannung erwartet wurde einmal mehr das neue iPhone. Nummer 12, das der Konzern gerade vorgestellt hat, beherrscht nämlich auch den superschnellen 5G-Übertragungsstandard. Zudem hat sich das Unternehmen aus Cupertino im kalifornischen Silicon Valley mit der Übernahme von Mobeewave im Wachstumssegment Mobile Payment gut aufgestellt. Mit der Technologie des Start-ups soll sich das iPhone ohne Zusatz-Hardware zum mobilen Bezahlterminal verwandeln.

Die Kunst für Anleger sei es jedoch, eine gute Mischung zu finden. Neben den großen Platzhirschen hat Fondsmanager Wagenhäuser auch kleinere, spezialisierte Anbieter im Blick. „Ob Gaming, E-Commerce, Streaming, Online-Werbung oder Online-Payment: Es gibt eine Reihe von günstig bewerteten Spezialisten mit hohem Wachstumspotenzial, die vom digitalen Wandel profitieren.“ Stabilität im Fonds bringen schließlich Telekom-Netzbetreiber und Anbieter von Rechenzentren wie etwa Equinix, die im Schnitt 4 Prozent Dividendenrendite abwerfen.

Vernetzung von Mensch und Maschine

„Das Internet ist längst zum Rückgrat der Wirtschaft geworden“, sagt Rappold. Daten sind heute eine entscheidende Währung und Online-Services ein Überlebensfaktor. Unternehmen mit Abo-Systemen wie Apple mit den Marken AppleTV und iTunes, Amazon Prime, Netflix, Spotify und auch Microsoft mit Office 365 und dem Videokonferenz-Dienst Teams generieren damit stabile Erträge. Aber auch in Produktion und Logistik ist Digitalisierung ein Erfolgsfaktor, Stichwort Industrie 4.0. Internet der Dinge, künstliche Intelligenz, smarte Roboter: Durch die intelligente Vernetzung von Mensch und Maschine werden individuelle Produkte zu Preisen einer Massenproduktion möglich.

Den digitalen Wandel in der Unternehmenswelt hat Bernd Köcher im Fokus, Fondsmanager des Deka-Industrie 4.0. „Die Automatisierung in der Produktion wird durch Corona weiteren Aufwind erhalten“, ist Köcher überzeugt.

Tech-Fonds der Deka

Stand: 16.10.2020