Interview „Fakten entscheiden”

2018 gab es in Deutschland so viele Börsengänge wie selten zuvor. Hält der Schwung an, wie erkennt man die Top- Newcomer – und wie partizipieren Anleger? Deka-Experte Michael Schneider gibt Antworten.


TEXT: Peter Weißenberg

Das Online-Shopping-Portal Westwing, das Traditionsunternehmen Knorr-Bremse, Dermapharm, Siemens Healthineers – seit 20 Jahren hat es hierzulande nicht mehr so viele IPOs – sprich Börsengänge – gegeben: Steckt dahinter ein Trend, Zufall oder eine neue Attraktivität der Börse?
Nein, nein und nein.

Was dann?
Einfach eine gute Aktienentwicklung bis in den Herbst 2018. Es stand sehr viel Liquidität im Markt bereit und die Risikobereitschaft der Anleger war bis zum Sommer noch hoch.

Goldgräberstimmung?
So blauäugig sind die Anleger nicht. Die Verkäufer und deren Berater versuchen einen hohen Preis durchzusetzen, wir versuchen eine für uns günstige Bewertung zu erzielen. Bei jedem IPO sind immer viele Punkte zu beurteilen: wie die Qualität des Geschäftsmodells, Bilanzqualität, Bewertung, Marktposition oder Wachstumspotenzial. Und dies ist dann abzuwägen mit Risiken und Alternativen.

IPO-Experte Michael Schneider

16 Neulinge sammelten auf dem deutschen Parkett 11,6 Milliarden Euro bei den Investoren ein. Jetzt sind die Bedingungen rauer geworden. Angesichts der unruhigen Aktienmärkte haben zuletzt mehrere Unternehmen in Deutschland die Erstnotiz abgesagt. Ist der Boom schon vorbei, bevor er richtig begonnen hat?
Das glaube ich nicht. Börsengänge sind einfach ein zyklisches Geschäft. Und in der Phase der Marktkorrektur haben nun einige Kandidaten ihre Pläne erst mal auf Eis gelegt. Die Bereitschaft, die Wunsch-Preise der Newcomer zu zahlen, wird in einem solchen von Vorsicht geprägten Umfeld eben geringer. Die grundsätzliche Lage hat sich aber nicht geändert. Und mit Knorr-Bremse ist jetzt auch in unruhigeren Zeiten noch ein großer Börsengang durchgezogen worden.

Warum zieht es erfolgreiche Unternehmer überhaupt an die Börse mit ihren vielen Anteilseignern und Regeln?
Da gibt es ganz unterschiedliche Gründe. Viele Firmen brauchen schlicht Kapital für die Wachstumsfinanzierung.

High-Tech-Schmieden, Biotech-Firmen, Start-Ups bei Künstlicher Intelligenz?
Zum Beispiel. Die sind für mich am interessantesten. Es geht ja oft um neue Wachstumspotenziale ganzer Branchen. Aber auch andere Gründe sind beachtenswert.

Etwa?
Ein börsennotiertes Unternehmen hat in der Regel einen anderen Bekanntheitsgrad und ist transparenter. Dies kann hilfreicher sein bei der Finanzierung, bei der Expansion oder bei der Suche nach Personal. Auch Übernahmen von Unternehmen können leichter finanziert werden.

Das geht dann zum Teil mit Aktientausch?
Zum Beispiel oder auch über eine Kapitalerhöhung. Aber auch das Trennen von Geschäftsbereichen kann mittels Börsengang den abgetrennten Part aufwerten. Denken Sie nur an die Bayer-Sparte Lanxess oder Siemens Healthineers.

VW will mit einem Börsengang 2019 auch seine Lkw-Sparte teilweise an die Börse bringen.
Ja, Traton könnte auch so ein Beispiel werden. Investoren, die genau in diesem Segment aktiv sind, gewinnen dadurch weitere Alternativen. VW selbst gewinnt damit mehr finanziellen Spielraum, und die bislang wenig berücksichtigte LKW-Sparte könnte stärker in die VW-Aktienbewertung einfließen.

Nimmt der Kapitalhunger der Unternehmen generell zu?
Zumindest, was Risikokapital anbelangt. Forschung und Entwicklung werden immer teurer. Gleichzeitig müssen oft hohe Wachstumsinvestitionen getätigt werden, gerade in der disruptiven Welle neuer Technologien. Daraus ergeben sich bei Abwägung der Investitionsrisiken auch für die Anleger in Deka-Fonds neue Chancen.

Weil es neue Firmen gibt, die genau in diesem Segment aktiv werden?
Ja. Wir haben schon seit einiger Zeit auf Industrie 4.0 gesetzt – und das hat bislang gut funktioniert. Auch IPOs sind in der Fondsmischung dabei und das oft in einer sehr frühen Wachstumsphase.

Aber wie gut lässt sich bei einem Börsenneuling beurteilen, ob die Bewertung gut ist? Manche Unternehmen haben Analysten früher nicht so tief in Bücher oder Fertigung schauen lassen – andere haben etwa als Internet-Unternehmen noch wenig Historie.
Grundsätzlich gilt natürlich: Man muss auch nein sagen können. In Deutschland etwa waren wir 2018 nur bei drei Börsengängen dabei. Diese bewusste Auswahl gilt auch insgesamt für die anderen europäischen Märkte und die USA. Selektion ist wichtig – und Analyse ist generell nie leicht. Aber ein Börsengang bedeutet für uns bei Abwägung der damit verbundenen Risiken eben auch auch besondere Chancen.

Welche?
Der Wissensstand ist für alle Kaufinteressenten im Prinzip gleich groß. Wir können jedoch besser analysieren, weil unsere Fondsmanager und Analysten mehr mit den Kandidaten und den Investmentbanken sprechen, die solche Börsengänge organisieren und gegenüber potenziellen Investoren kommunizieren. Auch Konkurrenten, Lieferanten und Kunden kennen wir oft gut und persönlich.

Sogar bei High-Tech und Biotech-Firmen?
Da ist die Analyse häufig noch anspruchsvoller. Genau deshalb sind die Fondsmanager der Deka immer auch Spezialisten für einen Anlagebereich. Ich selbst bin neben der Funktion als zentraler IPO-Ansprechpartner auch hauptverantwortlich für den Deka-Umweltinvest. Da bin ich in der Tiefe auf die Themen Umweltschutz, Erneuerbare Energie und Wasser spezialisiert.

Warum schätzen die Investmentbanken Sie und Ihre Kollegen besonders?
Weil wir eine der führenden Fondsgesellschaften und gerade im IPO-Prozess eine zuverlässige Größe sind. Wir haben bei einem IPO immer nur einen zentralen Ansprechpartner, sprechen Klartext über unsere Einschätzung des Börsenkandidaten und die Preisvorstellung. Unsere Orders basieren immer auf realer Nachfrage und werden nicht künstlich „aufgebläht“ – selbst in den heißen IPO-Phasen. Aber dann gilt auch: Wir stehen zu unserer Order; eine einmal aufgegebene Order wird nicht mehr storniert.

Bekommen Sie denn immer alle Infos, die Sie sich wünschen?
Aus Asien kommt leider oft relativ wenig. Der Zugang zu Unternehmen in den USA und Europa ist deutlich einfacher, die Infos besser. Zudem gibt es Roadshows, Internet-Präsentationen und Conference-Calls mit den Vorständen. Und in Europa kommt die Masse der Börsenaspiranten ohnehin zu uns nach Frankfurt. Ungefähr 80 Prozent sehen wir persönlich.

Wie viele IPOs erwarten uns in Deutschland denn in den nächsten Monaten?
Fast jeden Montag muss man sich diese Frage stellen.

Montag?
Das ist ein klassischer Tag für die Ankündigung eines Börsengangs. Wir sehen aber jetzt erst mal eine ruhigere Phase.

Und wie geht es im Jahresverlauf 2019 in Deutschland weiter? Mit der VW -Trucksparte Traton, dem Modehändler Takko Fashion und der Continental-Antriebssparte Powertrain sind ja schon echte Schwergewichte in der Presse angekündigt.
Bei deutschen Börsengängen hängt viel von den Rahmenbedingungen ab, die ich anfangs genannt habe. Das ist auch eine kulturelle Frage.

Wie meinen Sie das?
Schon die skandinavischen Märkte ticken ganz anders. Dort gibt es fünf- bis sechsmal so viele Börsengänge wie in Deutschland. Der Investment-Gedanke ist bei den dortigen Marktteilnehmern viel stärker verankert, einheimische Fonds sind besonders wichtig. Und das sind ja alles voll entwickelte Industrieländer mit Hightech, Medizintechnik, aber auch Rohstoffen oder Ölfördertechnologie. Gerade schwedische IPOs sehen wir hier sehr oft – sicher auch 2019. Deutschlands Wertpapierkultur hat dagegen noch Nachholbedarf.

Liegt das auch am IPO-Schock Ende der Neunziger? Damals gab es in Deutschland auch einen Boom bei Börsengängen – der aber in einem Crash endete.
Das Umfeld ist diesmal anders. Vor 20 Jahren waren das häufig Firmen aus dem erweiterten Telekommunikationsumfeld. Spekulative Werte mit esoterischen Bewertungskriterien. Da wurden Unternehmensbewertungen anhand der Klicks auf die Webseite, der Zahl der Kunden oder Anzahl der Telefonanschlüsse erstellt. Und es wurde zuweilen wahllos gekauft – auch nur die Nummer acht oder zehn im Markt. Heute kommen die Firmen aus unterschiedlichsten Branchen vom Autozulieferer bis zum Chemiekonzern. Da sind oft echte Größen mit viel nachweislicher Substanz dabei. Auch und gerade bei Börsengängen gilt letztlich der Grundsatz: Die Fakten müssen stimmen. Sonst schaffen die es nie in einen Deka-Fonds.

Stand: 03.01.2019