21.4.2021 | KATERS WELT Tulpencoins?

Die Kursentwicklung von Kryptowährungen scheint nicht aufzuhalten zu sein. Dabei ergibt sich ein veritables Werteparadoxon.


Je mehr darauf hingewiesen wird, wie nutzlos Bitcoins sind, desto teurer werden sie. Aus den Tulpenzwiebeln der berühmtesten Finanzmarktblase im Holland des 17. Jahrhunderts konnte man am Ende wenigstens noch einen Blumenstrauß machen, so teuer dieser hinterher auch erschien. Die Anzahl der Transaktionen mit Bitcoin und damit der praktische Nutzen der „Währung“ bleibt dagegen weiterhin überschaubar: zu teuer, zu umständlich, zu langsam. Und zu dreckig. So verbraucht mittlerweile das Bitcoin-System weltweit mehr Strom als Holland, um mal im Bild zu bleiben. Würden etwa die chinesischen Behörden im Strompreis die wahren Umweltkosten berücksichtigen, wäre das Bitcoin-Netzwerk erledigt.

Oft wird Bitcoin als Anlagevehikel diskutiert. Da muss man bei der Ursachenanalyse fast schon durch die Hintertür kommen: Vielleicht sagen steigende Notierungen für Bitcoin im Verhältnis zum US-Dollar ja mehr über den US-Dollar als über Bitcoin aus. So wäre die Narration eines in der Schuldenlava verglühenden Papiergeldsystems eine wichtige Motivation, Bitcoin als alternative Wertaufbewahrungs-Schatulle anzusehen. Große Teile der Krypto-Gemeinde besitzen Bitcoins vor allem deswegen, weil sie privat organisiert sind. In dieser Denke ist alles, was vom Staat kommt, mehr oder weniger überflüssig, bürokratisch und für Gängelei zu halten.

Dabei ist bemerkenswert, wie man einer Institution wie einer Notenbank misstrauen kann – die immerhin das Geldwesen in den vergangenen Jahrzehnten inflationsstabil verwaltet hat – aber auf der anderen Seite ein anonymes System vergöttert, von dem keiner weiß, wer es beherrscht, wer es wie verändern kann und welche Interessen dahinterstecken. Trifft solche weltweite Staatsverdrossenheit auf eine feste Anzahl von Bitcoin-Einheiten, dann ist das Ergebnis eine Preisexplosion. Selbst wenn diese Explosion noch eine Weile weitergehen sollte, bleibt sie doch spekulativ: ohne praktische Verwendung ist der Bitcoin eben „nur“ auf die Story angewiesen – und auf Liebhaberei.

Kryptowährungen? Ja – aber besser!

Die größte Gefahr beim Bitcoin ist wohl aber eher, dass er den Blick verstellt für die wirkliche Entwicklung im elektronischen Währungswesen. Denn dass der Zahlungsverkehr im Netz vor der nächsten Evolutionsstufe steht, ist sicher. Wer die Übertreibungen der reinen Bitcoin-Lehre mit ihrer absoluten Dezentralität etwas aufweicht, kommt zu technisch funktionierenden Kryptowährungen.

Der Bedarf ist ebenfalls vorhanden: Im Gegensatz zum anonymen Bargeld in der realen Welt gibt es bei den praktikablen Bezahlsystemen im Netz keine wirkliche Anonymität. Was fehlt, ist ein Bargeld im Netz. Wer das bereitstellt, hat eine Marktlücke gefüllt. Allerdings werden dies eher die Notenbanken sein. Wie beim Bargeld wird das Bankensystem die Ausgabestelle für das Netzbargeld darstellen, um eine Umgehung der Banken über direkte Notenbankkonten zu verhindern. All das spricht dafür, dass im Bereich der Währungsemission für die private Initiative wenig Raum bleibt.

Anders ist dies auf dem Feld der Technik. Die Blockchain erscheint mehr und mehr als Innovation, um die sich zahlreiche Anwendungen ranken. Aus Anlegersicht ist es also eher ein Thema der Investition in innovative IT-Firmen und neuen Anwendungen als eine direkte Investition in immer neue Kryptovehikel.

Ulrich Kater, Chefvolkswirt der DekaBank, dem Wertpapierhaus der Sparkassen

Mikro trifft Makro

Im Podcast „Mikro trifft Makro – Das Finanzmarktgespräch“ sprechen Deka-Chefvolkswirt Ulrich Kater und Moderator Dirk Huesmann über alles, was die Welt und die Börsen aktuell bewegt. Hören Sie rein in die aktuelle Folge.

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Stand: 21.4.2021