Interview „Der Roboter ist dein Freund“

Mandali Khalesi ist Experte für digital vernetzte Mobilität. Im fondsmagazin-Interview erklärt er die Chancen der vierten Industriellen Revolution, die unterschiedlichen Stärken der USA, Japans und Europas – und warum er sich in Paris zu Hause fühlt, obwohl er in Tokio arbeitet.


TEXT: Peter Weißenberg

Eine Milliardensumme Kapital, ein eigenes Unternehmen und die wolkige Aufgabe: „Erfassen Sie doch bitte eben mal die Verkehrslage auf allen Straßen der Welt”. Ist das Ihre aktuelle Arbeitsplatzbeschreibung?
Ganz so ist es nicht. Aber wir bei Tri-Ad genießen schon ziemliche Freiheiten vom Mutterkonzern Toyota ... 

...der zweitgrößte Autobauer der Welt gilt ja sonst als ziemlich penibel bei der Verwendung seiner Yen.
Ja. Deswegen hat mich die Anfrage auch so überzeugt, ein bisschen wie ein Start-up die Aufgabe anzugehen. Die haben Sie übrigens ganz gut beschrieben. Die Straßenlage vom Feldweg im Tschad bis zur Autobahn in Ohio exakt und sekundenaktuell zu erfassen, daran arbeite ich.

Mobilitäts-Experte Mandali Khalesi

Mandali Khalesi ist einer der renommiertesten Experten für digitale Mobilität weltweit. Der britische Astrophysiker arbeitet als Vice President Automated Driving beim japanischen Navigations-Spezialisten TRI-AD. Khalesi ist zugleich weltweiter “head of automated driving mobility and innovation” beim Autokonzern Toyota. Der 40-Jährige hat zuvor bei mehreren Unternehmen der Branche in Europa und Asien und auch als Unternehmer neue Technik und Geschäftsmodelle rund um die Mobilität entwickelt.

Die meisten Menschen sind wohl eher selten im Tschad unterwegs. Und sonst reicht doch das Navi oder Google Maps. Warum sollte Ihre Forschung da bahnbrechend für die Mobilität von Morgen sein?
Weil zentimetergenaue, dreidimensionale Karten der ganzen Welt mit dem aktuellen Verkehrsfluss die Basis für digital vernetzte, autonome und vollelektrische Mobilität sind. Jeder Verkehrsteilnehmer muss erst einmal wissen, wo absolut genau seine Position ist – und das in Relation zu allen anderen Menschen, Tieren, Gebäuden oder Verkehrsmitteln. Nur dann kann er sich wirklich effizient, nachhaltig und autonom von A nach B bewegen. 

Das geht mit einem besseren Navi und einem Auto mit ganz vielen Sensoren nicht?
Nein. Für autonomes Fahren brauchen sie zentimetergenaue Karten. GPS bewegt sich eher in Metern. Aber die Satellitentechnik wird rasant besser. Wir bekommen bald Echtzeit-Bilder von fast jedem Ort der Erde – und die koppeln wir mit Daten aus den Autos, dem Internet der Dinge, künstlicher Intelligenz und Kameras und Sensoren. Daraus bauen wir eine virtuelle Welt, in der wir jede Straße bei jeder Verkehrslage und Witterung schon mal testweise durchfahren können. So trainieren wir die Computer für die autonomen Autos von Morgen.

Klingt nach einem guten Geschäft für den Anbieter, der die Nase vorn hat – aber für manche Menschen auch ganz schön gruselig.
Ich kann das verstehen – ich bin ja selbst im guten alten Europa aufgewachsen. Ich denke aber: Mobilität sollte ein Menschenrecht sein. Es bringt uns im Wortsinn im Leben weiter. Aber hier in Japan sieht man diese Seite der digital vernetzte Welt ohnehin ganz anders als in Europa.

Wie denn?
Es gibt fast eine symbiotische Beziehung von Mensch und Maschine. Diese Angst vor dem bösen Terminator, die ist Japanern fremd. Der Roboter ist dein Freund. Er hilft vor allem Alten, Behinderten, Kindern; zum Beispiel, mobil zu sein. Daraus entsteht die Bereitschaft, mit digitaler Technik neues zu schaffen – und Produkte der Industrie 4.0. Auch beim schnellen mobilen Internet ist Asien darum schon viel weiter. Insgesamt geht es dabei vor allem um die Kommunikation zwischen Maschinen; die lernen wiederum selbstständig dazu, und das rasend schnell. Das ist eine unsichtbare Revolution, die gerade erst beginnt. Die meisten Menschen in Japan begrüßen die Ergebnisse. Ich will aber nicht den Eindruck erwecken, dass Europa bei der Mobilität der Zukunft chancenlos ist.

Es klingt nur so ...
Europa hat eine unglaublich lange Geschichte der Mobilität – und öffentliche Plätze etwa haben dort eine immense Bedeutung. Daraus resultieren Erfahrungen, die Firmen oder Gründer auch in digital vernetzte Produkte und Dienstleistungen übersetzen können. Bei Carsharing, Lieferservices oder Parkraumbewirtschaftung zum Beispiel. Was im dichtgedrängten Europa funktioniert, das kann weltweit Erfolg haben. 

Automatisiertes Fahren – Game-Changer der Mobilität

Da haben Google, Uber, Amazon und Co aber sicher etwas dagegen?
US-amerikanische Firmen sind natürlich immer eine starke Konkurrenz – auch für unser Vorhaben, die besten automatisierten HD-Karten für selbstfahrende Fahrzeuge zu erschaffen. Die Amerikaner sind Meister der unbeschwerten Erfindung. Das geht Schlag auf Schlag. Aber die soziale Dimension ist dort nicht so wichtig. 

In Japan schon eher?
Garantiert. Aber auch in Europa spielen Nachhaltigkeit, soziale Fragen oder der Umgang mit Daten eine wichtige Rolle. Wer darauf sensibel reagiert, bekommt einen Wettbewerbsvorteil.

Sie kennen alle drei Weltregionen und deren Mentalitäten – sprechen englisch und französisch so fließend wie chinesisch und japanisch. Wo fühlt sich ein digitaler Trendsetter zu Hause? Oder ist das gar keine Dimension für Ihr Denken?
Doch. Paris ist mein Zuhause.

Ziemlich weit weg?
Da sehen Sie, warum mich unsere digital vernetzte Welt so fasziniert. Als ich in den 90er-Jahren zum ersten Mal länger in Japan lebte, da war Europa wirklich weit weg. Heute bringt mir der Datenverkehr mit hohen Übertragungsraten etwa per Skype die Heimat ganz nah. Und das ist letztlich der Sinn aller Digitalisierung. Es bringt Menschen zusammen und bereichert das Leben. Wer als Unternehmer diese Sehnsucht erkennt, der wird dafür faszinierende Produkte erschaffen. 


Stand: 29.05.2019