Interview „Der Dax hat Nachholpotenzial“

Welche Aktienmärkte sind noch nicht ausgereizt und was hat es mit der neuen Zinswelt auf sich? Deka-Stratege Joachim Schallmayer gibt Antworten.


TEXT: Daniel Evensen

Herr Schallmayer, die Wirtschaft in Deutschland kam 2019 nur im Kriechgang voran. Trotzdem hat der DAX einen erheblichen Kursanstieg hinter sich und legte auch Anfang 2020 weiter zu. Ist das nicht etwas zu viel des Guten?
Joachim Schallmayer: Der Schein trügt. Von dem herausragenden DAX-Jahrgang 2019 darf man sich nicht blenden lassen. Man muss 2019 zusammen mit dem schwachen Jahr 2018 betrachten – da hatte der Deutsche Aktienindex schließlich mehr als 18 Prozent verloren.

Deka-Stratege Joachim Schallmayer

DAX und Wirtschaftslage passen also doch ganz gut zusammen?
Über die vergangenen Jahre gesehen bleibt beim DAX unterm Strich eine erfreuliche Wertentwicklung, die aber nicht unverhältnismäßig ausfällt. Das passt in der Tat alles ganz gut zur aktuellen Konjunkturflaute, den Handelskonflikten und dem strukturellen Wandel in der für Deutschland so wichtigen Autoindustrie. Im internationalen Vergleich gehört der deutsche Aktienmarkt sogar eher zu den Nachzüglern. Jetzt hat er unserer Einschätzung nach aber Nachholpotenzial.

Warum das? Die Wirtschaftsprognosen für 2020 sehen auch nicht gerade rosig aus.
Das stimmt, die schwierige Konjunkturlage wird uns weiter begleiten. Dennoch schauen die Unternehmen nicht mehr so negativ in die Zukunft wie noch vor einigen Monaten, ihre Gewinne stabilisieren sich und die europäische Geldpolitik dürfte weiter expansiv bleiben. Gut möglich, dass der DAX im Jahresverlauf daher die Marke von 14.000 Zählern in Angriff nimmt.

Die meisten Deutschen haben trotz des lang anhaltenden Börsenaufschwungs aber gar keine oder kaum Aktien im Depot. Lohnt sich das Investieren jetzt noch?
Mehr denn je. Zwar werden die Bäume an den Börsen wohl eher nicht in den Himmel wachsen. Doch allein die regelmäßigen Dividendenzahlungen rechtfertigen das Wertpapiersparen. Wenn dann langfristig noch leichte Kurszuwächse dazukommen, sind jährliche Gesamterträge von rund 5 Prozent eine realistische Zielgröße für die 2020er. Das ist wohlgemerkt ein Durchschnittswert, zwischenzeitliche Rückschläge und auch einzelne schwache Jahrgänge lassen sich bei Aktien nicht ausschließen und können zu Verlusten führen. Dennoch ergibt das ein attraktives Chance/Risiko-Verhältnis für Aktien, vor allem verglichen mit den Alternativen. Denn als Anleger stehe ich ja vor der Frage: Welche Möglichkeiten habe ich überhaupt noch?

„Die Börse ist kein großes Kasino, in dem man aufs Ganze gehen muss.“Joachim Schallmayer, Leiter Kapitalmärkte und Strategie der Deka

Wie wäre es mit Zinsen? Müssten die nicht irgendwann einmal zurückkommen?
Vielleicht irgendwann einmal, aber nicht in den kommenden Jahren. Warum auch? Die Weltwirtschaft wächst mäßig, wir haben eine moderate Inflation und auch die Demografie spricht dagegen. In den Industriestaaten sind zig Millionen Menschen händeringend auf der Suche nach Anlagen für ihre Vorsorge und greifen selbst bei niedrigsten Zinsen zu. Wir sind in einer neuen Zinswelt angekommen.

Stecken wir da nicht schon eine gefühlte Ewigkeit drin?
Ja, beim Tagesgeld und Sparbriefen oder am Geldmarkt. Aber in vielen Portfolios schlummerten bislang noch langlaufende Anleihen aus besseren Zinszeiten, die ihren Besitzern jedes Jahr anständige Ausschüttungen brachten. Auch diese Papiere laufen aber bald aus. Dann schlägt die Nullzinszeit voll durch: Ob man dann nach soliden Staatsanleihen oder nach Unternehmensanleihen mit hoher Bonität schaut, überall steht eine 0 als Zins drauf. Oder die Anleihen haben sogar eine negative Rendite, die Besitzer müssen also draufzahlen. Nur wer bereit ist, auch bei Anleihen gewisse Risiken einzugehen, kann noch eine Verzinsung erwarten. Für sichere festverzinsliche Papiere gilt in der neuen Zinswelt: Sie kosten die Anleger spätestens nach Abzug der Inflation Geld. Deshalb ist es umso wichtiger, sich mit den Chancen – und natürlich auch Risiken – der Aktienanlage zu beschäftigen.

Bei Tagesgeld zahlen Anleger drauf

Stichwort Risiko: Viele Menschen haben fast eine Phobie vor Aktien, wie gerade wieder eine Umfrage im Auftrag der Deutschen Börse gezeigt hat. 67 Prozent der Befragten haben Angst vor hohen Verlusten durch ökonomische Katastrophen, 64 Prozent haben kein Vertrauen in die Aktienmärkte, 62 Prozent befürchten gar Betrug.
Das lässt sich rational nicht erklären. Denn eigentlich gibt es keine andere Anlageklasse, die so transparent, liquide, reguliert und nachvollziehbar ist wie die Aktie. Erfreulicherweise hat die Studie aber auch eine andere, sehr positive Seite: Von den Befragten, die bereits Aktien besitzen, teilt nur eine Minderheit die Ängste derjenigen, die keine Aktien besitzen. Das macht Hoffnung.

Hoffnung worauf?
Dass eigene Erfahrungen mit Aktien offensichtlich zu einer sachlicheren Einstellung und realistischeren Erwartungshaltung führen können. Die Börse ist kein großes Kasino, in dem man aufs Ganze gehen muss und über Nacht reich oder arm wird. An der Börse sollte man nicht spekulieren, sondern investieren, um mit Dividenden und langfristigen Wertzuwächsen an der Entwicklung interessanter Unternehmen teilzuhaben.

Ohne Nervenkitzel, Panik oder Euphorie?
Ja, die Aktienanlage kann eine richtiggehend langweilige Angelegenheit sein – im positiven Sinne. Anleger, die das erkennen und einmal mit einem sachlich-kritischen Blick ihre Investments genau prüfen, werden möglicherweise auch feststellen, dass sie im heutigen Zinsumfeld eine etwas höhere Aktienquote im Depot vertragen könnten.

Wie hoch?
Das hängt sehr individuell vom einzelnen Anleger, seinen Bedürfnissen und Zielen ab. Aber nehmen wir als Beispiel Erika Mustermann, die für ihre Altersvorsorge spart, noch mindestens 25 Jahre Ansparzeitraum hat und daher mit Kursschwankungen gut leben kann. Für sie wären um die 70 Prozent Aktienquote angemessen.

W elche Märkte bieten sich an, wenn Erika oder andere Anleger ihr Aktienengagement ausbauen wollen? Deutsche Aktien erwähnten Sie bereits. Wo sehen Sie außerdem noch Potenzial? Mein grundsätzlicher Rat lautet, sich nicht zu sehr auf einzelne Bereiche festzulegen. Zunächst sollten Anleger sicherstellen, dass sie mit ihrem Depot breit gestreut in allen bedeutenden Wirtschaftsregionen der Welt vertreten sind. Das können sie beispielsweise mit globalen Aktienfonds ganz einfach bewerkstelligen. Wer darüber hinaus bestimmte Akzente setzen möchte, kann sich nicht nur Deutschland, sondern den gesamten europäischen Markt näher ansehen. Die Schwellenmärkte halten wir ebenfalls für interessant. Ähnlich wie Deutschland haben sie aktuell noch Nachholpotenzial und auch langfristige strukturelle Trends – wie Wachstum und Demografie – sprechen für sie. Die USA zählen dagegen derzeit wegen der überdurchschnittlich hohen Bewertungen von US-Aktien und ihren unterdurchschnittlichen Dividendenrenditen nicht zu unseren Favoriten. Bleibt noch die Frage, auf welche Art und Weise Anleger investieren. Dieser Aspekt wird immer wichtiger.

Was meinen sie mit Art und Weise?
Wir alle merken tagtäglich, wie sehr die Themen Klimaschutz und Nachhaltigkeit an Bedeutung gewinnen – völlig zu Recht. Und ob es Bayer mit Glyphosat, RWE mit dem Hambacher Forst oder jetzt Siemens mit dem Kohleprojekt in Australien ist, der Druck auf Unternehmen wächst, in jeder Hinsicht verantwortungsvoll zu wirtschaften. Was viele Menschen noch nicht wissen: Mit Nachhaltigkeitsfonds unterstützen sie vorbildliche Unternehmen in Sachen verantwortungsvollem Handeln und helfen denen auf die Sprünge, die noch nicht so weit sind. Die Deka ist überzeugt davon, dass die 2020er den Durchbruch für nachhaltiges Investieren bringen werden.

Stand: 28.01.2020