Konjunktur Ifo-Index erneut gefallen

Der Konjunkturindikator rutscht auf den tiefsten Stand seit 2013 – fondsmagazin erklärt, wie der Ifo-Index berechnet wird und warum er so wichtig ist.


TEXT: Gunnar Erth

Es ist ein festes Ritual der deutschen Wirtschaft. Gegen Ende eines jeden Monats bittet das Münchner Ifo-Institut – immer um 10 Uhr – die Presse zur Telefonkonferenz. Dort wird exklusiv der neue Ifo-Geschäftsklimaindex verkündet. 9.000 Unternehmen des Verarbeitenden Gewerbes, Dienstleistungssektors, Bauhauptgewerbes, Großhandels und Einzelhandels füllen monatlich einen schlichten DIN-A4-Fragebogen mit rund 20 Fragen aus – vor allem zu ihrer wirtschaftlichen Lage und der voraussichtlichen Entwicklung für die kommenden sechs Monate. Aus dem Saldo der positiven und negativen Einschätzungen wird der Geschäftsklimaindex gebildet. Im Juli ist der Index von 97,5 auf 95,7 Punkte abgerutscht – der niedrigste Stand seit April 2013. Ökonomen hatten nur mit einem leichten Rückgang auf 97,1 Punkte gerechnet. „Es kommt noch dicker für die deutsche Industrie als ohnehin erwartet", kommentiert Deka-Chefvolkswirt Ulrich Kater. „Jetzt werden weltweit die Lager und Investitionen heruntergefahren, um sich den schlechten Zeiten anzupassen. Die deutsche Industrie befindet sich dadurch in der Rezession, die Dienstleister bleiben aber kräftig." Nach Katers Einschätzung wird der Industrieabschwung in Deutschland im Herbst seinen Boden finden. Dann könnten auch die Werte des Ifo-Index wieder steigen.

Der Indikator pendelt um einen Basiswert von 100 Punkten. Oberhalb dieses Werts ist die Stimmung der Befragten gut, unter 100 ist sie negativ. Zwei Beispiele: Seinen tiefsten Wert im vereinten Deutschland erreichte der Index mit 84,6 Punkten im Dezember 2008 zu Zeiten der Finanzmarktkrise. Das Allzeithoch wurde im Februar 2011 mit 115,4 Indexpunkten gemessen. „Wir sagen nicht 3 oder 4 Prozent Wachstum voraus, sondern zeigen auf, in welche Richtung sich die Wirtschaft bewegt“, betont Klaus Wohlrabe, Stellvertretender Leiter des Ifo-Zentrums für Makroökonomik und Befragungen. „Wenn man allerdings die Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts über unsere Indexkurve legt, sieht man, dass die Aussagekraft des Ifo-Geschäftsklimaindexes sehr hoch ist.“

Wettrennen um die Prognosedaten

Genau wegen dieser Prognosequalität wird der neue Monatsindex streng unter Verschluss gehalten. „Bis zur Veröffentlichung kennen den Wert nur sehr wenige Menschen“, sagt Befragungsleiter Wohlrabe. Die Geheimhaltung sei notwendig. „Unser Index kann den Dax und den Euro-Dollar-Wechselkurs beeinflussen. Wir stehen deswegen auch unter Aufsicht der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht.“

Fällt der Indexwert zum Beispiel besser aus als von der Wirtschaft erwartet, steigt im Anschluss häufig der DAX – zumindest kurzfristig. Das belegt eine Studie der Ludwig-Maximilians-Universität München und des Ifo-Instituts, die Wohlrabe mitverfasst hat. Zudem erhöhe die Veröffentlichung des Geschäftsklimaindexes die Handelsaktivität am deutschen Aktienmarkt. Deka-Volkswirt Christian Melzer hat ebenfalls beobachtet, dass aktuelle Wirtschaftskennzahlen die Finanzmärkte beeinflussen. „Das ist aber nicht regelmäßig so, dafür müssen schon besondere Situationen vorliegen.“

Entscheidende Marke von 100 Punkten

Ludwig Erhards Einfluss

Mit der großen Bedeutung des Geschäftsklimaindexes war nicht zu rechnen, als im Januar 1949 das Ifo-Institut aus dem Zusammenschluss zweier Wirtschaftsforschungsinstitute entstand. Treibende Kraft war Ludwig Erhard, der Vater des deutschen Wirtschaftswunders und zur damaligen Zeit Professor an der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Bereits im Gründungsjahr führte das neue Institut seine Unternehmensbefragungen ein – und berechnete aus den Ergebnissen das Geschäftsklima. „Diese Art der Marktbeobachtung war eine neue Sache. Die Grundidee war, die offiziellen Statistiken zu ergänzen, die erst im Rückblick die Konjunktur erfassten – etwa das Bruttoinlandsprodukt“, erzählt Klaus Wohlrabe.

Der Fragebogen ähnelt heute noch seiner Grundstruktur von 1949, der Index zum Geschäftsklima wurde allerdings erst 1972 geschaffen, um eine Vergleichbarkeit der Zahlenreihen zu erzeugen. Seine hohe mediale Bekanntheit stammt aus den 90er-Jahren, als die deutsche Wirtschaftsberichterstattung pointierter wurde. Wohlrabe: „Man darf aber nicht vergessen: Der Index hat sich seinen Ruf erarbeitet.“

Aussagekräftiger Indikator

Dieser Einschätzung schließt sich Deka-Volkswirt Christian Melzer an. „Für mich zählt er zu den aussagekräftigsten Konjunkturbarometern“, sagt er. „Auch für unsere Fondsmanager ist der Ifo-Geschäftsklimaindex definitiv wichtiger als andere Indikatoren.“

Doch wie schafft es der Geschäftsklimaindex, die Stimmung in der deutschen Wirtschaft so genau abzubilden? Die Basis für den Erfolg ist die umfangreiche Stichprobe mit den 9.000 Unternehmen aus unterschiedlichen Wirtschaftszweigen. „Das macht die Hochrechnung sehr gut“, betont Wohlrabe. Da spielt es auch keine Rolle, dass es mit „besser“, gleichbleibend“ und „schlechter“ lediglich drei Antwortmöglichkeiten bei den Fragen zur Geschäftslage und Perspektive gibt. „Wir wissen aus anderen Umfragen, dass eine breitere Skala mit mehr Antwortmöglichkeiten nichts bringen würde“, sagt Wohlrabe. Es gebe eine Tendenz zur Mitte: Würde man die Skala stärker ausdifferenzieren, änderte sich das Ergebnis kaum.

Dazu kommen ganz praktische Gründe: Die drei Antwortmöglichkeiten gab es von Anfang an. Das Ifo-Institut legt Wert auf eine Zeitreihe mit vergleichbaren Ergebnissen, deswegen müssen auch die Fragen identisch bleiben. Und: Der Platz ist knapp. Wohlrabe: „Wir fragen einige weitere Punkte ab und alles muss auf eine Seite passen. Sonst sinkt die Bereitschaft der Unternehmen an der Umfrage teilzunehmen.“ So werden etwa auch Aspekte wie Beschäftigtenentwicklung, Exportnachfrage und der Zugang zu Krediten erhoben.

Verschlossene Lebensmittelhändler

Die befragten Unternehmen werden für den Index gewichtet – nach ihrer Bruttowertschöpfung und ihrer Branche. So spielen Firmen aus der Automobilbranche eine größere Rolle als Betriebe aus der Textilwirtschaft. Die Dienstleistungsbranche fließt sogar erst seit 2018 in den Gesamtindex ein. Aktuell sind knapp 10.000 Unternehmen in der Datenbank des Instituts. Die meisten geben regelmäßig Auskunft. Wenn doch eine Firma aus diesem Pool ausscheidet, ist in der Regel schon Ersatz da, denn die Datenbank wird ständig ausgebaut.

Eigentlich würden für den Index schon 500 bis 1000 Unternehmen ausreichen. Allerdings werden zusätzlich Auswertungen einzelner Branchen erzeugt, an denen diverse Verbände, aber auch die Deka-Fondsmanager, Interesse haben. Deshalb muss der Firmenpool groß gehalten werden.

„Wir benutzen den Index um uns ein Bild der Stimmung in einzelnen Branchen und der Gesamtwirtschaft zu machen“, bestätigt Deka-Volkswirt Melzer. Dafür sind insbesondere die Einzelauswertungen interessant.

Was die einzelnen Branchen angehe, gebe es aber immer noch Nachbesserungsbedarf, so Klaus Wohlrabe vom Ifo-Institut. „Wir hätten gerne mehr Unternehmen aus den Bereichen Pharma, Mineralöl und Einzelhandel.“ Neue Akteure für die Befragung zu gewinnen, sei aber nicht immer einfach. In bestimmten Branchen gebe es nur wenige relevante Firmen, während einige große Akteure in anderen Bereichen sehr verschlossen seien – zum Beispiel in der Lebensmittelindustrie.

Leistungstest für die Vorhersagen

Doch Prognosen sind nichts wert, wenn man sie nicht regelmäßig einem Realitätscheck unterzieht. „Wir schauen uns natürlich an, wie gut die Performance des Indexes ist und ob man die Gewichtung einzelner Unternehmen oder Branchen ändern muss“, versichert Klaus Wohlrabe. So wurde erst 2018 das Gewichtungsverfahren leicht modifiziert und auch das Basisjahr für die Indexberechnung von 2005 auf 2015 angepasst. „Die Anpassung ändert nichts an der Vergleichbarkeit der Zahlenreihe, denn wenn wir den Basiswert auf hundert setzen, werden alle anderen Werte dazu relativ neu berechnet“, sagt der Ifo-Experte. Man folge mit den Anpassungen in der Regel dem Statistischen Bundesamt, das ebenfalls seine Basiswerte regelmäßig aktualisiere.

Deka-Volkswirt Christian Melzer hält den Ifo-Geschäftsklimaindex nicht nur für den besten Indikator für die deutsche Konjunktur, sondern für einen der wichtigsten für den gesamten Euroraum – was vor allem am wirtschaftlichen Gewicht Deutschlands in der EU liegt. Dennoch sieht er auch Grenzen. „Wir können mit dem Index das BIP im laufenden Quartal gut abschätzen, aber nicht darüber hinaus. Was die Prognosekraft betrifft, hatten wir schon bessere Zeiten.“ So habe die Lage-Komponente des Ifo-Geschäftsklimaindexes 2018 die Entwicklung der Realwirtschaft nicht gut wiedergegeben, während es bei der Erwartungskomponente besser aussah.

Der Hauptgrund: Konjunkturvorhersagen sind schwieriger geworden. „Es gibt zurzeit mehr Unsicherheitsfaktoren in der globalen Wirtschaft – von Brexit bis Italien. Und die Stimmung schlägt leichter um“, ergänzt Melzer. Dafür genügt oft schon ein Tweet von US-Präsident Donald Trump. „Mal werden Zölle für Mexiko angekündigt und dann schnell wieder abgesagt. Auch zum Brexit gibt es immer wieder neue Informationen. Diese Nachrichten schlagen sich schneller auf die Märkte nieder.“

Ifo-Umfrageexperte Wohlrabe erkennt ebenfalls eine steigende Volatilität der globalen Konjunktur, glaubt aber nicht, dass sich die Marktteilnehmer davon sofort anstecken lassen. „Gerade der Brexit hat gezeigt, dass die Unternehmen nicht so leicht in Panik geraten.“ Nach dem Referendum herrschte Gelassenheit unter den befragten Unternehmern.

Die Grenzen des Ifo-Indexes

Eine Sache kann der Ifo-Geschäftsklimaindex definitiv nicht: Weltwirtschaftskrisen prognostizieren. „Man kann einzelne dramatische Events wie die Lehman-Pleite oder die Irankrise nicht vorhersehen“, sagt Klaus Wohlrabe. „Wenn solche Ereignisse allerdings eingetroffen sind, bekommen wir in unserer Umfrage sofort eine Rückmeldung durch die Unternehmen.“ Man könne mit dem Geschäftsklimaindex also sehr gut die Folgen solcher Ereignisse beurteilen – etwa, welche Branchen wie sehr betroffen sind.

Trotz seiner Defizite hält Christian Melzer den Ifo-Index für den wichtigsten Stimmungsindikator. „Wir haben nichts besseres, was uns über die Stimmung in der deutschen Wirtschaft informiert.“

Stand: 24.06.2019