Interview „Innovationen verändern Gesellschaften“

fondsmagazin befragte mit Univ.-Prof. Marion A. Weissenberger-Eibl eine der wichtigsten Zukunftsberaterinnen über revolutionäre Technologien, starke Industrien und Länder sowie die Rolle der Geldgeber.


TEXT: Peter Weißenberg

Frau Weissenberger-Eibl, Sie kennen einschneidende Veränderungen nicht nur aus der Theorie: Sie haben Schneiderin gelernt und arbeiten heute als Innovationsforscherin. Ist die Zukunft nicht einfach unvorhersehbar?
Natürlich kann niemand die Zukunft exakt vorhersagen. Ich habe mir aber persönliche Ziele definiert und meinen Weg anhand dessen gestaltet.

Sie wussten also früh, wohin Sie wollten und was dafür zu tun ist?
Ja. Ich habe mich beispielsweise damals bewusst für die Schneiderlehre entschieden, weil ich wissen wollte, wie eine Produktion aussieht und was dabei passiert. Später hatte ich den Wunsch, das Wissen aus meinem Ingenieurs- und BWL-Studium, das sich daran anschloss, in die Gesellschaft zu tragen. Das führte mich schließlich an die Leitung des Fraunhofer ISI, wo wir daran forschen, gesellschaftliche und politische Zusammenhänge zu verstehen und daraus Handlungsoptionen abzuleiten. Wer sie kennt, kann proaktiv und flexibel agieren und sich damit beschäftigen, was die Zukunft bringt – und eröffnet sich selbst den Freiraum, neugierig zu sein. Das war immer meine Triebkraft.

Marion A. Weissenberger-Eibl

Wie schauen Sie in die Zukunft?
Zum Beispiel mit Foresight-Methoden und sogenannten „Szenarien“. Denn da es nicht nur eine Zukunft gibt, spreche ich lieber von Zukünften. Auf dieser Basis erforschen wir am Fraunhofer ISI etwa, wie sich die regionale Stromnachfrage in Deutschland bis 2050 entwickeln könnte. Dabei analysieren wir den Einfluss vielfältiger Faktoren wie Bevölkerungsentwicklung, Akzeptanz von Smart Home und autonomen Fahrsystemen. Wir erstellen konkrete Szenarien, untersuchen mögliche Marktentwicklungen und geben Handlungsempfehlungen für die Akteure. Die müssen ja auf künftige Entwicklungen reagieren können.

Ebenso wie deren Investoren: Wie wichtig ist die Kapitalbasis dafür, dass eine Idee die Welt verändert?
Eine gute Kapitalbasis ist eine wichtige Voraussetzung für den Erfolg von Start-ups. Gerade kleine und mittlere Unternehmen in Deutschland nehmen selten an staatlichen Förderprogrammen teil, da der Zugang oft mit viel Bürokratie verbunden ist. Private Investoren wie Fondsgesellschaften sind wichtig.

Digitalisierung und Vernetzung revolutionieren die Wirtschaftswelt. Ist die heutige disruptive Veränderung anders als frühere Entwicklungen ähnlicher Größenordnung wie Dampfmaschine oder Computer?
Alle Revolutionen der Menschheitsgeschichte hatten und haben gemeinsam, dass sie bestehende gesellschaftliche und technologische Systeme auf eine charakteristische Art und Weise verändert haben. Besondere Merkmale der digitalen Revolutionen sind beispielsweise der hohe Vernetzungsgrad von Millionen von Nutzern, die zunehmende Automatisierung von Produktionsprozessen durch autonome Systeme und der Umgang mit Big Data. Das alles ist eingebettet in eine Zeit, in der sich der Mensch mehr und mehr bewusst wird, dass sich das Klima durch den Ausstoß von CO2 und anderen klimarelevanten Gasen nachhaltig verändert und die Ressourcen auf der Erde endlich sind.

Das schürt auch Ängste.
Wie jede Veränderung löst auch die digitale Revolution gleichzeitig Bedenken und Aufbruchsstimmung aus. Die Arbeitswelt wird sich in den kommenden Jahrzehnten stark verändern, es werden neue Geschäftsmodelle und Arbeitsformen entstehen. Unsere Forschung im Bereich „Sharing Economy“ hat gezeigt, dass Teilen und Tauschen von materiellen aber auch digitalen Gütern enorm ansteigen wird. Von dieser Tauschkultur könnten besonders kleine und kleinste Unternehmen mit einem hohen Digitalisierungsgrad profitieren. Das ist natürlich eine Besonderheit im Vergleich zu anderen Entwicklungen ähnlicher Größenordnung.

Wie erforschen Sie eigentlich die Innovationskraft ganzer Volkswirtschaften?
Mit dem von uns entwickelten Innovationsindikator lässt sich beispielsweise die Innovationskraft und damit die Zukunftsfähigkeit von Volkswirtschaften quantifizieren. Dabei analysieren unsere Experten beispielsweise den Digitalisierungsgrad einer Gesellschaft oder die Qualität des Bildungssystems und können so abschätzen, wie hoch das Innovationspotential des Landes ist.

Spielen da auch private Geldgeber wie Fondsgesellschaften eine Rolle?
Durchaus. Im Länderranking unseres aktuellen Innovationsindikators liegen zum Beispiel die Schweiz und Singapur vor Deutschland, weil hier etwa nationale Unternehmen und Wissenschaftseinrichtungen international hervorragend vernetzt sind und auch untereinander eng kooperieren. Natürlich spielt dabei aber auch das hohe Privatvermögen in diesen Ländern eine Rolle, insbesondere für die Entwicklung von innovativen Start-Ups; sie kommen dadurch leichter an Startkapital als anderswo.

Als Beobachter hat man zuweilen den Eindruck, asiatische oder kalifornische Unternehmen seien zukunftsgewandter und dynamischer als die deutsche Wirtschaft. Müssen wir uns vor der Zukunft fürchten?
Vor allem beim Ausbau der digitalen Infrastruktur, der digitalen Bildung und der IT-Sicherheit liegt Deutschland deutlich hinter den Top-Nationen zurück. Im Silicon Valley haben Start-Ups zudem Zugang zu Geldbeträgen im zweistelligen Milliardenbereich, Deutschland investiert dagegen unter einem Prozent seines Bruttoinlandsproduktes in Venture Capital. Das zeigt, dass sich dringend etwas ändern muss. Aber die positive Entwicklung des Silicon Valleys beruht auf Faktoren, von denen ich viele auch in Deutschland gegeben sehe, beispielsweise eine Vielzahl exzellenter Forschungseinrichtungen, exzellentes unternehmerisches Wissen und Mut, innovative Ideen zu entwickeln und umzusetzen. In vielen Bereichen können wir meines Erachtens nicht nur Silicon Valley gegenüber durchaus selbstbewusst auftreten.

Welche Rolle spielen Unternehmen und ihre Innovationen überhaupt bei der Zukunftsentwicklung ganzer Gesellschaften und Nationen?
Eine enorm wichtige Rolle. Innovationen haben die Kraft, tiefgreifende Transformationsprozesse anzustoßen und Gesellschaften nachhaltig zu verändern. Heute ist es für uns zum Beispiel selbstverständlich, auf dem Weg zur Arbeit Podcasts zu hören oder beim Radfahren unsere gesamte Musiksammlung griffbereit in der Hosentasche zu haben. Als 1982 am Fraunhofer das MP3-Format entwickelt wurde, war die Schallplatte das Massenmedium. Jahrzehnte später hat die MP3 nicht nur die Schallplatte abgelöst, sondern auch die Musikindustrie grundlegend verändert und nebenbei die Entwicklung des Smartphones begünstigt. Grundlage für diese Entwicklung war der Mut einiger innovativer Unternehmen und Forschungseinrichtungen, die ihre Ideen – manchmal auch gegen Widerstände – verfolgt und schließlich zur Marktreife gebracht haben. Andererseits braucht jede Innovation auch die Akzeptanz der Gesellschaft.

Freuen Sie sich eigentlich ganz persönlich auf die Zukunft?
Meine Begeisterung für das Neue und meine große Freude an Herausforderungen lassen mich zuversichtlich sein. Wir müssen aber aktiv die Zukunft gestalten, die wir uns wünschen. Daran arbeite ich jeden Tag.