Hilfsprogramme Und wer soll das bezahlen?

Die Regierungen beschließen gigantische Hilfspakete für die Konjunktur. fondsmagazin erklärt, woher das Geld kommt und warum Zinssparer dafür auch indirekt zur Kasse gebeten werden.


TEXT: Daniel Evensen

Es ist Herbst 2019, Deutschland hat einige Probleme mit der weltweiten Industrienachfrage, befindet sich aber ansonsten wirtschaftlich im grünen Bereich: etwas Wachstum, geringe Arbeitslosigkeit, Aktienmärkte im Aufwärtstrend und sprudelnde Steuereinnahmen. Fünf Jahre schon kommt Deutschland ohne Neuverschuldung aus, sogar das Haushaltsdefizit liegt unter den in den Maastrichter Verträgen geforderten 60 Prozent. Die gute Haushaltslage weckt Begehrlichkeiten. Doch Bundesfinanzminister Olaf Scholz bleibt standhaft: keine Neuverschuldung – die schwarze Null soll bleiben, basta.

Kehrtwende wegen Corona

Doch jetzt, im Frühjahr 2020, muss Finanzminister Scholz eine radikale Kehrtwende vollziehen. In Windeseile verabschieden Bundesrat und Bundestag einen Nachtragshaushalt in Höhe von 156 Milliarden Euro, unter dem Strich übernimmt der Staat mehr als 800 Milliarden Euro an Garantien – und wenn es nicht reicht, werde nachgelegt. Ob Kurzarbeitergeld, Steuerstundung, günstige Kredite oder Transferzahlungen, ob für Konzerne, kleine und mittlere Unternehmen, Soloselbstständige, Angestellte oder Familien: Fast alle können auf finanzielle Unterstützung hoffen. Manch ein Bürger reibt sich verwundert die Augen und fragt sich: Wo kommt all das Geld bloß her?

Wie man mit riesigen Schuldenbergen umgeht, darüber diskutieren Ökonomen nicht erst seit Corona. „Leider nichts Neues“, meint Dr. Ulrich Kater, Chefvolkswirt der DekaBank. Denn spätestens seit der Finanzkrise sind die Schulden in vielen westlichen Staaten aus dem Ruder gelaufen. Die Pandemie hat die Schuldenproblematik aber weiter verschärft. In Folge des Shutdowns sank die Wirtschaftsleistung in Europa im ersten Quartal nach ersten Schätzungen um 3,8 Prozent, für das zweite Quartal sind die Aussichten nicht besser. Im Gesamtjahr 2020 erwartet die DekaBank gar ein Minus von 8,5 Prozent. Düstere Wirtschaftsdaten auch aus den USA. Der bis dato so stabile Arbeitsmarkt droht zu kollabieren. Mehr als 35 Millionen Amerikaner haben binnen weniger Wochen Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe gestellt.

Die Zahl der Arbeitslosen ist in den USA sprunghaft gestiegen

Hüben wie drüben pumpen die Regierungen Milliarden oder gar Billionen in die Wirtschaft, um das Schlimmste zu verhindern – und nehmen dafür Schulden auf. Nach Schätzungen des Internationalen Währungsfonds (IWF) könnten die Staatsschulden der USA in diesem Jahr von gut 100 auf 130 Prozent des Bruttoinlandsproduktes steigen. Noch spektakulärer sieht es in einigen Staaten des Euroraums aus. In Italien oder Griechenland erwartet der IWF einen Anstieg auf 155 beziehungsweise 200 Prozent der Wirtschaftsleistung. Steigt das Risiko von Staatspleiten?

Macht der Notenbanken nicht unterschätzen

„Die reine Schuldensumme sagt erst einmal nichts aus. Neben der Größe eines Staates ist seine Leistungsfähigkeit entscheidend dafür, welches Schuldenvolumen tragbar ist“, sagt Chefvolkswirt Kater und verweist auf den „deutschen Weg“: Haushaltskonsolidierung gepaart mit stabilem Wachstum. Niedrige Finanzierungskosten und Vertrauen in die Leistungsfähigkeit sind wichtige Nebenbedingungen. Für beides sorgen die Notenbanken. „Die Stärke und die Macht der Notenbanken wurde unterschätzt. Viele dachten, sie hätten ihre Munition nach der Finanzkrise bereits verschossen“, urteilt Kater.

Zwar liegt der Leitzins im Euroraum als eines der wichtigsten Steuerungsinstrumente bereits bei null und der Einlagezins für Geschäftsbanken ist sogar negativ – das Zinsschwert zur Konjunkturbelebung ist stumpf geworden. „Aber die Möglichkeiten, über Anleihekäufe für Vertrauen zu sorgen, sind sehr effektiv“, so Kater. Die Strategie ist simpel: Notenbanken kaufen Anleihen von Staaten und Unternehmen und nehmen sie in ihre Bücher. So gewährleisten sie, dass sich selbst hoch verschuldete Emittenten zu günstigen Konditionen refinanzieren können. Sobald die Konjunktur wieder Fahrt aufgenommen hat, sollen die Anleihen wieder in den Markt verkauft werden.

EZB-Präsidentin Christine Lagarde stellt 750 Milliarden Euro bereit

Die Europäische Zentralbank (EZB) hatte nach dem ersten Börsenbeben im März zunächst 120 Milliarden Euro bewilligt. Nachdem dieses Hilfspaket wirkungslos verpufft war, hat die oberste Währungshüterin Christine Lagarde die „Bazooka“ herausgeholt und bis Ende des Jahres 750 Milliarden Euro zusätzlich für Anleihekäufe bereitgestellt. „No limits“, werde es geben, bekräftigte Lagarde, und erinnerte damit an das legendäre „Whatever it takes“ ihres Amtsvorgängers Mario Draghi aus dem Jahr 2012. „Wir sind entschlossen, das volle Potenzial unserer Werkzeuge auszuschöpfen.“ Klotzen statt kleckern – das gilt auch für die Federal Reserve (FED). Zur Krisenabwehr hat die US-amerikanische Notenbank 2 Billionen US-Dollar mobilisiert.

Droht Inflation?

Mit den jetzt beschlossenen Stützungskäufen weiten EZB und FED ihre Bilanzen stark aus, es wird quasi zusätzliches Geld gedruckt. Das schürt die Angst vor Inflation, weil einem gleichbleibenden Warenangebot eine größere Geldmenge gegenübersteht. Bleibt die Umlaufgeschwindigkeit konstant, wechselt das Geld also genau so oft den Besitzer wie zuvor, steigt das Preisniveau und es kommt zur Inflation. Soweit die Theorie. Aber schon in der Finanzkrise hat sich gezeigt, dass Bürger und Unternehmen viel Geld gespart und nicht ausgegeben haben, so dass die Liquidität nicht nachfragewirksam wurde. Die damals von einigen Ökonomen prognostizierte Preissteigerung blieb aus.

Wohl zum Bedauern der überschuldeten Staaten. Denn klar ist: Mit den derzeit diskutierten Steuererhöhungen allein lassen sich die Löcher in den Staatskassen nicht stopfen – und neue Abgaben würden zudem die Konjunktur zusätzlich belasten. Ein leichter Anstieg der Inflation hingegen könnte den Staaten einen Ausweg aus ihrem Schuldendilemma bieten. Denn wenn die Inflation zunimmt, die Zinsen aber weiter künstlich niedrig gehalten werden, dann drückt der Schuldenberg die Staaten weniger (siehe Grafik weiter unten).

„Mit dieser sogenannten finanziellen Repression sind schon in der Vergangenheit Schuldenberge langsam abgetragen worden“, so Deka-Chefvolkswirt Kater. Einen Anstieg des Preisniveaus von bis zu 4 Prozent hält er in einigen Jahren für denkbar. Ist der Realzins – also der Zins minus Inflation – somit negativ, sind Sparbuchsparer die Leidtragenden. Ihr Vermögen verliert stetig an Wert. Wertpapierkurse dagegen steigen häufig mit der anschwellenden Liquidität ebenfalls an.

An Schulden verdienen

Solange die Zinsen niedrig sind, wäre es theoretisch auch möglich, Schulden einfach Schulden sein zu lassen und sie über neue Schulden zu finanzieren. Bei negativen Zinsen können Staaten mit sehr guter Bonität an neuen Schulden sogar Geld verdienen. So haben Bundesfinanzminister Scholz und auch sein Amtsvorgänger Wolfgang Schäuble nach Berechnungen der Bundesbank seit Ausbruch der Finanzkrise nicht nur über 400 Milliarden
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Euro an Zinskosten gespart, sondern mit der Kreditaufnahme zum Teil sogar Gewinn gemacht – weil Investoren einen Zins für den sicheren Hafen Bundesanleihen zahlen. Auch in den kommenden Jahren dürfte Deutschlands Staatshaushalt vom großen Vertrauen in die Bonität profitieren.

Solidarität gefragt

In anderen Ländern des Euroraumes sieht es nicht so rosig aus. Für tragbare Refinanzierungsbedingungen wurde schon nach der Finanzkrise mit dem Europäischen Stabilitätsmechanismus ein weiterer Rettungsschirm gespannt. Einlagen in Höhe von 80 Milliarden Euro liegen bereit sowie Zusagen über mehr als 600 Milliarden Euro. Noch dazu soll die Europäische Investitionsbank nach dem Vorbild der KfW vergünstigte Kredite und Garantien geben, über 200 Milliarden Euro stehen zur Verfügung. Auch ein über den Kapitalmarkt finanzierter Fonds für Kurzarbeitergeld ist geplant, um die Folgen der Pandemie EU-weit abzufedern.

Aus den besonders gebeutelten Ländern Italien, Frankreich und Spanien wird zudem der Ruf nach Corona-Bonds laut – für Österreich, die Niederlande und Deutschland ein No-Go. Die Debatte enthält politischen Sprengstoff. „Bisher haben Regierungen und Notenbanken ein überzeugendes Krisenmanagement gezeigt“, so Kater. „Wir Europäer profitieren sehr vom großen Binnenmarkt und können uns international auch nur dann Gehör verschaffen, wenn wir zusammenhalten.“ Um Zusammenhalt und Stabilität nicht zu gefährden, gibt es nach seiner Einschätzung nur einen Weg: An einen Tisch setzen und Kompromisse erarbeiten, bei denen alle Parteien Zugeständnisse machen müssen. Deutschland und Frankreich haben gemeinsam einen 500 Milliarden schweren Aufbaufonds angeregt, der die Mittel über den EU-Haushalt an die am stärksten betroffenen Sektoren und Regionen auszahlen soll.

Rendite mit Sachwerten

Hyperinflation, Staatspleiten oder ein Auseinanderbrechen des Euro: Das alles müssen Bundesbürger wohl nicht befürchten. Allerdings wirkt sich das ökonomische Umfeld auf die Attraktivität verschiedener Anlageklassen aus. Zinssparer dürften nach Abzug der Inflation noch sicherer und für einen noch längeren Zeitraum Minus machen, da die Notenbanken angesichts enormer Staatsverschuldungen auf absehbare Zeit keine höheren Zinsen zulassen können. Anlageexperten der DekaBank empfehlen deshalb, weiterhin auf Sachwerte wie Aktien, Immobilien und etwas Gold als Beimischung zu setzen.

Da viel Kapital in diese Anlageformen fließt, könnten die Bewertungen von Aktien und Immobilien künftig steigen. Die Rückführung dieser Liquidität könnte allerdings nach Einschätzung des Deka-Chefvolkswirts eines Tages zur riesigen Herausforderung werden. Hier hilft dann nur die Zeitlupentaktik. „Die Notenbanker sind sich ihrer Verantwortung bewusst.“ Oder, um es mit den Worten der früheren FED-Chefin Janet Yellen zu sagen: „Das Ausschleichen der Maßnahmen muss so langweilig sein, als würde man Farbe beim Trocknen zusehen.“

Schuldenabbau mit finanzieller Repression

Stand: 02.06.2020