9.3.2021 | Corona Inflation – mehr Rauch als Feuer

Ein Jahr nach Beginn der Pandemie nimmt die Impfaktivität Fahrt auf und die Konjunktur legt trotz hoher Infektionszahlen weiter zu. Aber wie geht es jetzt mit der Geld- und der Finanzpolitik weiter? Können die Notenbanken nachlegen, falls sich die Konjunktur erneut eintrübt? Oder kommt es zu einer Überstimulierung mit ausufernder Inflation?


TEXT: Olivier Löffler

Weltweit stiegen in den letzten Wochen die Kapitalmarktrenditen. Vor allem bei US-Staatsanleihen und Bundesanleihen im längeren Laufzeitenbereich. Auslöser war ein für viele überraschend starker Anstieg der Inflationsraten. Die Marktteilnehmer verabschiedeten sich von der bislang befürchteten coronabedingten Deflation und richteten ihr Augenmerk auf ein neues Szenario.

„In der Tat ist die Corona-Rezession vorüber, und damit fällt auch der wichtigste Grund für die Deflationsrisiken weg. Zudem werden in den nächsten Monaten mehrere Sondereffekte dazu führen, dass die Inflationsraten in vielen Regionen der Welt steigen“, so Deka-Chefvolkswirt Ulrich Kater. Aber: Diese höheren Teuerungsraten seien vorübergehender Natur und nur in diesem Jahr beobachtbar.

Sondereffekte treiben Inflationsraten

Um richtig einordnen zu können, was hier vor sich geht, ist es wichtig zu wissen, dass Inflationsraten im Vorjahresvergleich gemessen werden und im HVPI – dem harmonisierten europäischen Inflationsmaß – zu Beginn jedes Jahres die Konsumgewohnheiten der privaten Haushalte des abgelaufenen Jahres im Warenkorb neu berücksichtigt werden. Aktuell sind es vor allem drei vorübergehende Sonderfaktoren, die hierzulande die Teuerungsraten nach oben treiben.

Im Jahr 2020 haben die Menschen ihren Konsum bei Reisen, Verkehr oder Kleidung runtergefahren. Stattdessen wurde mehr zu Hause gekocht, also mehr für Lebensmittel ausgegeben. Das führte zu Jahresbeginn zu einer ungewöhnlich starken Veränderung der Gewichte im Warenkorb. „Damit schlugen sich die kräftig gestiegenen Preise für Lebensmittel stärker nieder, während die Gewichte ausgerechnet solcher Güter und Dienstleistungen reduziert wurden, deren Preise zum Jahresanfang typischerweise stark fallen – etwa Pauschalreisen, Hotelübernachtungen, Flugtickets oder Kleidung“, erklärt Kater.

Ein weiterer Faktor ist die zu Jahresbeginn 2021 erfolgte Einführung der neuen CO2-Steuer. Zugleich wurde die Mehrwertsteuer wieder auf 19 Prozent erhöht. Das hat die Teuerungsrate spürbar nach oben getrieben und wird sie im zweiten Halbjahr 2021 nochmals steigen lassen, weil dann die aktuellen Preise inklusive 19 Prozent Steuer mit den damaligen Preisen inklusive 16 Prozent Steuer verglichen werden.

Als dritter Faktor waren im Frühjahr 2020 die Rohölpreise und damit viele Energiepreise regelrecht eingebrochen. Auch die im Vergleich dazu nun deutlich höheren Preise treiben in diesem Frühjahr die Teuerungsrate an. „All diese Sondereffekte werden aber Anfang des Jahres 2022 verblassen, dann dürften die Inflationsraten in Deutschland und Europa wieder deutlich sinken“, so der Deka-Chefvolkswirt.

Eher eine kommunikative Herausforderung

Coronabedingte Sondereffekte wirken auch bei der US-Inflation. Hier sei die Gefahr einer Überstimulierung der US-Wirtschaft durch den gigantischen Fiskalstimulus angestiegen, sodass in den USA die zugrundeliegende Inflationsdynamik im Gegensatz zu Europa höher sein dürfte. „Aus unserer Sicht gibt es daher in den USA mittelfristige Inflationsrisiken, in Euroland dagegen weniger. Der Druck auf die US-Notenbank Fed könnte zudem ab Sommer spürbar zunehmen, ihre lockere Geldpolitik zurückzunehmen.“

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Im Vergleich zu den aggressiven US-Fiskalprogrammen ist der Stimulus in Europa jedoch relativ gering. Entsprechend gelassen könne die Europäische Zentralbank mit Blick auf die Inflationsentwicklung in Euroland sein. „Sie wird noch für einige Zeit ihre Anleihekaufprogramme fortsetzen und ihre extrem niedrigen Leitzinsen beibehalten“, so Kater, der festhält: „Die vorübergehend höheren Inflationsraten und die Renditeanstiege stellen für die Notenbank eher eine kommunikative Herausforderung dar. Da hinter den Renditeanstiegen auch ein starker Wachstumsausblick für die Weltwirtschaft steht, sind sie für die Aktienmärkte verkraftbar. Anleger mit einem breit gestreuten Portfoliomix können den Inflations- und Renditeturbulenzen gelassen begegnen, für sie gibt es keinen Handlungsbedarf.“

Stand: 9.3.2021