24.9.2021 | Evergrande Ein Meteorit schreckt die Weltwirtschaft auf

Schulden von mehr als 300 Milliarden US-Dollar belasten den chinesischen Immobiliengigant Evergrande. Bereits im August schreckten die ersten Meldungen über die vertrackte finanzielle Lage beim zweitgrößten Immobilienentwickler des Landes die Investoren auf. Einige Finanzexperten befürchten eine drohende „Lehman-Pleite 2.0“, die über Weltwirtschaft hereinbrechen könnte. Ulrich Kater, Chefvolkswirt der Deka, zur aktuellen Situation in China und den weiteren Aussichten.


TEXT: Michael Merklinger

Mit dem chinesischen Immobilienentwickler Evergrande ist ein neuer Meteorit auf dem Finanzradar aufgetaucht. „Glücklicherweise ist die Liberalisierung des chinesischen Finanzmarktes vor einigen Jahren gescheitert. Sonst hätten wir unsere nächste Subprime-Krise“, erklärt Ulrich Kater, Chefvolkswirt der Deka. So aber sei der chinesische Kapitalmarkt für massive spill-overs, also die Übertragung in eine Weltfinanzkrise, noch viel zu wenig vernetzt.

Von dieser ersten Finanzkrise des chinesischen Wirtschaftswunders geht laut dem Chefvolkswirt der Deka allerdings ein anderes Signal aus: „Die Regierung hat Schwierigkeiten, den bisherigen Kurs der Entfesselung von Wachstumskräften durch wirtschaftliche Reformen fortzusetzen – und sie will dies auch gar nicht mehr.“ So nennt Kater eine Reihe von gescheiterten Vorhaben in den vergangenen Jahren, die teilweise diesen ideologischen Schwenk hin zu mehr Staatskontrolle zur Ursache haben. Hierzu gehören Verbesserungen beim Wettbewerb, die Liberalisierung des Kapitalmarktes und nicht zuletzt eben die versäumte Eindämmung der überbordenden Verschuldung. „Überall wurden und werden Marktmechanismen wieder zurückgedrängt“, verdeutlicht der Deka-Experte.

Deka-Chefvolkswirt Ulrich Kater. Foto: Deka

Nun könnte es sein, dass die „chinesische Lehman-Krise“ den Griff der Partei um die Wirtschaft weiter verstärkt. Kater: „Die niedrig hängenden Früchte der wirtschaftlichen Entwicklung sind längst gepflückt, China muss einen Weg finden, nicht in der so genannten middle income trap zu verschwinden“. Damit werden die Schwierigkeiten eines Landes mit mittlerem Einkommen bezeichnet, weiteres Wirtschaftswachstum zu verzeichnen. Allerdings beeinträchtigt die aktuelle Krise im Immobiliensektor, immerhin 25 Prozent der chinesischen Volkswirtschaft, das weltweite Wachstum nach Einschätzung des Chefvolkswirts in der zweiten Jahreshälfte.

Stand: 24.9.2021