12.7.2017 | FALSCHMELDUNGEN Wie man sich vor Fake News schützt

Fake News bestimmen die momentane politische Debatte und haben teilweise sogar Einfluss auf Entscheidungen. Dabei ist das Phänomen nicht neu, nur anders.


Engagierte Journalisten fühlen sich seit jeher der Wahrheit verpflichtet. Doch das, was in einer Welt, die sich immer schneller dreht, als wahr oder falsch gilt, wird immer mehr zum Gegenstand von Diskussionen. Im Februar rechtfertigte sogar US-Präsidentenberaterin Kellyanne Conway den Einreisestopp gegen Menschen aus sieben muslimischen Staaten mit einem Terroranschlag, den es niemals gab. Während es noch vor einigen Jahren in erster Linie darum ging, bestehende Fakten unterschiedlich zu interpretieren, scheint selbst die Wahrheit heute Auslegungssache zu sein. Spätestens seitdem der neue US-Präsident Donald Trump die politische Bühne betreten hat, ist der Begriff der Fake News zu einem Kampfbegriff geworden. Doch sind Fake News wirklich ein neues Phänomen?

„Formen der Fehlinformation gibt es in den Medien schon immer“, erklärt Gerit Götzenbrucker, Professorin am Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft an der Universität Wien und nennt exemplarisch das Beispiel der „Grubenhunde“: Bereits 1911 hielt der Wiener Ingenieur Arthur Schütz die Zeitung Neue Freie Presse mit einem von hanebüchenen technischen Details gespickten Bericht über ein Erdbeben zum Narren. Der Artikel gipfelte in der Aussage, Schütz‘ schlafender Grubenhund habe das nahende Erdbeben bereits eine halbe Stunde vor den ersten Erschütterungen wahrgenommen. Die Bergmannsprache bezeichnet den Wagen, welcher Gestein und Material in und aus dem Stollen transportiert, als „Grubenhund“. Seit Schütz‘ Coup jedoch hat der Begriff auch in die Pressetypologie Einzug gefunden. Grubenhunde gelten als Synonym für falsche Nachrichten mit einem medienpädagogischen Auftrag. Schütz tischte Zeit seines Lebens noch zahlreichen anderen Zeitungen falsche Nachrichten auf und veröffentlichte diese sogar in einem Sammelband. Seine Zutaten für einen gelungenen Coup: Thema, Stil, äußere Form, aber auch die gesellschaftliche Stellung des vermeintlichen Absenders müssen auf die jeweilige Redaktion zugeschnitten sein. Um dies zu erreichen, feilte Schütz an entsprechenden Geschichten und suchte sich die Ziele seiner medienkritischen Attacken genau aus. In jede Geschichte verpackte er zudem ironische Seitenhiebe, die es informierten Lesern ermöglichen sollten, den Plot selbst zu entlarven. Nur so, dachte sich der umtriebige Ingenieur, würde es gelingen, leichtgläubige Redaktionen bloßzustellen.

SCHLAFENDE GRUBENHUNDE

Foto: vat

Assoz. Prof. Mag. Dr. Gerit Götzenbrucker

Doch Grubenhunde hielten Medien nicht nur zu Zeiten von Arthur Schütz in Atem. 1996 reichte der Physiker Alan Sokal einen Artikel in der sozialwissenschaftlichen Zeitschrift „Social Text“ ein, welcher bewusst zahlreiche logische Fehler enthielt. Da die Zeitschrift aber zur Schlussredaktion keinen Physiker konsultierte, wurde der Beitrag veröffentlicht und löste eine Diskussion über pseudowissenschaftliche Tendenzen in den Sozial- und Geisteswissenschaften aus. Schon Grubenhund-Erfinder Schütz wusste, dass es nur einer wissenschaftlich anmutenden Argumentation und eines entsprechenden Absenders bedarf, um Redaktionen von der Authentizität erdachter Nachrichten zu überzeugen. Der anerkannte Physiker Sokal wirkte auf die Herausgeber von Social Text glaubwürdig, weswegen diese insbesondere seine Ausführungen im Bereich der Physik nicht infrage stellten. „Grubenhunde sind die qualifizierteste Form der Falschmeldung, da sie so gut konstruiert sind, dass sie die Medien täuschen“, konstatiert auch Götzenbrucker. Doch was, wenn Falschmeldungen keinen medienpädagogischen Auftrag transportieren, sondern auf Manipulation aus sind?

"Falschmeldungen unterminieren unser demokratisches Mediensystem"

Assoz. Prof. Mag. Dr. Gerit Götzenbrucker, Universität Wien

Tatsächlich gilt es, zwischen Satire und Zeitungsenten einerseits und Fake News zu unterscheiden. Psychologen sprechen im Zusammenhang mit Fake News im politischen Bereich oftmals von „Gaslighting“. Der Begriff geht auf ein Theaterstück des britischen Dramatikers Patrick Hamilton aus dem Jahr 1938 zurück, in dem ein Mann seine Frau mit falschen Aussagen über eine Gaslampe in den Wahnsinn treibt. Die Manipulationstechnik zielt darauf ab, Opfern ihr eigenes Verständnis der Realität abzusprechen. Dabei isoliert ein Täter sein Opfer von der Außenwelt und schafft ein diffuses Feindbild. In dieser Konstellation entsteht eine Abhängigkeit, in welcher der Täter als einzig glaubwürdige Informationsquelle wahrgenommen wird. Ist diese Isolation erst hergestellt, kann das Opfer selbst abstruse Falschinformationen nur noch schwer von der Wahrheit unterscheiden. Psychologen beobachten diese Manipulationstechnik sowohl in gescheiterten Paarbeziehungen als auch in autokratischen Systemen. Eine erstaunliche Parallele zwischen „Gaslighting“ und der aktuellen Debatte über Fake News ist die Isolation, in der sich viele Opfer befinden. Während es beim klassischen Gaslighting zur Abschottung durch einen dominanten Täter kommt, tritt die Isolation in autokratischen Systemen mittels Medienkontrolle ein. Doch auch in freien Gesellschaften kann der Zugang zu Informationen eingeschränkt sein. Dazu Götzenbrucker: „Soziale Netzwerke sorgen dafür, dass Nutzer aus dem eigentlich vielfältigen Angebot an Meinungen nur noch einen Teilbereich wahrnehmen – so genannte Filterblasen entstehen.“

FILTERBLASEN ENTSTEHEN NICHT NUR IM INTERNET

Obwohl soziale Netzwerke wie Twitter und Facebook in den vergangenen Wochen Maßnahmen gegen zweifelhafte Quellen angekündigt haben, sorgt der Schwarm-Effekt dafür, dass sich Meldungen in sozialen Netzwerken ungeprüft verbreiten können. So genannte Bots, also virtuelle Nutzer, teilen entsprechende Nachrichten in Sekundenschnelle und schaffen so eine Parallel-Öffentlichkeit, die der Abschottung beim Gaslighting nahe kommt. „Setzt man ein Bot auf entsprechende Quellen im Internet an, verbreitet dieser bereits nach wenigen Stunden selbstständig fast ausschließlich das jeweilige Gedankengut.“ „Den gleichen Effekt erfährt auch ein Nutzer, der sich ausschließlich in den Filterkammern der sozialen Netzwerke bewegt. Während das klassische Mediensystem noch immer Vielfalt bietet, sorgen Informationsblasen dafür, dass Fake News nicht mehr durch anderslautende Informationen relativiert werden“, so die Professorin.

EIN FÜNFTEL WERTVERLUST


Doch Informationsblasen entstehen nicht nur innerhalb sozialer Netzwerke. Auch in sozialen Gruppen sind bestimmte Weltsichten verbreiteter als andere, beispielsweise am Arbeitsplatz: „Wenn der Chef eine Meldung oder Quelle ernst nimmt, tendiert auch der Angestellte dazu, dies so zu sehen“, erklärt Götzenbrucker und verweist auf die Rolle der Peer Group bei der Interpretation von Nachrichten: „Studien mit Jugendlichen haben gezeigt, dass Informationen für glaubwürdiger angesehen werden, wenn sie von anderen Jugendlichen geteilt wurden.“ Auf diese Weise könnte auch innerhalb bestimmter Berufsgruppen eine Form der Betriebsblindheit entstehen. Verstärkt wird dieses Problem durch die zunehmende Schnelllebigkeit – beispielsweise im Finanzsystem. Um diesem Problem zu begegnen, rät Götzenbrucker zu mehr Medienkompetenz auf Seiten der Nutzer und einer Selbstverpflichtung für Soziale Netzwerke. „Dass sich der Meinungsmarkt selbst regulieren kann, hat sich nicht bewahrheitet. Soziale Netzwerke sind gefragt, sich selbst Regeln aufzuerlegen und ihrer ethischen Verantwortung gerecht zu werden. Beispielsweise könnten Betreiber offensichtliche Fake-Seiten von Werbeeinnahmen ausschließen“, rät die Sozialwissenschaftlerin.

INFORMATIONEN HINTERFRAGEN, STATT KONSUMIEREN

Um Fake News zu erkennen, sollten sich Nutzer kritisch mit Urhebern von Nachrichten auseinandersetzen. Dabei sollten sie prüfen, ob es zu einer Information mehrere glaubwürdige Quellen gibt, die Schlüssigkeit der Meldung an sich untersuchen und darauf achten, dass eine Nachricht objektiv verfasst ist. So können Nutzer beispielsweise feststellen, ob eine Meldung ausschließlich einem politischen Lager zuzuordnen ist. Grundsätzlich gelte, dass sich Wahrheiten nur schwer in wenigen Zeilen darstellen lassen, betont die Professorin. Doch anhand dieses einen Kriteriums lässt sich noch keine klare Grenze zwischen Fake News und echten Informationen ziehen. „Es ist ökonomischen Zwängen geschuldet, dass Medien mit immer kleineren Informationshäppchen versuchen, möglichst viele Klicks zu erzielen“, kritisiert Götzenbrucker. Auch seien etablierte Medien keinesfalls unfehlbar. Studien hätten gezeigt, dass nahezu jede Pressemeldung mindestens einen Fehler enthält. „Die Accuracy-Forschung der Medienwissenschaft belegt, dass die Übergänge zwischen Wahrheit und Falschheit fließend sind“, so Götzenbrucker. Dabei untersuchen Wissenschaftler die Qualität medialer Inhalte. „Oftmals handelt es sich zwar lediglich um falsch geschriebene Namen oder andere unbedeutende Details, doch häufig werden auch Statistiken falsch interpretiert.“ Insbesondere vor dem Hintergrund des wachsenden Informationsangebots und der Problematik der Fake News, rät die Professorin etablierten Medien dazu, vermehrt Datenjournalismus zu betreiben und sich so auf Messungen oder Studien zu fokussieren. „Um Fake News begegnen zu können, benötigt es mehr Fakten als menschelnde Geschichten. Das braucht neben mehr Zeit allerdings auch eine höhere Kompetenz der Medienschaffenden“, mahnt Götzenbrucker. Dennoch ist der Professorin vor der Zukunft nicht bange: „Das Thema wird derzeit ein wenig hochgekocht. Nicht alle Menschen fallen auf Fake News herein. Wichtig ist, dass wir die Medienkompetenz auf allen Seiten stärken und Informationen kritisch hinterfragen, statt sie nur zu konsumieren.“

Stand: 12.7.2017