29.11.2021 | CORONAKRISE „Der Vorsichtsmodus bleibt eingeschaltet“

Die Sorgen vor der neuen Corona-Variante Omikron sowie die kontinuierlich steigenden Inzidenzzahlen haben an den weltweiten Finanzmärkten für einen rasanten Kurssturz gesorgt. Die Ungewissheit über die Wirksamkeit der bestehenden Impfstoffe bei der neuen Variante ließ die Risikosensoren an den Finanzmärkten anspringen. Ulrich Kater, Chefvolkswirt der Deka, zur aktuellen Situation an den Börsen und den weiteren Aussichten.


TEXT: Michael Merklinger

Herr Kater, die neue Coronavirus-Variante hat für große Unsicherheit an den Märkten geführt. Müssen sich Anlegerinnen und Anleger Sorgen machen?

Die scharfen Marktreaktionen am 26. November, als die Nachrichten über eine schnelle Verbreitung der neuen Omikron-Variante des Coronavirus in den Fokus rückten, zeigen die Risiken, die nach fast zwei Jahren der Corona-Pandemie immer noch aus der Gesundheitskrise heraus die Wirtschaft und die Finanzmärkte bedrohen. Das Auftreten einer Virusvariante, gegen die die bisherigen Impfstoffe wirkungslos sind, ist das absolute Negativszenario für die Menschen, und damit auch für die Weltwirtschaft und die Finanzmärkte. 

Bedeutet dies, dass die globale Konjunkturerholung nun bedroht ist? 

Sollte dieser Fall mit der neuen Omikron-Variante eintreten, wäre weltweit in vielen Ländern mit erneuten Lockdowns zu rechnen. Dadurch würden die Aktienmärkte noch deutlich stärker korrigieren, die Erholungsperspektive wäre sehr unsicher. Denn dann wären alle bisherigen Konjunkturprognosen über Nacht Makulatur. Sollte es zu Lockdowns bis ins Frühjahr 2022 hinein kommen, so schätzen wir, dass beispielsweise die deutsche Wirtschaft im Jahr 2022 nicht – wie bisher prognostiziert – um 3,7 Prozent wachsen würde, sondern vielmehr sogar schrumpfen könnte. 

Die Sorge vor einer steigenden Inflation hat zuletzt auch die weltweiten Notenbanken beschäftigt. Müssen wir uns jetzt auf höhere Preise einstellen?

Für die Inflation schätzen wir die Wirkungen von eventuell erheblichen Beschränkungen in den kommenden Monaten eher entlastend ein. Zwar werden die Angebotsengpässe wohl sogar in verstärktem Ausmaß weitergehen. Darüber hinaus gehen wir davon aus, dass die Verlängerung von fiskalischen Stabilisierungsprogrammen die Überlebensfähigkeit von Arbeitsplätzen und Unternehmen weiterhin sicherstellen und damit die Nachfrage stabilisieren wird. Doch zugleich dürfte die immense Übernachfrage der privaten Haushalte nach Gütern in diesem Fall zügig auslaufen und nicht so schnell durch ein Anspringen der aufgrund der Pandemie aufgestauten Investitionsnachfrage der Unternehmen ersetzt werden.

„Wie im ersten Corona-Einbruch an den Aktienmärkten können mögliche deutliche Rücksetzer Möglichkeiten zum Aufbau langfristiger Positionen darstellen"

Deka-Chefvolkswirt Ulrich Kater (Foto: Deka)

Was bedeutet dies für die langfristige Entwicklung an den Märkten?

Noch ist über die Omikron-Variante zu wenig bekannt. Neben dem ausgeprägten Negativszenario gibt es auch ein Positivszenario. Dieses träte ein, wenn die neue Variante sich zwar als ansteckender, aber als weniger lebensbedrohlich erwiese. Es kommt jetzt darauf an, ob die Gesundheitsbehörden und Institute in den kommenden Tagen einen neuen Verteidigungsfall gegen das Virus ausrufen müssen. In diesem Fall würden auch die Aktienmärkte noch einmal deutlich stärker korrigieren, und die daran anschließende Erholungsperspektive wäre unsicherer als nach der ersten Welle, die bislang die gravierendsten Spuren an den Märkten und bei der Konjunktur hinterlassen hat. 

Der Kursrutsch hat an den weltweiten Börsen Spuren hinterlassen. Könnte das perspektivisch eine Einstiegschance sein? 

Wie im ersten Corona-Einbruch an den Aktienmärkten können mögliche deutliche Rücksetzer daher eher Möglichkeiten zum Aufbau langfristiger Positionen darstellen. Sollte umgekehrt angesichts einer geringeren Gefährlichkeit der neuen Variante in den kommenden Tagen Entwarnung gegeben werden, könnten die Aktienkurse schnell wieder in Richtung ihrer alten Höchststände nach oben schießen. Bis dahin bleibt an den Märkten der Vorsichtsmodus eingeschaltet.

Stand: 29.11.2021