Anlagestrategie Zwischen Gefühl und Verstand

An der Börse siegen immer wieder einmal Emotionen über die Vernunft. Die Verhaltensökonomie erforscht irrationales Verhalten und hilft den Anlegern, erfolgreicher zu investieren.


TEXT: Marie-Sophie Maurer

Für Steinzeitmenschen war der Tod nie weit entfernt: Wenn der Säbelzahntiger nahte, konnten wenige Augenblicke über Rettung oder Untergang entscheiden. Wilde Tiere, Naturgewalten, angreifende Horden – da war schnelles Reagieren überlebenswichtig. Gesteuert wurde die Flucht von einem Teil des Gehirns, dem sogenannten Mandelkern im limbischen System.

Bis heute ist er als eine Art Frühwarnsystem dafür zuständig, Gefahren zu erkennen und Handlungen darauf auszurichten. So sehr sich die Welt gewandelt hat, dieser älteste Teil unseres Gehirns leistet nach wie vor gute Dienste – zum Beispiel, wenn man bei einem plötzlichen Geräusch vor Schreck zur Seite springt, damit einem der Dachziegel nicht auf den Kopf fällt.

Die Mär vom Homo Oeconomicus

Der Mandelkern gibt aber nicht nur dort den Takt vor, wo Angst ein guter Ratgeber ist. Er kann auch abseits physischer Gefahr dazu beitragen, dass Menschen wie Hasenfüße reagieren – etwa in finanziellen Angelegenheiten. So stehen Angst und andere Emotionen vernünftigen Entscheidungen bisweilen im Weg. Und das kostet Geld.

Über lange Zeit hinweg vernachlässigte die Wirtschaftstheorie diese Aspekte. Sie ging davon aus, dass Menschen in einer Marktwirtschaft stets klar und logisch denken und agieren. Wirtschaftliche Entscheidungen werden nach dieser Lehre von einem Homo oeconomicus getroffen – und zwar im Kortex, dem Teil des Gehirns,der aufgrund umfassender Informationen und komplexer Abwägungen logische Schlüsse zieht.

VERLUSTANGST

PHÄNOMEN:
Den Schmerz bei einem finanziellen Verlust empfinden Menschen
etwa doppelt so stark wie die Freude über einen gleich hohen Gewinn.

WIRKUNG:
Sparer meiden Investments, die Risiken bergen. Investieren sie doch,
nehmen sie Gewinne oft zu früh mit. An einzelnen abgestürzten Aktien
halten Sie aber auch dann noch fest, wenn längst keine Aussicht auf
Besserung mehr besteht.

Der rationale Mensch versucht, den größten materiellen Nutzen aus seinem Handeln zu ziehen. Das führt zu effizienten Märkten – also zu Plätzen, an denen die Preise für Produkte, Wertpapiere und Dienstleistungen das Gleichgewicht von Angebot und Nachfrage auf exakte Weise widerspiegeln.

Dass eine solche Perfektion in der Praxis nicht erreicht wird, haben inzwischen zahlreiche Versuche und Beobachtungen gezeigt. Ein einfaches Beispiel: Kostet die gleiche Lampe in einem Geschäft 100 Euro, im anderen 75 Euro, sind viele Käufer bereit, für die Ersparnis von 25 Euro einen weiten Weg auf sich zu nehmen. Bei einem Auto, das hier 25.000 und dort 24.975 Euro kostet, interessiert sie der gleiche Preisunterschied dagegen nicht. Homo oeconomicus dagegen würde sagen: 25 Euro sind 25 Euro.

AUF DIE LANGE BANK SCHIEBEN

PHÄNOMEN:
Unangenehme Aufgaben verschieben Menschen regelmäßig,
wenn der Nutzen weit in der Zukunft liegt. Man denke an den Vorsatz,
mehr Sport zu treiben, um gesund zu bleiben.

WIRKUNG:
Aus Bequemlichkeit oder auch für einen besseren Lebensstandard
in der Gegenwart werden wichtige Zukunftsthemen wie die
Altersvorsorge auf später vertagt – so wird kostbare Zeit verschenkt.

Als „Framing“ bezeichnen Forscher es, wenn Menschen Informationen unterschiedlich bewerten, je nachdem in welchen Rahmen diese eingebettet sind. Framing ist eines von vielen Phänomenen, welche die Behavioral Finance – zu Deutsch Verhaltensökonomie – untersucht. Ergebnis: Der Homo oeconomicus in Reinkultur ist eine Mär. Angst, Gier, Panik, Scham, Selbstüberschätzung und falsche Wahrnehmungen können die Vernunft außer Kraft setzen – vor allem bei der Geldanlage.

Land der Aktienmuffel

Nur so ist auch der Umgang der Deutschen mit ihrem Geld zu erklären. Dass die Ersparnisse nicht rein rational angelegt werden, zeigt ein Blick in die jüngste Statistik der Bundesbank. Trotz Nullzinsen
stecken die Menschen hierzulande gut 40 Prozent ihres Geldvermögens in festverzinsliche Bankeinlagen oder lassen es gleich auf dem Girokonto liegen.

Der Kortex müsste energisch protestieren: Denn nach Abzug der Inflation ist der finanzielle Nutzen dieser Anlageform zurzeit bekanntermaßen negativ. Ausgerechnet die ertragreichste Geldanlage der letzten Jahrzehnte findet selten den Weg ins Bewusstsein deutscher Anleger: Nur 9,7 Millionen Deutsche – das entspricht rund 12 Prozent der Gesamtbevölkerung – investieren in Aktien oder Aktienfonds, belegt eine aktuelle Auswertung des Deutschen Aktieninstituts (DAI). Das DAI kommentiert: „Deutschland
ist ein Land der Aktien-Muffel.“ Und das hat nichts mit aktuellen Kurseinbrüchen, sondern mit längerfristigen Trends zu tun.

Für Joachim Schallmayer, Kapitalmarktexperte der DekaBank, ist einer der Gründe hier mangelndes Wissen: „Die Ausbildung in Sachen Börse wird in Deutschland vernachlässigt.“ Denn im Wirtschaftssystem der Bundesrepublik spielt der Aktienmarkt seit Jahrzehnten keine wichtige Rolle – weder für die Altersvorsorge noch für die Finanzierung der Wirtschaft. Ihre ersten Börsenerfahrungen sammelten zudem viele Deutsche in den späten 90er-Jahren – ausgerechnet in einer Zeit, in der eine der größten Kursblasen entstand. Im anschließenden Crash erlebten die Aktionäre neben einer finanziellen auch eine psychologische Niederlage. „Das sitzt tief“, meint Schallmayer.

SELEKTIVE WAHRNEHMUNG

PHÄNOMEN:
Bei der Entscheidungsfindung arbeitet das
Gehirn mit Vereinfachungen, um der Fülle an
verfügbaren Informationen Herr zu werden.
Das ist sinnvoll, kann aber zu Fehlurteilen
führen.

WIRKUNG:
Anleger achten zu sehr auf Informationen, die
ihre bisherige Meinung stützen. Zudem
investieren sie bevorzugt in den Heimatmarkt,
weil sie diesen besser zu kennen glauben.

Ein Blick auf die Finanzmarktkrise 2008 und auch auf die aktuellen Verwerfungen aufgrund der Coronakrise bestätigt Erkenntnisse der Verhaltensökonomie: Börsenkurse folgen einem Zyklus von Angst und Gier, sie steigen und fallen stärker, als die Situation es rechtfertigt. „In Deutschland sind die Kursschwankungen besonders ausgeprägt – stärker als etwa in den USA. Das liegt daran, dass wir keinen festen Sockel an heimischen Privatanlegern haben, die auch in schweren Zeiten an den Markt glauben“, erklärt DekaBank-Experte Schallmayer. „Wenn dann ausländische Investoren mit kürzerem Anlagehorizont kaufen oder verkaufen, ist die Wirkung größer.“

Potenzial der Wirtschaft zunutze machen

Doch langfristig sind Aktien die lukrativste Anlageform – das belegt die Historie und das gilt auch mitten im derzeitigen Markteinbruch noch. „Wer mit realistischen Erwartungen an die Börse geht und nicht den schnellen Reichtum sucht, kann sich das Potenzial der Wirtschaft zunutze machen“, betont Schallmayer. „Er kann schwache Phasen aussitzen oder sogar günstig nachkaufen und in besseren Zeiten nach und nach Gewinne realisieren.“ Dass zu erkennen und sich von der Stimmung abzukoppeln, ist das Rezept vieler erfolgreicher Investoren.

Dazu hat die Verhaltensökonomie einige Techniken entwickelt, mit denen Anleger ihr limbisches System austricksen und rationalere Entscheidungen treffen können. Die wichtigste Technik: Anleger sollten mit ihrem Berater einen Plan aufstellen, eine dazu passende Investmentstrategie entwickeln und sich daran halten. Wer so handelt, nimmt den Finanzmärkten viel von ihrem potenziellen Schrecken.

Stand: 30.03.2020